Late-Night-Shows

Der Wille zur Nacht

Von Harald Keller

Zurück im Rampenlicht: Niels Ruf

Zurück im Rampenlicht: Niels Ruf

18. April 2008 Der Schreck war groß an jenem lauen Abend am Strand von Miami Beach. Im Dunkeln regten sich martialische Gestalten. Die Touristen in den anliegenden Hotels fürchteten einen Überfall der Sowjets. Doch waren es die eigenen Jungs, die da eine nächtliche Landung probten. Allerdings handelte es sich nicht um eine offizielle Übung - die Marines hatten sich spontan von Late-Night-Moderator Steve Allen zu dem Manöver anstiften lassen. Und waren jetzt live im Fernsehen zu sehen.

Der Streich mit der vermeintlichen Invasion ist nur einer der Gründe, warum nachgeborene Moderatoren dem 2000 verstorbenen Allen Respekt zollen. Der vormalige Lehramtsstudent ging als Universalist in die Mediengeschichte ein - er schrieb viele seiner Gags und um die fünfzig Bücher, er spielte Klavier und komponierte Erfolgstitel, er moderierte Ringkämpfe, Talk- und Castingshows - die öffentliche Talentprobe ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts; ihre Geschichte beginnt vor dem Fernsehzeitalter.

Baden in Gelatine

Der Urvater der Late Night: Steve Allen

Der Urvater der Late Night: Steve Allen

Steve Allen spielte Kinorollen, etwa in der „Benny Goodman Story“ und in reiferen Jahren unter Martin Scorsese in „Casino“. Vor allem war der Sohn zweier Vaudeville-Stars ein schlagfertiger Conférencier, der aus dem Stand mit prominenten Gästen, mit Mitgliedern des Auditoriums oder mit Passanten auf der Straße heitere Szenen zu extemporieren verstand. Der um des Effektes willen auch mal in Gelatine badete und politischen Stand-up-Comedians ein Forum bot.

Mitte der fünfziger Jahre entwickelte Allen die Grundelemente der Late-Night-Show und wurde zum Vorgänger von Größen wie Johnny Carson, Dick Cavett, Jay Leno und David Letterman. Die spätabendlichen Spaß- und Plauderstunden waren in Amerika das Refugium eines anarchischen und aktionistischen, aber auch explizit zeitkritischen Humors, die zu Beginn der siebziger Jahre deutsche Fernsehschaffende animierten, die Talkshow nach Deutschland zu holen. Zwar hatte es dergleichen hierzulande seit Anbeginn des Fernsehens gegeben. Aber mit dem angelsächsischen Begriff für Wortsendung, mit dem Flair von New York und Hollywood, von Jetset und großer Welt, erschien die Programmform weitaus attraktiver.

Wir sind einfach da

Doch anstelle der frechen Mischung aus satirischem Kommentar, Nonsens und vorgeblich spontanen Gesprächen gab es bei ARD und ZDF zumindest anfänglich themenlastige Gesprächssendungen und Interviewporträts, die schon allein deshalb ihren Vorbildern nicht nahekamen, weil die montags bis samstags ausgestrahlt werden und sich als tagesaktuelle Sendungen verstehen. In Deutschland ergab sich die Möglichkeit einer solchen Ausstrahlungsdichte erst mit der Ausweitung der Programmstunden, als die Privatsender auftraten. Harald Schmidt war dem Wesen der Late-Night-Show sehr nahe, als er 1998 prophezeite: „Ich glaube, dass wir immer selbstverständlicher werden, ein ganz normaler Bestandteil des Fernsehens. Wir sind einfach da wie die ,Tagesschau'.“

Mit Schmidts zeitweiligem Rückzug und dem in der Öffentlichkeit als Scheitern aufgefassten vorzeitigen Ende der Nachfolgesendung „Anke Late Night“ verschwand diese Spielart dann jedoch wieder aus dem Programm. Johannes B. Kerners Talkshow fällt unter eine andere Kategorie, bei Stefan Raabs „TV total“ fehlen entscheidende Momente, die eine gute Late-Night-Show ausmachen.

Kein Pardon

Der Late-Night-Humor ist unberechenbar und kennt kein Pardon. Ein David Letterman verschont weder sich selbst noch den eigenen Sender. Unvergessen, wie er einen Investor, der die Senderkette CBS erwerben wollte, in gespielter Wut zu einem Boxkampf herausforderte. Die schnellen Richtungswechsel, die uneigentliche Rede, die mimetischen Darbietungsformen sind naturgemäß verwirrend für ein Publikum, das die klare Stoßrichtung politischen Kabaretts gewohnt ist. Deshalb gilt Harald Schmidt einigen als Zyniker. Tatsächlich ist er der perfekte Late-Night-Moderator. Was er in jüngster Zeit häufiger unter Beweis stellt, während sein Zauberlehrling Oliver Pocher noch immer nach Stimmbruch klingt. Nicht nur vocale, auch inhaltlich.

Schont weder sich noch seinen Sender: David Letterman, hier mit Britney Spears

Schont weder sich noch seinen Sender: David Letterman, hier mit Britney Spears

Für den Sat.1-Geschäftsführer Matthias Alberti zählt zu den Eigenschaften eines Late-Night-Moderators, dass man sich an ihm reibt: „Man muss über seine Witze lachen können, aber zugleich auch ein bisschen nachdenklich oder neu orientiert werden.“ Der Autor und Schauspieler Peter Rütten, seit einigen Monaten wieder in Schmidts redaktionellem Team tätig, ist als Beobachter und Praktiker ein intimer Kenner des Genres. Er war 1994 an Thomas Koschwitz' „Nachtshow“ beteiligt, der Absicht und Form nach die Late-Night-Show in Deutschland. Rütten erwartet von einem Late-Night-Moderator „ein politisches Bewusstsein, eine politische Neugier, ei ne Neugier auf das, was gerade im Lande oder auch im eigenen Leben passiert“.

Ich bin Exhibitionist!

Die Tradition des Late-Night-Humors verweist eher auf Karl Kraus denn auf das konsensuelle Kabarett. Ein Kraussches Verdikt wie „Man kann dem übermütigsten Beamten den Fuß auf den Nacken setzen, wenn man ihm zuruft: ,Ich bitte mir diesen Ton aus, Sie scheinen nicht zu wissen, wer ich bin. Ich bin Exhibitionist!'“ wäre eine wundervolle Late-Night-Pointe. Die Late-Night-Show passt damit weit besser in unsere Zeit als ein vergrämt mäkelnder Kabarettismus. Neben der brancheneigenen Vorliebe für diese Sparte ein weiterer Grund, weshalb das Genre über „Schmidt & Pocher“ hinaus wieder größere Aufmerksamkeit findet. RTL tendiert, wenngleich halbherzig, mit der samstäglichen Reihe „Achtung! Hartwich“ in die Richtung. Der Bayerische Rundfunk hat mit „Grünwald Freitagscomedy“ seit längerem eine mundartliche Variante im Programm. Die klassische Manier pflegte bislang der Digitalkanal Sat.1-Comedy mit der wöchentlichen „Niels Ruf Show“.

Von Absicht und Form her die deutsche Late-Show: “RTL-Nachtshow“ mit Thomas Koschwitz (1994-95)

Von Absicht und Form her die deutsche Late-Show: "RTL-Nachtshow" mit Thomas Koschwitz (1994-95)

Vom heutigen Freitag an wird Niels Ruf regelmäßig freitags um 23.15 Uhr bei Sat.1 vors Publikum treten. Die „Niels Ruf Show“ habe sich, so Senderchef Matthias Alberti, in ihrer Zeit bei Sat.1-Comedy „genau richtig entwickelt“, weshalb es auch keine Änderungen am Konzept gebe: „Wir freuen uns auf eine harte, klare Late-Night-Show.“ Was harten, kompromisslosen Humor angeht, hatte sich Ruf als Moderator der Viva-Sendung „Kamikaze“ ein einschlägiges Image zugelegt, auch wenn sich mancher ihm zugeschriebene Skandal bei genauerem Hinsehen als Resultat boulevardesker Informationsverkürzung erweist. Dennoch: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich da etwas ausgelassen habe“, bekennt Ruf. Er weiß aber auch: „Der Tabubruch ist nicht per se lustig. Natürlich lebt Witz auch von Schockelementen.“ Lachend fügt er hinzu: „Aber jetzt können das mal andere machen.“

Der Wille zum Werktag

Bei der Frage, ob er nach einem Ereignis wie den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wie Harald Schmidt pausiert oder wie David Letterman weitergesendet hätte, gerät Ruf ins Sinnieren. „Ich weiß nicht. Damals herrschte doch Weltuntergangsstimmung.“ Generell müsse, so Ruf, eine Late-Night-Show nicht zwingend witzig sein. Letztlich tendiert er zum Weitersenden, bei angemessenem Umgang mit der jeweiligen Situation. Ruf, der in Kürze seinen 35. Geburtstag feiert, sieht sein neues Projekt definitiv in der Tradition des amerikanischen Late-Night-Genres, bezieht sich aber eher auf die jüngeren Vertreter wie Conan O'Brien und Jimmy Kimmel. Er macht kein Hehl aus seiner Hoffnung, werktäglich auf Sendung zu gehen: „Der Wille ist vorhanden.“

Zyniker und Zauberlehrling: Schmidt & Pocher

Zyniker und Zauberlehrling: Schmidt & Pocher

Matthias Alberti, der diese Entscheidung zu verantworten hätte, zieht sich noch listig auf die Position des Bildschirmbeobachters zurück: „Als Zuschauer würde ich es lieben. Dann wüsste ich, was ich täglich um 23 Uhr mache.“ Darin verbirgt sich eine Hoffnung, die viele Zuschauer mit Alberti teilen - sie gilt einer werktäglichen Show mit scharfen tagesaktuellen Kommentaren, mit Aktionen zwischen Gaga und Dada, Nonsens und Gesprächen, die über reine Eigenreklame hinausreichen. Die Zeiten rufen förmlich danach.

„Die Niels Ruf Show“ läuft immer freitags um 23.15 Uhr bei Sat.1.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Cinetext/Galuschka, ddp, Sat.1

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