Von Amir Cheheltan
Ein Handzettel zur Erinnerung an Neda Agha-Soltan, die von einem Scharfschützen der Revolutionsgarden in Teheran erschossen wurde
In einem Album mit alten Teheraner Fotos findet sich ein auf 1940 datiertes Bild, das eine große Menschenmenge am Eingang eines Teehauses sowie ein großes Röhrenradio an erhöhter Stelle in einer Wandnische zeigt. Die Gebärden der abgebildeten Menschen lassen erkennen, dass sie einer wichtigen Nachricht lauschen. Ein mit dem iranischen Gesellschaftsleben nicht vertrauter Beobachter könnte vermuten, sie verfolgten die Live-Übertragung eines Fußballspiels.
In manchen Zeitungen und privaten Notizen jener Zeit finden sich Berichte darüber, dass die Menschen sich in den ausgehenden dreißiger Jahren, als ein Rundfunkapparat in Teheran noch als Luxusgegenstand galt, während der Übertragung der persischsprachigen Nachrichten von Radio Berlin auf den Bürgersteigen vor den Teehäusern mit einem Apparat versammelten, um den Berichten der Deutschen über ihre Geländegewinne an den Fronten zu lauschen. Die Berichte inspirierten die Phantasie der Menge auf der Straße, denn jeder Sieg entsprach einer Niederlage der Kolonialmächte Sowjetunion und Großbritannien, den sie bejubelte und beklatschte.
Dies war die einzige Phase der modernen iranischen Geschichte, in der die Machthaber persischen Nachrichten und Berichten, die von Orten außerhalb der Landesgrenzen übermittelt wurden, freundlich gesinnt waren. Obwohl die iranische Regierung in den Wirren des Zweiten Weltkriegs vermeintliche Neutralität wahrte, konnte der diktatorische Schah, der die Briten fürchtete und insgeheim deren Niederlage herbeisehnte, seine Genugtuung über die Eroberungen der Deutschen nicht verhehlen. Zur selben Zeit fand allerdings Zensur in ihrer unverhülltesten Form statt. Agenten der politischen Polizei suchten nachts die Druckereien auf und inspizierten die Zeitungsartikel; Unerwünschtes wurde gestrichen.
Als die alliierten Armeen im September 1941 Teheran besetzten, wurde der Schah ins Exil geschickt, und die Versammlungen vor den Teehäusern fanden schlagartig ein Ende. Die Besatzer hatten ein Verbot zum Abhören des deutschen Rundfunks erlassen, sie beließen es aber nicht dabei. Manchen Berichten zufolge beschlagnahmten sie Fahrzeuge auf Teherans Straßen, die mit einem Rundfunkapparat ausgestattet waren. Dem persischen Programm von Radio BBC blieb genügend Zeit, seine historische Rolle abzuwarten.
Rund fünfunddreißig Jahre später, als sich in Teheran die Gerüchte vom Regimewechsel verstärkten und die geschwächte Opposition ihr Selbstvertrauen zurückgewann, war das persische Programm von Radio BBC beinahe der einzige Sender, der ihre Forderungen verbreitete. Die tägliche fünfundvierzigminütige Sendung entvölkerte die Straßen Teherans. Die Nachrichten der BBC fanden in den letzten Monaten der Monarchie auch deshalb ein so großes Echo, weil die iranische Presse aus Protest gegen die Zensur zu einem zweimonatigen Streik aufgerufen hatte. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Bevölkerung mehr denn je nach Berichterstattung lechzte, verschaffte die einheimische Presse Radio BBC die Gelegenheit, entscheidenden Einfluss auf die Ereignisse zu nehmen. Als die Zeitungen fünf Wochen vor dem Sturz des Schahs wieder erschienen, erreichten die beiden wichtigsten Blätter der Hauptstadt eine Tagesauflage von einer Million Exemplaren, ein bislang ungebrochener Rekord.
Der damalige britische Botschafter berichtet in seinen Memoiren, der Schah habe ihn wiederholt gebeten, seine Regierung solle diesen Rundfunk unter Druck setzen. Die Ratlosigkeit des Botschafters bei diesen Begegnungen ist offenkundig. Selbstverständlich verlegte er sich auf die langatmige, ermüdende Verteidigung der Pressefreiheit in seiner britischen Heimat. Offensichtlich besaß der Schah, der den Absichten der Briten stets misstraute, zu jener Zeit noch keinerlei Kenntnis von den Dokumenten im Zentralarchiv der BBC. Eines davon zeigt, dass die britische Regierung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als der Konflikt um die Verstaatlichung des Erdöls wieder aufflammte, die BBC dahin gehend instruierte, dass es erforderlich sei, in dieser Hinsicht die Propagandatätigkeit in ihrem persischen Programm wiederaufzunehmen. Während die technologischen Fortschritte die Lüge desavouieren, besteht stets die Gefahr, dass sie das Feld für noch größere Lügen bereiten.
In der modernen Geschichte Irans hat die Bevölkerung nie den einheimischen Medien vertraut noch dem, was die politisch Verantwortlichen verlautbaren lassen. Die einheimischen Medien, die eine strenge und komplizierte Zensur passieren müssen, überzeugen kaum jemanden. Um das staatliche Fernsehen und den Rundfunk, auf die das Regime ein Monopol hat, ist es am schlechtesten bestellt. Die hohen Kosten für die Veröffentlichung der Wahrheit haben die Journalisten während der meisten historischen Epochen gezwungen, sich an gewisse Grenzen zu halten. Nach dem Putsch der CIA in Iran im Jahr 1953 wurde ein inhaftierter Journalist, der für Enthüllungen gesorgt hatte, in Anwesenheit der Zwillingsschwester des Schahs bei lebendigem Leib verbrannt.
Unter den Iranern genießen persischsprachige Medien, deren Berichte und Programme von Orten außerhalb der Landesgrenzen verbreitet werden und folglich dem Einfluss jeweilig amtierender Regierungen entzogen sind, nach wie vor großes Ansehen. Und auf diese Vorliebe wird nach wie vor empfindlich reagiert. Zu den merkwürdigen und erschreckenden Geschehnissen der iranischen Gesellschaft zählte in den vergangenen Jahren folgende Szene: Plötzlich hält ein Laster vor einem Wohnhaus an, dem junge Polizisten entspringen, um das Treppenhaus zu erstürmen, wenige Minuten später werden von den Dächern Satellitenschüsseln auf die Straße geworfen. Danach beschlagnahmen die Polizisten die Receiver und händigen den Hausbewohnern eine schriftliche Aufforderung aus, sich umgehend bei der lokalen Polizeistelle zu melden. Diese Szenen haben sich schon so oft wiederholt, dass niemand die Vorladungen mehr ernst nimmt. Wenige Tage später erscheinen neue Satellitenschüsseln auf den Dächern, gerade so, als sei nie etwas geschehen. Die Menschen einer Gesellschaft, die der beständigen Unsicherheit ausgesetzt ist, lechzen danach zu erfahren, was hinter den Mauern vor sich geht, notfalls auch unter Einsatz ihres Lebens.
Im vergangenen Jahrzehnt haben globale technische Fortschritte die iranische Welt, die Politik und Tradition mit Hilfe einer umfassenden Propagandamaschinerie unter einen Sicherheitsschirm gestellt haben, vollkommen wehr- und grenzenlos gemacht. Vor einigen Jahren fand der Videofilm einer beängstigenden Verhörszene so weitgehende Verbreitung im Internet, dass der iranische Parlamentspräsident gezwungen war, den Justizminister zur Rede zu stellen. Zwei, drei Jahre später verbreitete sich im Netz blitzartig eine Meldung über die Verhaftung eines hochrangigen iranischen Polizeibeamten in Anwesenheit von sieben nackten Frauen in einem Bordell. Dieser ehrenwerte Herr war mit der Ermahnung unzureichend verhüllter Frauen auf den Straßen Teherans beauftragt gewesen. Kurz zuvor waren außerdem sämtliche Bürgersteige Teherans zu einem Basar für DVDs geworden, die die beliebte und gesittete Schauspielerin einer populären Fernsehserie beim Liebesspiel mit einem Mann zeigten.
Dieser private Film war durch einen Techniker auf den Markt gelangt, der den Laptop der Schauspielerin repariert hatte, was aber nicht von Bedeutung ist. Wichtig daran ist, dass die Iraner gleichzeitig mit zwei konträren Darstellungen eines Sachverhalts konfrontiert sind. Während das Staatsfernsehen iranische Politiker mit den höchsten sittlichen Werten ausstattet, werden ihre Persönlichkeiten durch Fernsehsender im Exil in abschätzigen Karikaturen auf die niedrigste Stufe gestellt. Eine Differenz, die der zwischen Gott und Teufel entspricht. Vermutlich ist der iranische Mensch noch nie zuvor in seiner Geschichte mit solch extremen Widersprüchen in der Berichterstattung konfrontiert worden.
Mit diesem Erbe betritt der iranische Mensch das einundzwanzigste Jahrhundert. Laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht benutzen in Iran 28,5 Millionen Personen das Internet, dessen inländische Verbreitung liegt über dem asiatischen Durchschnitt, und im Nahen Osten nimmt Iran insofern den ersten Platz ein. Im Verlauf der umstrittenen Präsidentschaftswahlen vom Juni des vergangenen Jahres und der nachfolgenden Ereignisse haben Filmaufnahmen mit Mobiltelefonen jeden Teheraner in einen potentiellen Berichterstatter verwandelt. Zuweilen gelangten per Funk übermittelte Gespräche der Polizeikommandeure, die Befehl zu brutalen Angriffen gegeben hatten, ins Netz, und in einem weiteren kurzen Videoclip zermalmt ein Polizeifahrzeug einen jungen Demonstranten unter seinen Rädern. Die aufklärerische Funktion der neuen Medien ist so bedeutsam, dass, nur wenige Stunden nachdem ein junges Mädchen namens Neda auf dem Pflaster einer Teheraner Straße im Angesicht einer Kamera sein Leben verlor, deren visuelle Botschaft auf der ganzen Welt verbreitet wurde. Die Veröffentlichung der Fotos verstümmelter Körper von Jugendlichen aus dem Gefangenenlager von Kahrizak im Internet war derart erschütternd, dass das Parlament gezwungen war, eine Wahrheitsfindungskommission einzurichten. Das öffentliche Leben der iranischen Bevölkerung hat sich angesichts der Möglichkeiten, die der virtuelle Raum des Internets zur Verfügung stellt, so grundlegend verändert, als fände dieses Leben in einem Glashaus statt. Diese tiefgreifende Veränderung ereignet sich in einem kulturellen Umfeld, das auf Heimlichkeit, Verhüllung und Verschleierung beharrt. Angesichts dieser Gegebenheiten hat sich Jeder Bürger ein Medium“ in einen der berühmtesten Slogans der jüngsten gesellschaftlichen Bewegung verwandelt. Es verwundert daher nicht, dass jeder Bürger als potentieller Verdächtigter gilt.
Die Blockade gewisser Internetseiten, die unter Aufsicht des Obersten Kulturrevolutionsrats erfolgt, hatte zwar schon vor Jahren begonnen, das Abschalten der Mobiltelefone an kritischen Tagen ist allerdings eine neue Strategie, ebenso der Einsatz von Störsignalen zur Behinderung des Empfangs von Satellitenprogrammen. Zur selben Zeit entspann sich jedoch im Internet eine Diskussion, die die Regierung vor den krebserregenden Eigenschaften dieser Störsignale warnte. Sie heizte die öffentliche Meinung an, die Regierung gab sich aber wie üblich ungerührt. Demgegenüber hat allerdings eine französische Satellitenfirma, die der Regierung ihre Kommunikationsdienste zur Verfügung stellt, gewarnt, dass sie ihre Dienste, einschließlich des Zugangs zu Nachrichten-, Programm- und Geodäsiesatelliten, im Falle der fortgesetzten Störung einstellen werde. Derzeit sind wir Zeugen eines realen elektronischen Krieges.
Dieser Tage genügt in Iran ein Anruf, um das Erscheinen einer Zeitung zu verbieten; weder Anklageschrift noch Gerichtsverhandlung, weder eine Verteidigung noch ein Geschworenengericht, nichts von alledem. 2009 sind in Iran neunzig Journalisten verhaftet worden, und kürzlich hat das Komitee zur Verteidigung von Journalisten mitgeteilt, dass ein Drittel der weltweit inhaftierten Reporter in Iran lebt. Es verwundert nicht, dass während der jüngsten Krise die Straße“ sämtliche verbotenen Zeitungen ersetzt und dass die Bevölkerung an manchen Tagen den öffentlichen Versammlungsplatz erobert hatte, um sich über das Stillschweigen hinwegzusetzen. Zugleich diskreditieren Tausende von Videoclips, Songs, Karikaturen, Postern und Grafiken das überhebliche Erscheinungsbild staatlicher Zeitungen, die vorgeben, das Leben nehme seinen normalen Gang. Der Schwindel, den der Ansturm all dieser widersprüchlichen Nachrichten bei den Iranern auslöst, stellt sie vor die grundsätzliche Frage, bei wem in diesem Tohuwabohu die Wahrheit zu finden sei. Während die staatlichen Medien die Zahl der Teilnehmer an den Demonstrationen zum Jahrestag der Islamischen Republik am 11. Februar auf Millionen bezifferten, zeigten Satellitenbilder von Google, dass große Bereiche des Azadi-Platzes, an dem die zentrale Kundgebung stattgefunden hatte, menschenleer waren. Diese Bilder wurden durch andere ergänzt, die endlose Schlangen von Autobussen zeigten, die die demonstrierende Menge aus der Umgebung Teherans oder sogar vielleicht von weiter außerhalb zur Kundgebung transportiert hatten, was von inszenierten Demonstrationen zeugte. Beide Seiten beschuldigten einander der Manipulation, es waren jedoch die Nachrichten der staatlichen Medien, die in offensichtlichem Widerspruch zu den Beobachtungen iranischer Augenzeugen standen. Das Verhalten dieser Medien, die sich darüber hinaus als Verfechter von Moral und humanen Werten ausgeben, hat die iranische Gesellschaft in einen moralischen Taumel versetzt.
Angesichts all der Websites und Blogs mit Nachrichten, all der Rundfunk- und Fernsehkanäle, die aus sämtlichen Gegenden der Welt persischsprachige Nachrichten und Programme verbreiten, stehen die staatlichen Medien in Iran isoliert da. Deswegen hat sich in der Anschauung der Iraner, deren Überzeugungen auf täglichen Erfahrungen gründen, ein Begriff zum Schlagwort erhoben: die Lüge. Die Anführer der jüngsten Protestbewegung haben wiederholt von der Herrschaft der Lüge“ gesprochen. Präsidentschaftskandidat Mir Hussein Mussawi, der die Wahlergebnisse ablehnt, hat in einer Fernsehdiskussion erklärt: Man wundert sich, wie viele Lügen es gibt.“
Während das Vergehen vieler Inhaftierter der jüngsten Unruhen in Iran darin bestand, dass sie Szenen der Prügelattacken der Polizei mit ihren Mobiltelefonen aufgenommen hatten, sendete BBC Persian einen kurzen, zensierten Film des Angriffs der Polizeikräfte auf das Studentenwohnheim der Universität Teheran, um die Menschen, die selbst Zeugen vergleichbarer Szenen gewesen waren, abermals aufzustacheln. In dieser Nacht, die mittlerweile als schwärzeste Nacht der Universität gilt, wurden bei einem beklagenswerten Überfall die Eingangstüren des Studentenwohnheims zerbrochen, die Studenten wie Kadaver geschlachteter Schafe über den Boden geschleift, aufeinandergestapelt und hemmungslos verprügelt. Ein beschämendes Dokument!
Während die Studenten schon vor mehreren Monaten minütliche Nachrichten und Videos des polizeilichen Angriffs auf das Wohnheim im Internet veröffentlicht hatten, hat dieser mit einer professionellen Kamera aufgenommene Film, der die Ereignisse aus Sicht der Angreifer schildert, zu neuen Spekulationen geführt. Es ist offensichtlich, dass man diesen Film absichtlich in Umlauf gebracht hat, ebenso offensichtlich ist, dass er mit einer neuen Tonspur versehen wurde, um einige der Angreifer zu entlasten und andere als Schuldige zu präsentieren. Für unsere Erörterung ist keine dieser Spekulationen von Bedeutung, wichtig ist, dass der öffentliche Raum inzwischen vollständig in den Besitz der Medien gelangt ist und dass dieser Film uns als historisches Dokument vorliegt, um neben den Fotos des Gefängnisses von Abu Ghraib oder des Gefangenenlagers von Guantánamo für immer im Archiv der kollektiven Menschheitserinnerung zu verbleiben.
Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, die jedem einzelnen Menschen zur Übermittlung privater Beobachtungen und Erfahrungen zur Verfügung stehen, hat sich die Stimme derjenigen, die sich von der Geschichte abgekoppelt haben und lauthals nach Zensur und Uniformität rufen, in das einsame Winseln von Primaten verwandelt, die sich vielleicht in einem Winkel der Erde halten können, denen aber niemand mehr zuhören mag. Iran ist kein außergewöhnliches Beispiel. Die ganze Welt gleicht diesem Land.
Amir Hassan Cheheltan, geboren 1956 in Teheran, zählt zu den wichtigsten iranischen Schriftstellern der Gegenwart. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Roman Teheran, Revolutionsstraße. Siehe auch Unschuld und Massengrab: der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan .
Aus dem Persischen von Susanne Baghestani.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP