Von Claudia Hangen
01. Februar 2007 G.M.B. Akash war nicht immer Fotograf. Als junger Mann studiert er Wirtschaft, aufgewachsen ist er als Mittelstandskind, in der Nähe von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Sein Vater ist Soldat. Er schenkt dem Sohn die erste Kamera. Schon als Kind nimmt Akash die sozialen Unterschiede in seinem Land wahr und - fotografiert. Mit seinen anklagenden Bildern will er helfen. Das bringt ihm internationale Anerkennung ein und - Todesdrohungen, derentwegen er sein Land verlassen musste und nach Deutschland kam.
Geplant hatte Akash eine Reportage über Koranschulen. Über Monate hinweg ist er mit der Kamera als stiller Beobachter unterwegs, um zu zeigen, wie es in den Madrassen zugeht. Dabei wird er Zeuge des Dramas eines kleinen Jungen, der zweimal aus der Schule fortgelaufen war. Also schlägt man den Siebenjährigen in Ketten. Ich sah den angeketteten Jungen. Ich war mir meiner Verantwortung bewusst, als ich auf den Auslöser drückte. Ich wollte die Wahrheit dokumentieren, um sie ans Licht zu bringen, erzählt Akash, den wir in seiner Hamburger Wohnung treffen. Meine Familie warnte mich davor, das Foto zu veröffentlichen, da sie alle um mein Leben bangten. 2005 wurde Akash für dieses Foto in den Vereinigten Staaten ausgezeichnet.
Er verlässt die Heimat
Als das Foto kurz darauf in dem nepalesischen Magazin Himal auf der Titelseite erscheint, weiß jeder in Bangladesch von dem gefährlichen Bild. Von da an sind Akash und seine Familie in Gefahr. Sie riefen mich an und bedrohten mich, erzählt Akash: Was hast du getan? Wenn du weitermachst, bringen wir dich um! Nach dem Anruf tauchen mehrere Männer in Akahs Elternhaus auf und fragen nach ihm. Er muss sich verbergen, in sein Büro kann er nicht mehr, die Drohungen der Islamisten reißen nicht ab. Akash verlässt seine Heimat, er findet mit Hilfe der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte Exil in der Hansestadt, er und seine Frau haben ein Stipendium für ein Jahr.
Als Akash 1996 nach seinem Studium anfängt, als freier Fotograf für eine der dreißig Zeitungen in Dhaka und für das Magazin New Age zu arbeiten, lichtet er Hochzeiten und lokale Festivitäten ab und macht Bilder für die Werbung. Eine Fotoausstellung über aidskranke Kinder in Dhaka bringt ihn 1998 jedoch auf etwas anderes. Ich sah das Leid der Kinder und begann, mich mit Dokumentarfotografie auseinanderzusetzen. Ich lernte von jedem einzelnen Bild. Danach kam mir die Idee, dass ich mit meiner Kamera Menschen, die am Abgrund leben, zeigen kann, erinnert sich der Fotograf.
Die Kehrseite des Lebens
Von da an zieht er mit seiner Kamera täglich durch die Slums. Eigentlich wollte ich nur positive Bildergeschichten mit meiner Canon-Profi-Kamera einfangen, doch das Elend einer der ärmsten Regionen dieser Welt zeigte mir die Kehrseite des Lebens. Seine ersten Bilder entstehen im Transvestiten-Viertel. Mit meinen Fotos wollte ich ihr Leben zeigen, ihre Sorgen und ihre Freuden, denn in einem muslimischen Land sind Homosexuelle ausgegrenzt und stigmatisiert. Ihre Existenz wird in der Öffentlichkeit vertuscht. Niemand will mit ihnen Kontakt haben.
Akash widmet sich mit seinen Bildern jedoch vor allem dem Thema Kinderarbeit. 4,9 Millionen Kinder, rund ein Fünftel der Arbeitskraft des Landes, arbeiten in Steinbrüchen, auf Müllhalden, als Träger oder in den Fabriken der Textilindustrie. Diese Kinder sind für Akash Menschen ohne Stimme, the voiceless. Sie werden ausgebeutet und misshandelt, ohne dass es jemanden schert. Die meisten Kinder verdienen weniger als einen Dollar am Tag. Das ist ein Drittel des Lohnes eines Erwachsenen. Sie arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen, mit wenig Licht, sind unterernährt und haben eine kurze Lebenserwartung. In den Fabriken montieren sie Fahrradteile und atmen giftige Dämpfe ein. Ihr ganzer Körper ist mit giftigen Stoffen bedeckt. All das fotografiert G.M.B. Akash.
Misstrauen und Bedrohung
Vor den Türen eines Schneiderateliers wird der Fotograf Zeuge einer Szene, deren Aufnahme später um die Welt geht. Ich sah jemanden mit einem Knüppel auf einen Jungen einschlagen, der an einer Nähmaschine saß. Das Gesicht des Jungen war um die Augen schon von vorherigen Schlägen blutunterlaufen und dick angeschwollen. Der Junge war geschlagen worden, weil er zu langsam nähte. Ich trat in den Raum und sagte dem Mann mit dem Knüppel: ,Wenn du den Jungen nochmals schlägst, bringe ich dich ins Gefängnis.'
In Dhaka war kein Magazin bereit, das Foto zu drucken. Die Regierung, die Medien und sogar die Ärzte in seinem Land seien korrupt, sagt Akash. Im Land herrsche nicht nur Armut, sondern ein allumfassendes Klima des Misstrauens und der Bedrohung. Dafür sorgen die Bombenattentate von Islamisten auf zivile Einrichtungen, die ihnen nicht passen.
Da er seine Bilder in Dhaka nicht unterbringen kann, schickt Akash Nachrichten mit je einem Foto und einer Unterzeile an internationale Agenturen. So wird er freier Fotograf der britischen Agentur panos pictures in London, die sich auf Bilder aus Kriegs- und Krisengebieten spezialisiert hat. Für das Foto mit dem Jungen an der Nähmaschine erhält Akash 2006 den dritten Preis des World Press Award for Daily Life in Amsterdam.
Mit seiner Fotografie zieht Akash inzwischen das Interesse der Weltöffentlichkeit auf sich. Magazine wie Geo, Spiegel, Time und Newsweek bringen seine Bilder. Auch wenn er jetzt gerade in Hamburg weilt - Akashs Engagement gilt den unterdrückten Kindern in seiner Heimat.
Text: F.A.Z., 01.02.2007, Nr. 27 / Seite 42
