Fundstücke des Fernsehens (1)

Vier Bilder und eine Geschichte

Von Peter Paul Kubitz

Wie die Fernsehbilder schärfer wurden

Wie die Fernsehbilder schärfer wurden

07. Juli 2008 Ende der zwanziger Jahre ist das Publikum in den Kinosälen aus dem Staunen über die bewegten Bilder weitgehend herausgekommen. Niemand fürchtet mehr, von einer auf der Leinwand heranrasenden Dampflokomotive überrollt zu werden. Da tauchen auf einem gerade einmal vier mal vier Zentimeter großen Bildschirm zwei kaum identifizierbare weibliche Gestalten auf.

Die beiden jungen Frauen gehören zu einem Fernsehversuchsprogramm der Deutschen Reichspost: Ein am Ort A befindliches Objekt wird durch Übertragung an einem Ort B sichtbar. Zu diesem Zeitpunkt besteht die maximale Bildauflösung aus nur dreißig Zeilen. Kein Vergleich zum Filmbild, doch gerade noch genug, um über das Abbild in diesem kleinen Zauberkasten erneut ins Staunen und Träumen zu geraten. Ähnliche Fernsehbilder betrachtet das Publikum auf der ersten Präsentation von Fernsehversuchssendungen während der „Großen Deutschen Rundfunk-Ausstellung“ in Berlin noch mit der Lupe: Fernsehen mit dem Vergrößerungsglas.

Was ist fern, was nah?

Die Fotos halten die Entwicklung zwischen 1929 und 1934 fest

Die Fotos halten die Entwicklung zwischen 1929 und 1934 fest

Die Männer der Reichspost haben den Fortschritt ihres technischen Versuchsprogramms fotografisch dokumentiert und parallel zu den Aufnahmen mit den beiden Damen in einem weiteren Motiv festgehalten: der Kanaldurchquerung eines Kriegsschiffes.

1934 besteht die deutsche „Fernsehnorm“ bereits aus einem Fernsehbild mit hundertachtzig Zeilen. Die Fernsehgeräte sind nun mit der Braunschen Vakuumröhre ausgestattet, das Bildformat beträgt inzwischen dreiundzwanzig mal sechsundzwanzig Zentimeter. Ist der Traum vom Fernsehen Wirklichkeit geworden, wenn man den Gegenstand, der sich am Ort A befindet, am Ort B scharf sieht? Was ist fern, was nah? Was will man sehen? Ein Vierteljahrhundert später, 1953, startete der Nordwestdeutsche Rundfunk eine Umfrage, um die Gründe für die Anschaffung eines Fernsehapparats bei seinem Publikum in Erfahrung zu bringen. „Ja, wissen Sie“, antwortete einer der Befragten, „ich hab immer so vor meinem Radio gesessen und konnte all die Leute nie sehen, und da hab ich mir gedacht: Wenn du die doch sehen könntest!“

Zu viel aufs Papier geguckt

Im selben Jahr machte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss seine ersten Erfahrungen mit dem Fernsehen. Nach seiner Neujahrsansprache sah er sich selbst zum ersten Mal auf einem Bildschirm und notierte: „Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen, eine Begegnung mit mir selber zu vollziehen. Ich habe das ganz kritisch getan und dabei festgestellt, dass ich bei der Neujahrsansprache zu viel auf das Papier geguckt habe.“

Das Fernsehjahr 1953 hatte es in sich: Die Quizsendung „Kennst du Europa?“ feierte Premiere, die Krönung der Queen wurde übertragen, die erste Kochsendung mit dem legendären Clemens Wilmenrod, Theater live mit Willy Millowitsch und das erste „Wort zum Sonntag“. Ebenfalls 1953 telegrafiert der damalige Bundestagspräsident Hermann Ehlers an den Intendanten des Nordwestdeutschen Rundfunks: „Sah eben Fernsehprogramm. Bedaure, dass Technik uns kein Mittel gibt, darauf zu schießen.“

Ein paar Mark nebenbei

Rückblende: „Horch, was kommt von draußen rein“, singen die beiden jungen Frauen 1928, als die frühen Fernsehaufnahmen gemacht werden. Die beiden sehen aus, als wären sie soeben einer Badeszene aus Billy Wilders Film „Menschen am Sonntag“ entsprungen. Sie heißen Schura von Finkelstein und Imogen Orkutt und verdienen sich mit dem Testprogramm der Reichspost gerade ein paar Mark nebenbei.

Schura von Finkelstein (rechts) und Imogen Orkutt hießen die jungen Damen...

Schura von Finkelstein (rechts) und Imogen Orkutt hießen die jungen Damen...

Imogen Orkutt, geboren am 26. März 1907 in Düsseldorf-Oberkassel, arbeitete 1925 in einem Berliner Fachgeschäft für Kinderbekleidung. Fünfundzwanzig Mark verdiente sie damals im Monat. Fünfzig Mark zahlte ihr drei Jahre später die Reichspost dafür, dass sie sich - zusammen mit ihrer Freundin Schura von Finkelstein - am Wannsee ablichten ließ. Dass sie mit diesen frühen Aufnahmen einmal Fernsehgeschichte schreiben würden, war den beiden jungen Frauen damals natürlich nicht bewusst.

Sprung in den Stummfilm

Imogen Orkutt zog es Mitte der zwanziger Jahre zum Film. 1925, als ihr die Lehrstelle im Fachgeschäft für Kinderbekleidung nicht mehr behagte, hatte sie sich um kleine Nebenrollen im Film beworben. Der Wechsel in eine neue Existenz schien schwer, aber nicht unmöglich: Sie trat in diversen Werbefilmen auf (verdiente da neunhundert bis tausend Mark im Monat, musste das ganze Geld allerdings zu Hause abgeben) und schaffte sogar den Sprung in den Stummfilm, wo sie auf Stars wie Henny Porten, Heinrich George, Harry Liedke und Otto Gebühr traf. 1929 arbeitete sie auf der Berliner Funkausstellung, es war ein Engagement für zwölf Tage: Fernsehaufnahmen vor Publikum. Etwa zur selben Zeit lernte sie Georg Cohn kennen, ihren späteren Mann. Er war dreiundzwanzig Jahre älter als sie, Chirurg von Beruf, Jude. Auf Bitten von Georg Cohn gab sie die Schauspielerei auf und wurde seine Sprechstundenhilfe. 1931 machte Imogen Orkutt den Führerschein, 1932 heirateten die beiden, eine der Trauzeugen war Eva Busch, die Frau des Sängers und Widerstandskämpfers Ernst Busch.

...die den Experimenten Schönheit verliehen

...die den Experimenten Schönheit verliehen

Mit den Nazis wurde das Leben in Deutschland für Imogen und Georg Cohn unerträglich. 1939 verließen sie Deutschland. Sie gingen nach Palästina, zunächst nach Jerusalem (1939 bis 1942), dann nach Tel Aviv (1942 bis 1956). Sie arbeitete wieder als Verkäuferin in einem Modegeschäft, er zeitweise für das englische Militär in Ägypten. 1943 wurde ihr einziges Kind, der Sohn Peter, geboren.

Zauber des Imperfekts

Auf Drängen ihres Mannes kehrt Imogen Cohn 1956 nach Deutschland zurück. In München findet Georg Cohn eine Anstellung als Schularzt und Gerichtsgutachter, doch wenige Monate nach ihrer Ankunft stirbt er. Imogen Cohn schlägt sich nun mit ihrem dreizehnjährigen Sohn allein durch, übernimmt von 1960 bis 1975 die Leitung einer Wäschereifiliale und arbeitet bis 1990 als Verkäuferin in einem Zeitungs- und Tabakladen in der Münchner Türkenstraße neben dem legendären Arri-Kino. Im Jahr 2000 stirbt sie.

Vier Bilder aus der Frühzeit des Fernsehens. Zeilenbilder. Mit dem Zauber des Imperfekts. Ähnlich den ersten bewegten Bildern des Internets, des Fernsehens von morgen. Vier Bilder und eine Geschichte. Was aus Schura von Finkelstein wurde, ist bislang unbekannt.

Siehe: FAZ.NET-Spezial: Fundstücke des Fernsehens

Der Autor ist Programmdirektor Fernsehen der Deutschen Kinemathek/Museum für Film und Fernsehen in Berlin.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Technikmuseum Berlin, Wolfgang Maria Weber

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