15. Dezember 2006 Soll die Arbeitslosenstützung in Wallonien gestrichen werden? Sind Flamen korrupter als Wallonen? Dieses waren die zwei Fragen, mit denen der öffentliche belgische, französischsprachige Sender RTBF am Mittwoch abend offenbar die Zuschauer ködern wollte. Die Konkurrenz war scharf. Der zweite RTBF-Kanal zeigte die Uefa-Cup-Begegnung des letzten in einem internationalen Wettbewerb verbliebenen belgischen Fußballvereins. Die privaten Anbieter lockten mit dem blauäugigen Beau Thierry Lhermitte in der Rolle eines Amazonas-Indianers sowie einem Krimi aus Florida. Doch die eigentliche Action gab es im ersten RTBF-Programm.
Kaum hatte die im Programm angekündigte Sendung begonnen, wurde sie jäh unterbrochen. Unvermittelt tauchte das vertraute Gesicht des üblicherweise jovial wirkenden Nachrichtenredakteurs Francois de Brigode mit dem Zusatz "Sondersendung" auf: Mit ernster Miene verkündete er, was nicht wenige Zuschauer erschaudern ließ: "Flandern hat einseitig seine Unabhängigkeit erklärt." Was folgte, war ein politisches und journalistisches Feuerwerk, das wohl kaum einer dem eher behäbig wirkenden Sender zugetraut hat. Hin- und hergeschaltet wurde im Land: vor dem Königspalast verkündete ein Reporter, Staatsoberhaupt Albert II. habe soeben Brüssel mit unbekanntem Ziel gen Ausland verlassen; aus Antwerpen, der größten Stadt Flanderns, wurden Bilder jubelnder Menschen vor schwarzgelben Flaggen eingespielt.
89 Prozent glaubten dem Bericht
Die Regierung der zweisprachigen Brüsseler Hauptstadtregion, hieß es, habe sich in den Untergrund des Atomiums zur Krisensitzung zurückgezogen. Als schließlich Bilder von Menschen in einer Straßenbahn liefen, die an der Grenze zwischen Brüssel in Flandern zum Umsteigen in Fahrzeuge der flämischen Verkehrsgesellschaft "De Lijn" gezwungen wurden, schien es manchem Zuschauer doch zu bunt zu werden. Aber erst gegen 20.50 Uhr wurde in weißer Schrift auf rotem Untergrund des Rätsels Lösung eingeblendet: "Dies ist eine Erfindung".
Tatsächlich hatten jedoch, wie eine Umfrage ergab, zunächst 89 Prozent der Zuschauer die Nachricht vom jähen Ende des 1831 entstandenen Königreichs Belgien für bare Münze gehalten. Daß dem Vorstellungsvermögen der durch jahrzehntelangen Zank zwischen Flamen und Wallonen genervten Belgier kaum Grenzen gesetzt sind, zeigte eine andere Erkenntnis der Umfrage: Immerhin sechs Prozent gaben an, sie hätten auch am Ende die Sendung für glaubhaft gehalten. Nur fünf Prozent sagten aus, sie hätten von Anfang an mehr als nur Zweifel gehabt.
Das Vertrauen der Zuschauer mißbraucht
Das eigentlich "Spektakuläre" an der Sendung sei gewesen, so RTBF-Fernsehdirektor Alain Gerlache später, daß so viele Zuschauer ihren Inhalt für die Wirklichkeit gehalten hätten: "Nicht nur die Zuschauer des öffentlichen Senders, sondern auch Politiker, ausländische Journalisten, Botschafter und internationale Organisationen", sagte Gerlache, bis vor kurzem Sprecher von Premierminister Guy Verhofstadt. Gerlaches Nachfolger Didier Seeuws ließ an der Sendung kein gutes Haar und sprach von einem "mißratenen Witz, der von schlechtem Geschmack zeugt". Erst im Verlauf der Sendung sei dem Zuschauer reiner Wein eingeschenkt worden, was aber an der Verwirrung wenig geändert habe.
Ähnlich verstimmt waren Vertreter verschiedener Parteien. Der flämische Ministerpräsident Yves Leterme sprach von einer "Karikatur der flämischen Forderung". Sein wallonisches Pendant Elio di Rupo schimpfte, der Sender habe das Vertrauen der Zuschauer mißbraucht - und dies auch noch auf dem Rücken des Königshauses.
Immerhin hatten sich Dutzende von Showgrößen und Politikern, darunter Parlamentspräsident Herman De Croo, für das Spektakel gewinnen lassen und nicht mit Kommentaren in der seit Monaten von einer mit großem Aufwand vorbereiteten Sendung gegeizt. Daß dennoch vorab davon nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist, kann als weiteres Geheimnis dieses rätselhaften belgischen Fernsehabends gelten.
Text: F.A.Z., 15.12.2006, Nr. 292 / Seite 46
Bildmaterial: AFP