Stefan Aust wird sechzig

Er sprach nur einen Kommentar

Von Michael Hanfeld

Zuweilen brutal offen: Stefan Aust

Zuweilen brutal offen: Stefan Aust

01. Juli 2006 „Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.“ Von wem stammt das Zitat? Wer hat es gesprochen? Wo hat es gestanden oder ist es gelaufen? Im deutschen Fernsehen. Aber nicht bei ZDF und ARD, die zeigte am 9. Oktober 1989 ein aufgezeichnetes Fußballspiel. Ein einstiger „Panorama“-Redakteur sprach die historische Erkenntnis mit spitzbübischer Freude an der journalistischen Jahrhundertnachricht aus. Bei RTL, das an diesem Tag das Magazin „Spiegel TV“ im Programm hatte. Es sprach Stefan Aust, es war der einzige Kommentar, den wir von ihm im Fernsehen je gehört haben. Einer für immer.

Den Sprechzettel von damals bewahrt der „Spiegel“-Chefredakteur bis heute auf. Es ist ein unspektakuläres Stück Papier, und doch gehörte es als Faksimile ins Haus der deutschen Geschichte. Denn als die Mauer fiel, dauerte es noch ein wenig, bis bei vielen Meinungsmachern der Groschen rutschte und sie sahen, was da geschah. Stefan Aust kam, sah und zog seine Schlüsse. Die ihm im nachhinein allerdings nicht weit genug gingen. Er sei nämlich nicht sofort „auf die Wiedervereinigung gestoßen“, habe nicht gedacht, „daß die ganze Sowjetunion baden geht“ und sich die Nachkriegsordnung vollständig verändern würde. Andere wären vielleicht froh, ein solches Problem zu haben, doch für Aust gilt - auch gegen sich selbst -, daß die bessere Geschichte die bereits vorhandene aus dem Blatt wirft, ganz gleich, wie gut sie sein mag.

Bisweilen brutal offen

Die beste Geschichte der Woche zu finden und daraus den Titel zu machen, das ist das Geschäft, das Aust seit zwölf Jahren als „Spiegel“-Chefredakteur betreibt. Genauso wie ihn damals der verstorbene Magazingründer Rudolf Augstein gegen große Widerstände zum Chefredakteur machte, setzt der Woche für Woche seine Agenda durch. Und stößt dabei selbstverständlich auch auf Widerstand, den er bricht, weil er meistens recht behält und Erfolg hat. Der „Spiegel“ hat sich unter seiner Führung äußerlich gewandelt, um im Kern zu bleiben, was Rudolf Augstein wollte: ein Nachrichtenmagazin, eines, das die aktuellsten Nachrichten hat und Nachrichten macht. Das die Agenda mitbestimmt, was über die Jahre immer schwieriger geworden ist, aber dem „Spiegel“ immer noch am besten gelingt, weil er sein Metier auf drei Ebenen betreibt: im gedruckten Magazin, bei „Spiegel TV“ im Fernsehen und mit Spiegel-Online.

Dahinter steht der Journalist, der nicht selber schreibt, aber nicht ruht, bevor die beste Geschichte geschrieben und im Blatt ist. Direkt sei er, „straight“, wie ein mit ihm seit Jahren zusammenarbeitender israelischer Fensehjournalist sagt, bisweilen brutal offen, geradeheraus und ehrlich, bei ihm weiß man, woran man ist, vor allem, wenn man weiß, woran er sich hält - an die „Fakten, Fakten, Fakten“, die sein Konkurrent Helmut Markwort vom „Focus“ sich zum Werbespruch erkoren hat.

Über Hamburg nie hinausgekommen

Nach den Fakten sucht Aust, und er orientiert sich an ihnen, was ihn wiederum für alle jene unberechenbar macht, die schon immer vorher die Lösung kennen, ihr Urteil nicht revidieren und niemals das politische Lager wechseln. Das aber tut Aust, weil er in keinem je saß. Für die rot-grüne Bundesregierung, die dachte, sie habe mit dem „linken“ Magazin aus Hamburg einen ewigen Stützpfeiler, war das ein Problem. Und zwar eines, das die Wahrnehmung des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder, den Aust aus alten Tagen noch duzte, derart verschob, daß er am Bundestagswahlabend 2005 dachte, er habe die Wahl gegen eine Gruppe von Medienverschwörern doch noch gewonnen, und bei der Gelegenheit einen „Spiegel“- Redakteur am Revers packte.

So groß sein Einfluß in Berlin, so ausgeprägt seine private wie professionelle Reiselust und seine Hingabe an die Reiterei, ist Stefan Aust - räumlich - über Hamburg nie hinausgekommen. Geboren am 1. Juli 1946 als Sohn eines Landwirts in Stade, begann er mit zwanzig bei „Konkret“ und den „St. Pauli-Nachrichten“, 1970 kam er zum NDR, bis 1986 arbeitete er vor allem für das Politmagazin „Panorama“, 1988 führte er vom Start weg „Spiegel TV“, gemeinsam mit Alexander Kluge schuf er ein kleines Fernsehimperium, das, wie sein Freund und Kollege Michael Jürgs einmal schrieb, hätte ganz groß werden können, als sich der Bauer-Verlag mit einigen Partnern um den Kauf der Sendergruppe Pro Sieben Sat.1 bemühte.

Wie ein großer Junge

Doch da kam Aust und den anderen die Mitarbeiter KG des „Spiegel“ in die Quere, die 50,5 Prozent der Anteile am Verlag hält. Sie setzte sich zuletzt im vergangenen Jahr in Szene, als Austs Chefredakteursvertrag um drei Jahre verlängert wurde, mit der Option auf zwei weitere. Aust hätte gerne fünf Jahre auf einen Schlag gehabt. Daß er die bekommt, daran könnten die Mitarbeiter des „Spiegel“ allein deshalb ein Interesse haben, weil der Verkauf des aus „Spiegel TV“ und Alexander Kluges Gesellschaft DCTP hervorgegangenen Senders XXP an den amerikanischen Discovery-Konzern Geld in die Kasse spült, aus der zum Jahresende jeder „Spiegel“-Mitarbeiter ein stattliches fünfzehntes Monatsgehalt ausbezahlt kommt. Aust ist nicht nur ein Schatzsucher, der nach Geschichten und historischen Bildern und Zusammenhängen gräbt, er schürft damit Gold.

Und vermittelt dabei noch immer den Eindruck, daß er sich wie ein großer Junge darüber wundern kann, daß er es ist, den sie ob seiner Macht fürchten und achten. Eine seiner größten Leistungen hat er allerdings gar nicht als Journalist vollbracht, als er die beiden Kinder von Ulrike Meinhof aus einem Ausbildungslager der RAF rettete. Damals stand er ganz oben auf der Abschußliste derer, über deren Szene er berichtet hatte wie kein zweiter. Eine lange Geschichte, die man gerne noch einmal erzählen würde. Heute feiert Stefan Aust mit seinen Freunden sechzigsten Geburtstag.

Text: F.A.Z., 01.07.2006, Nr. 150 / Seite 59
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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