Deutschland-Chef Bartl im Interview

Für Sat.1 lässt sich in Berlin ein Nachmieter finden

“Sat.1 bleibt ein starker Sender“ - Andreas Bartl, Deutschland-Chef von Pro Sieben Sat.1

"Sat.1 bleibt ein starker Sender" - Andreas Bartl, Deutschland-Chef von Pro Sieben Sat.1

13. November 2008 Ein Sender zieht um, keiner will mit: Sat.1 muss von Berlin nach München, Entlassungen stehen an, der Betriebsrat will klagen. Im F.A.Z.-Interview verteidigt der Deutschland-Chef von Pro Sieben Sat.1, Andreas Bartl, den symbolträchtigen Akt.

Sat.1 zieht zum 1. Juni von Berlin nach München-Unterföhring. Warum?

Wir sind der Überzeugung, dass wir mit unserer Reorganisation eine gute Grundlage für eine bessere Zukunft schaffen. Zum ersten Mal werden alle Vollprogramme unserer Gruppe - Pro Sieben, Sat.1 und Kabel Eins, unter einem Dach zusammenarbeiten. Durch den direkten Austausch zwischen den Sendern wird ein großes Potential freigelegt. Es geht zum anderen darum, dass wir in einem wirtschaftlichen schwierigen Umfeld - wie jedes Unternehmen in Deutschland -, Sparmaßnahmen ergreifen müssen. Das Entscheidende aber ist, dass wir diese Krise auch als Chance sehen.

Angeblich soll die Sendergruppe hundert Millionen Euro einsparen.

Wir sind mitten im Budgetprozess und können dazu noch nichts sagen.

Rechnet sich der Umzug denn? Sat.1 hat in Berlin Mietverträge bis ins Jahr 2024, die aufzulösen sehr teuer wäre.

Ja, er rechnet sich. Und was die Mietverträge betrifft, ohne die Laufzeit zu kommentieren, so sind wir sicher, in einer solchen Lage Nachmieter zu finden.

Befürchten Sie nicht, dass Sie Potential verlieren? Die Mitarbeiter von Sat.1 wollen nicht weg aus Berlin. Beim Fernsehen kommt es auf die kreativen Köpfe an, genau die könnten ihnen weglaufen.

Wir werden uns sehr darum bemühen, dass wir die Kreativköpfe mit nach München nehmen, um dort ein neues Sat.1 in der Münchner Struktur zu etablieren.

Man könnte denken: Das ist ein verkappter Arbeitsplatzabbau, und Sie rechnen damit, dass nicht alle mit nach München gehen, sondern den Sender verlassen.

Jeder, der nach München möchte, bekommt von uns dort ein Jobangebot. So haben wir es verkündet und dazu stehen wir.

Aber es sollen nicht nur 350 Mitarbeiter umziehen, 225 von dreitausend Stellen in Deutschland werden abgebaut. Ist das eine die Schnittmenge des anderen? Wo streichen Sie die Stellen?

Über alle Unternehmensteile hinweg an beiden Standorten. Die 225 Stellen sind keine Schnittmenge der 350.

Können Sie den Widerstand der Belegschaft verstehen? Ihre Mitarbeiterversammlung in Berlin war tumultuarisch, Sie wurden ausgepfiffen.

Die Emotionalität und Betroffenheit der Mitarbeiter in Berlin kann ich hundertprozentig verstehen. Ich kann verstehen, dass die Leute geschockt und verletzt sind und sich das alles anders gewünscht hätten. Es war sehr emotional.

Wo liegt denn der reale Vorteil des Umzugs? Der Nachrichtensender N 24 bleibt in Berlin, die Zentralredaktion von Sat.1 auch. Der bisherige Hauptstadt-Sender zieht um und wird zerteilt.

Berlin bleibt unser wichtigster Produktionsstandort in Deutschland für Nachrichten und tägliche Magazine. In München werden die Vollprogramme gemacht.

Doch was ist mit einem möglichen Imageverlust? Sat.1 ist jetzt der Sender ihrer Gruppe in Berlin, demnächst ist es einer aus Unterföhring.

Sat.1 ist für uns der wichtigste Sender, schon allein weil er aufgrund seiner breiten Zielgruppenausrichtung das größte kommerzielle Potential hat. Deswegen gilt als Maxime für die gesamte von mir geführte German-Free-TV-Truppe, dass wir Sat.1 stärken werden.

Viele Geschäftsführer wechseln: Guido Bolten wechselt als Chef von Kabel Eins zu Sat.1, bei Kabel Eins tritt der bisherige stellvertretende Pro-Sieben-Geschäftsführer Jürgen Hörner an, der bisherige Sat.1-Geschäftsführer Matthias Alberti leitet neben ihnen die deutschen Sender in der German Free TV-Holding. Da darf man doch annehmen, dass sie das von langer Hand vorbereitet haben.

So lang war die Hand nicht. Wir haben uns angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise und der Aussichten für das nächste Jahr mit der Frage beschäftigt, wie wir uns krisenfest und zukunftssicher aufstellen. In diesem Zusammenhang haben sich ein paar Positionen ergeben, die wir verändern wollten. Über die Unterstützung von Matthias Alberti an meiner Seite bei German Free TV freue ich mich sehr. Daraus ergaben sich die anderen Neubesetzungen mit Guido Bolten und Jürgen Hörner. Torsten Rossmann wird als Chef von N 24 und der Sat.1-Zentralredaktion unsere journalistische Kompetenz weiter ausbauen - in Berlin.

Welche Rolle spielen Ihre Eigentümer, KKR und Permira? Sind Sie mit ihrem Plan vorgetreten oder war es umgekehrt der Druck, ein Auftrag der Investoren?

Der Vorstand hat die Reorganisation beschlossen, und der Aufsichtsrat hat sie genehmigt.

Wie arbeitet es sich unter den Investoren? Die haben sehr hohe Renditeerwartungen. Pro Sieben Sat.1 liegt schon bei einer Rendite von zweiundzwanzig Prozent, das Ziel lautet dreißig. Ist das nicht angesichts der Wirtschaftskrise und Kostenzwänge utopisch?

Was sie nicht einnehmen, das können sie nicht ausgeben. Wir werden niemals an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Unser Geschäft beruht auf starken Sendern und auf starken Programmen. Wir werden die Qualität des Programms in jedem Fall erhalten. Um dem Kostendruck zu widerstehen, werden wir eher unsere Organisation noch effizienter gestalten.

Seit Pro Sieben Sat.1 mit der skandinavischen SBS-Gruppe fusioniert worden ist, haben die Sender Schulden von 3,7 Milliarden Euro. Allein der Schuldendienst soll pro Jahr 250 Millionen Euro betragen. Wie machen Sie noch Programm?

Der Kauf der SBS-Gruppe, durch den sich der Konzern international aufgestellt hat, wird sich auf lange Sicht auszahlen. Sie sehen ja auch, dass das internationale Geschäft im Vergleich zum deutschen sehr gut läuft. Was die Leistung der einzelnen Sender betrifft, liegen wir sehr gut im Rennen. Pro Sieben und Kabel Eins erzielen Marktanteilsrekorde, Sat.1 hat sich auf einem Niveau von elf Prozent stabilisiert, was vor einem Jahr in weiter Ferne lag. N 24 ist auch sehr gut unterwegs.

Bleibt Sat.1 überhaupt eigenständig? Der frühere Sat.1-Chef Roger Schawinski nennt den Umzug eine „Tragödie“.

Nochmals: Sat.1 ist der wichtigste Sender unserer Gruppe und bleibt selbstverständlich eigenständig. Eine starke Sendergruppe baut auf starken Sendern auf. Sat.1 hat die Talsohle durchschritten, war der Wachstumssieger im ersten Halbjahr und wächst weiter. Sat.1 ist ein Riese. Sat.1 stand immer und steht für große Marken. Wie Sie wissen, war ich lange selbst Programmgeschäftsführer. Ich habe Marken repariert und gewartet, ich verstehe sehr gut, dass das Programm der Kern unserer Arbeit ist. Die Sorgen von Roger Schawinski kann ich zerstreuen: Sat.1 bleibt ein starker Sender, wir werden sein Profil als Sender für die großen deutschen Programme nicht verändern, wir unterstützen ihn mit dem vollen Potential unserer Gruppe. An zwei verschiedenen Standorten schaffen sie das vielleicht zu fünfundsiebzig Prozent, an einem zu hundert.

Dann sind Sie künftig der Programmchef, die Senderchefs sind Filialleiter.

Nein. Auch in der neuen Struktur haben die Geschäftsführer dieselbe Entscheidungshoheit wie zuvor, sie sind für ihre Programme verantwortlich und berichten an mich, den Vorstand Fernsehen.

Das Gerücht, dass Pro Sieben Sat.1 den einen oder anderem Sender verkaufen könnte, hat sich jetzt wohl erledigt.

Ja. Unsere neue Struktur ist das klarste Statement gegen einen einzelnen Senderverkauf, das ich mir vorstellen kann.

Und wie lange werden die Investoren bei Pro Sieben Sat.1 bleiben?

Die Frage kann ich direkt nicht beantworten, das müssen sie die Investoren fragen. Ich glaube aber, dass die Investoren nicht unter Druck stehen und auf ein langfristiges Investment eingestellt sind.

Eine Position bleibt bei dem großen Revirement offen. Das ist die des Vorstandsvorsitzenden Guillaume de Posch, der zum 1. Januar geht. Sie werden nicht zufällig sein Nachfolger?

Davon gehe ich nicht aus.

Wer wird es stattdessen?

Das weiß ich tatsächlich nicht.

Das Gespräch führte Michael Hanfeld.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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