Von Oliver Jungen
13. November 2008 Die Scheu des Teufels vor dem Weihwasser, schrieb Mark Twain, ist nur eine schwache Angelegenheit, verglichen mit der Furcht eines Despoten vor einer lachenden Zeitung. Dieses Gelächter, das Lachen der Gerechten, am Mittwoch schallte es durch die amerikanischen Metropolen, schwappte gestern in die gesamte vernetzte Welt hinüber und wird noch lange anhalten: Mit der gewaltigen Auflage von über einer Million Exemplaren (mehr als das Original) suchte die Vereinigten Staaten eine Ausgabe der New York Times aus der Zukunft heim, datiert auf den 4. Juli 2009, den nächsten Nationalfeiertag, und wohl schon jetzt eines der beliebtesten E-Paper aller Zeiten. Nahezu alle bedeutenden Blogs verweisen darauf.
Expräsident George W. Bush, so lesen wir in dieser Zeitung, wird wegen Hochverrats angeklagt, ist aber noch auf privater Bin-Ladin-Jagd, der Irak-Krieg ist endlich zu Ende, und Thomas Friedman, Kolumnist der New York Times sowie Befürworter der harten Linie im Kampf gegen den Terrorismus, legt den Stift nieder. Eine Parodie, freilich, hinter der die Künstlergruppe The Yes Men steckt. Messerscharf erkannte denn auch die echte New York Times: Das ist eindeutig eine gefälschte Ausgabe der ,Times'. Sogar ohne Bekennerschreiben war das zu erschließen. Wie soll es denn sonst bitte so viele gute Nachrichten auf einmal geben? Aber unter all den Jas dieser Jasager ruht noch ein weiteres, größeres Ja, eine Mark Twainsche Botschaft in der Botschaft - die Verneigung nämlich vor dem gedruckten Wort, der gedruckten Nachricht, ihrer Aura, ihrer Autorität. Und hier endet alle Parodie: Denn noch eine gefälschte Times ist eine Times, zumal dann, wenn deren Erscheinungsbild so perfekt imitiert ist wie in diesem Fall.
Ein so ungeheures wie tröstliches Statement
Doppelgänger sind Medieneffekte: Ihre große Zeit begann nicht mit Amphytrion, sondern mit der elektronischen Revolution am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Und wir haben mit ihnen zu leben gelernt, wie wir mit hochfrequenten Medien zu leben gelernt haben. Wiedergänger, Avatare, Simulakren, doppelte Lottchen, soweit das Auge reicht. Jean Baudrillard, einst führender Doppelkopf in der Kulturtheorie, machte es sich folglich einfach, indem er die wirkliche Welt herauskürzte, nur die Scheinwelt übrigließ.
Doch auch in der Hyperrealität wird Politik gemacht. Diktatoren schicken ihre Doubles vor wie Vorstände ihre Stellvertreter. Der umgekehrte Fall, das Protestfake, ist noch häufiger. Die falsche Sarah Palin sah echter aus als die echte Sarah Palin. Im Internet, wo jeder, wie es so hartnäckig wie unsinnig heißt, sein eigener Regisseur sein soll, finden sich unendlich viele Bilder, Filme, Texte und Töne von angemaßter Identität. Parodien stellen einen großen Posten der You-Tube-Videos dar, immer wieder werden ganze Internetseiten nachgebaut. Das Fingieren ist unendlich leicht geworden im elektronischen Zeitalter, aber damit auch unendlich leichtgewichtig, weit unbedeutender jedenfalls als die bekanntlich ja auch schwächelnde Wirkung von Weihwasser auf den Teufel.
Um wie viel schwerer aber wiegt da die Herstellung, Finanzierung und von Tausenden Freiwilligen organisierte Vertrieb dieser echt falschen und falsch echten Zeitung? Während man noch lacht, bemerkt man, dass in diesen Seiten mehr steckt als nur Parodie, ein so ungeheures wie tröstliches Statement: Der Irak-Krieg, Waterloo der Vernunft, der live im Fernsehen begann, er endet in der Zeitung. Schwarz auf weiß.
Text: F.A.Z.