BBC-Korrespondent Johnston

Die Geschichte einer Befreiung

Von Jörg Bremer, Jerusalem

Ein Lächeln der Erleichterung

Ein Lächeln der Erleichterung

04. Juli 2007 Sogar nach 114 Tagen Kerkerhaft, nach Todesdrohung und Dunkelheit ist der BBC-Korrespondent Alan Johnston weiter Herr seiner „story“. Er sieht müde aus, auch magerer als vorher, wohl sind seine Haare grauer geworden; aber seine Auskünfte nach der Befreiung am frühen Mittwochmorgen sind nicht nur präzise; sie sind ohne politischen Kommentar. Die islamistische Hamas-Bewegung unter dem abgesetzten Ministerpräsidenten Hanija, die seit ihrer Machtübernahme im Gazastreifen versucht, ihre eigene Ordnung durchzusetzen, wollte Johnston zu einem Dank veranlassen. Aber dazu kam es - zumindest bisher - nicht. Wohl aber wies Johnston darauf hin, „dass sich die Entführer ziemlich bequem und sicher fühlten bis vor zwei Wochen, als die Hamas die Verantwortung für die Sicherheit übernahm“.

Äußerlich gelassen und nur mit einem Lächeln der Erleichterung, bekennt Johnston neben Hanija, dass er sich kaum vorstellen könne, nun wieder frei zu sein. „Die vergangenen 16 Wochen waren die härtesten in meinem Leben“, sagt er. „Ich war in den Händen von Menschen, die gefährlich sind und unberechenbar.“ Oft habe er geträumt, endlich frei zu sein, „und dann wachte ich doch nur in jenem Raum wieder auf“. Die drohende Lebensgefahr, in der er seit der Entführung am 12. März geschwebt hatte, kehrte in den letzten Stunden seiner Haft noch einmal zurück. Die Entführer, die ihn sonst offenbar korrekt behandelten, legten ihm mitten in der Nacht Handschellen an: „Sie zogen mir eine Kapuze über und schlugen mich.“

Stärkste Kraft im Gazastreifen

“Ehrung“ durch die Hamas: Johnston (li.) und Hanija

"Ehrung" durch die Hamas: Johnston (li.) und Hanija

Johnston war entführt worden, als der Machtkampf in der Regierung der nationalen Einheit zwischen der Fatah-Bewegung von Präsident Abbas und den Islamisten der Hamas noch tobte. Die Hamas ist seit Jahren stärkste Kraft im Gazastreifen, aber die Sicherheitsdienste gehorchten der Fatah. Hamas und Fatah lähmten sich gegenseitig. Das nutzten viele einflussreiche Familien aus, so auch der Dogmush-Clan. Unter dem Deckmantel einer „Armee des Islam“ verbreiteten seine Mitglieder Angst und Schrecken. Sie sind kaum politisch orientiert, auch wenn sie sich einmal zur Fatah rechneten und jetzt eher zu Hamas zählen lassen.

Seit ihrer Machtübernahme suchte die Hamas einen Erfolg in dem Küstenstreifen, in dem fast 1,5 Millionen Menschen auf engstem Raum leben, hinter meist verschlossenen Grenzen nach Israel und Ägypten. Die westliche Gemeinschaft und Israel haben den Gazastreifen wegen der Hamas mit einem rigiden Boykott belegt. Nur die Vereinten Nationen können mit Hilfsgütern in die Region. Die Hamas, die den Gazastreifen nie selbst regieren wollte, sondern nur neben Fatah der stärkere Partner sein wollte, muss dies Elend nun allein bewältigen. Um den Boykott zu brechen, versucht die Hamas, ihr Bild in der Welt zu verbessern.

„Gaza ist sicher, Gaza ist sauber, Gaza ist grün“

Nach der Freilassung Johnstons sagte der Hamas-Politbürochef im syrischen Exil, Meschal: Die Hamas „zeigt nun den Unterschied zwischen einer Phase, in der eine Gruppe für Anarchie und Chaos sorgte, und der jetzigen Situation, in der Hamas die Sicherheitslage stabilisiert“. Ein Sprecher des ehemaligen Ministerpräsidenten Hanija sagte, die Hamas habe bewiesen, dass sie Recht und Ordnung herstellen könne. „Gaza ist sicher, Gaza ist sauber, Gaza ist grün“, sagte er im Blick auf die grüne Farbe des Propheten. Hanija selbst ging gleich noch einen Schritt weiter und sprach von der Hoffnung auf eine baldige Freilassung des vor einem Jahr entführten israelischen Soldaten Gilat Schalit.

Hanija und der ehemalige Außenminister Zahar saßen dabei links und rechts von Johnston; sie servierten „dem Freund des palästinensischen Volkes“ Käse, Houmus und Eier. Sie legten dem verdutzten Johnston eine palästinensische Flagge über die Schultern, die dieser mit sichtlichem Unwillen gleich wieder ablegte. Offenbar wollte er auch in dieser Situation nicht parteiisch erscheinen.

Die Solidarität der Mitjournalisten

Drei Jahre lang war Johnston wohl der einzige westliche Journalist, der ständig im Gazastreifen arbeitete und wohnte. Im März wäre seine Zeit dort vertragsgemäß zu Ende gewesen, doch auf dem Weg zu seinem Wagen wurde er mit Waffengewalt entführt. Viermal wechselten seine Entführer das Quartier. Zunächst hatte er ein Zimmer mit Fenster; später nur noch einen Raum ohne Licht. Aber immerhin konnte er über ein Radiogerät seinen eigenen Sender hören und wurde nach eigenem Bekunden durch die Anteilnahme der Welt an seinem Los gestärkt. So erlebte er auch mit, wie die Öffentlichkeit reagierte, als ihn seine Entführer vor einigen Tagen mit einem Sprengstoffgürtel zeigten - in den ersten Bildern seit seiner Entführung. Er spürte die Solidarität der Mitjournalisten vor allem im Gazastreifen, die für ihn auf die Straße gingen.

Vom Interviewer zum Interviewten

Vom Interviewer zum Interviewten

Mit diesem Video begann der Verhandlungskampf um seine Befreiung. Die Entführer wollten ihre Ernsthaftigkeit bekunden. Dem Vernehmen nach schaltete sich ein „Obrist“ der „Volkswiderstandskomitees“ ein, die zunächst als Entführer gegolten hatten, und begann mit der Vermittlung zwischen der Hamas und dem Dogmush-Clan. Wichtig war auch ein religiöser Richtspruch, eine Fatwa, von Scheich Al Daya, der beide Seiten aufforderte, für die baldige Freilassung zu wirken. Jetzt heißt es, es sei kein Lösegeld gezahlt worden.

Eine Würdigung der Hamas ist nicht zu hören

Gewiss aber gab der Clan den Reporter nicht ohne den Druck der Hamas frei. In den vergangenen Tagen hatten die Exekutivkräfte der Hamas und die Al-Kassem-Brigaden Angehörige des Clans, darunter seinen Sprecher, verhaftet. Am Dienstag nahm eine ungenannte Zahl von Scharfschützen das Hauptquartier der Familie ins Visier. Es wurde ein Gefangenenaustausch vereinbart. In einer Erklärung heißt es: Johnston „wurde unter dem Druck der Exekutivkräfte übergeben. Dabei floss nicht ein einziger Tropfen Blut.“

Hanija feiert den befreiten Johnston

Hanija feiert den befreiten Johnston

Offiziell reagierte die palästinensische Autonomiebehörde von Präsident Abbas in Ramallah erleichtert: Gruppen wie die „Armee des Islam“ zerstörten „die Autorität des Rechts und schaffen Chaos“. Eine Würdigung der Hamas aber ist im Ramallah nicht zu hören. Vielmehr sagt Fatah-Sprecher Abed Rabbo, da sei in Gaza ein Film abgelaufen. Letztlich gehörten die Entführer und die Hamas zur selben Gruppe. Die Hamas habe das Stück Befreiung aufgeführt, „um als Wahrer des internationalen Rechts zu erscheinen“. Alan Johnston muss also noch das Ende der Geschichte berichten und erklären.

Text: F.A.Z., 05.07.2007, Nr. 153 / Seite 3
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

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