Internet in China

Ehe, die schnelle Tour

Von Jörg Becker

Im Netz leben die Chinesen ihre sexuellen Phantasien aus (Szene aus „2046”)

Im Netz leben die Chinesen ihre sexuellen Phantasien aus (Szene aus „2046”)

18. Juli 2006 Wo das traditionelle konfuzianische Rollenmodell für Mann und Frau immer weniger bedeutet, wo chinesisches Schamempfinden sowieso nicht an ein bei uns zutiefst internalisiertes christlich-schlechtes Gewissen gekoppelt ist und wo Millionen von männlichen Wanderarbeitern wie Stückgut hin und her transportiert werden, sich an keinem anderen als dem Heimatort niederlassen dürfen und Familienzuzug nicht erlaubt ist, da blühen selbstverständlich Sex und Erotik im Netz.

Hongniang, ein Kuppler, Vermittler oder matchmaker, der im Auftrag der Eltern die Ehe zwischen Fräulein Cui Yingying und Herrn Zhang Gongin in der siebenhundert Jahre alten Oper „Die Geschichte der westlichen Kammer“ von Wang Shipu arrangiert, ist so bekannt, daß viele Chinesen die erotische Suchmaschine „Asia friend finder“ auch Hongniang-Internet nennen. Allein bei dieser Suchmaschine sind insgesamt 3.713.675 chinesische Mitglieder registriert. Nach einem Bericht von „iResearch“, dem führenden Marktforschungsinstitut für Internet-Märkte in Schanghai, erreichte der chinesische Online-Matchmaking-Markt 2005 einen Umfang von 91 Millionen Yuan und nahm damit um 146 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. 2008 soll der Markt ein Volumen von 630 Millionen Yuan erreicht haben.

Symbol der neuen Menschheit

Die am schnellsten wachsende erotische Partnersuchmaschine in China ist zur Zeit www.Baihe.com. Obwohl sie ihr Geschäft erst vor einem Jahr aufgenommen hatte, zählte sie Anfang 2006 bereits zwei Millionen Mitglieder. Die älteste derartige Institution im Netz ist jedoch www.color8th.com aus Schanghai. Deren Managerin Li Keke charakterisiert das Geschäft folgendermaßen: „Unsere Zielgruppe sind alleinstehende großstädtische Büroangestellte beiderlei Geschlechts. Wir haben mehr als 470000 Mitglieder, davon 71 Prozent Männer. Unser Spezialangebot heißt ,Speed Match in 8 Minutes'. Hier finden die Leute einen Liebespartner in kürzester Zeit. Die Erfolgsrate beträgt zwanzig Prozent.“

Hier wie in ganz China ist dem Phänomen des Cyber-Sex mit theoretischen Begriffen wie „Projektion“, „Spiegel“, „Narzißmus“ oder „Identität“ nur noch unbeholfen beizukommen. Realität und Virtualität verschwimmen: Vor wenigen Jahren schrieb der junge Taiwaner Fun Cai im Internet den Liebesroman „The First Intimate Contact“. In Hangzhou (Provinz Zhejiang) wurde aus diesem Stoff inzwischen eine erfolgreiche Oper, und Qingwufeiyang (übersetzt: leichtes Tanzen und Fliegen), der Name des traurigen Romanhelden, wurde zum landesweiten Inbegriff von Cyber-Liebe. Im November 2004 wurde der Internet-Liebessong „Mice Love Rice“ des jungen Sängers Yang Chengang zusammen mit Yassir Arafat, der damals gerade gestorben war, von der größten chinesischen Suchmaschine baidu.com zum am meisten gesuchten Wort der Saison gekürt, und 2005 wählte der Spielfilm „Mandarin Duck and Butterfly“ des Regisseurs Yim Ho die Liebe im Netz zum Thema. „Mice Love Rice“, so hieß es 2004 in China, sei ein Symbol der neuen Menschheit.

Der Autor leitet die Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung mbH in Solingen. Er forschte in der ersten Hälfte dieses Jahres in China.



Text: F.A.Z., 18.07.2006, Nr. 164 / Seite 36
Bildmaterial: prokino/Cinetext

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