Die Fernsehserie auf DVD

„Miami Vice“: Party verweht

Von Verena Lueken

22. August 2006 Längst ist die Fernsehserie „Miami Vice“, die von 1984 bis 1989 lief, synonym geworden für den Stil der achtziger Jahre, soweit er als cool galt. Die pastellfarbenen Anzüge, zu denen Crockett ebenfalls pastellfarbene T-Shirts trug (keine gute Idee, wie das Wiedersehen bestätigt), die weißen Loafers, die überbreiten Schultern der Jackets, die Disco-Songs, Rollschuhfahrer und Ferraris und vor allem das viele Koks, das auf jeder Party und in jedem Club haufenweise herumlag und um das sich fast jede Folge dreht, all das wirkt beim Wiedersehen ziemlich gestrig.

Auch die rhythmischen Schnitte und die schief gehaltene Kamera, damals der letzte Schrei und wegweisend für zahllose andere Fernsehserien, sehen heute fast selbstparodistisch aus, wie auch die Gastauftritte von Little Richard und Eartha Kitt über Miles Davis, Frank Zappa und Peter Sellars zu Phil Collins.

Dennoch haben die Folgen um Sonny Crockett und Rico Tubbs, den weißen und den schwarzen Cop, die „undercover“ weit über ihre Verhältnisse leben, weder vollkommen ihren Reiz eingebüßt noch jenen Schimmel der Peinlichkeit angesetzt, die uns in Erinnerung an andere frühe Vorlieben mitunter erröten lassen. Allerdings sind sie keineswegs so schlackenfrei, wie wir sie im Gedächtnis hatten. Die verschiedenen Regisseure, unter ihnen Abel Ferrara, lassen sich sehr viel Zeit, ganze Songs auszuspielen, während Crockett und Tubbs mit dem Schnellboot herumfahren oder auch einfach nur am Strand stehen und melancholisch auf den Ozean blicken.

Vollständig ins Vergessen gesunken

Doch während der Stil, wiewohl längst außer Mode, nie in Vergessenheit geriet, war einer der wesentlichen Grundpfeiler der Figurenzeichnung und der Handlung nicht weniger Folgen vollkommen aus dem Gedächtnis verschwunden, nämlich die Vietnam-Vergangenheit Crocketts und seines Chefs Castillo. Als die Serie entstand, war Vietnam in den populären Medien, in Musik, Literatur und Film so allgegenwärtig, daß die Kriegserfahrung auch in der Serie ganz selbstverständlich zur Vergangenheit einiger Figuren gehörte. Und heute ist uns jener Krieg so fern, daß dieser Subtext in „Miami Vice“ vollständig ins Vergessen gesunken war.

In der Folge „Kampf der Veteranen“, bei der Don Johnson nicht nur seine Rolle als Crockett spielt, sondern auch Regie führte, wird aus dem Subtext die Handlung selbst: Es geht um von Leichengift verseuchtes Heroin, das ein Leutnant in die Leichensäcke zu den Gefallenen packte, um es aus Saigon auszufliegen - eine recht drastische Idee, die heute um so schockierender wirkt, als uns die Allgegenwart der Drogen in der amerikanischen Armee nicht mehr so selbstverständlich ist, wie sie es damals war.



Text: F.A.Z., 22.08.2006, Nr. 194 / Seite 33
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

 
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