Von Stefan Niggemeier
12. Januar 2008 Das sind die ersten Momente der Wahrheit, wenn zwei australische Soldaten die Prominenten vor dem Hubschrauberflug in den Dschungel noch einmal filzen, ob sie heimlich mehr als die erlaubten und vorher deklarierten zwei Luxusartikel dabei haben. Die meisten haben wieder versucht, Zigaretten ins Lager zu schmuggeln, ein junger Mensch, der sich DJ Tomekk nennt, hat seine Wasserflasche mit Wodka gefüllt und Barbara Herzsprung ihr großes Kopfkissen mit unerklärlichen Stoffmaterialen, als wollte sie die Zeit in der Abgeschiedenheit nutzen, umfangreiche Näh- und Designarbeiten zu erledigen - und bei Bata Illic fand man drei Nimm zwei-Bonbons.
Ich bin ein Star - holt mir hier raus, ist wieder da. Es ist nicht schlimm, wenn man die meisten Namen der Stars, die nun für die nächsten beiden Wochen versuchen, beobachtet von Dutzenden Kameras im Dschungel mit Anstand oder wenigstens intakter Profilneurose zu überleben und hinterher mit irgendeiner Form von PR-Effekt herauszukommen, noch nie gehört hat. Björn-Hergen Schimpf sagte, er könne schon leider keine Hitliste der Mitstreiter aufstellen, die er am wenigsten mag, weil: Ich kenn' keinen, was den anderen mit ihm teilweise sichtlich ähnlich ging (er ist Fernsehmoderator und hatte eine große Zeit als Puppenspieler von RTL-Maskottchen Karlchen). Und wichtiger als das Vorleben ist nun ohnehin, welche Rolle die Gruppendynamik (oder die entsprechend geschickte Montage durch die Produzenten) für die Teilnehmer vorgesehen hat: Wer wird der Klassenclown, wer die Nervensäge; wer der Anführer und wer die Heulsuse?
Ein tragischer Fall über dem Abgrund
Bislang scheint es um die letztere Position das größte Gerangel zu geben: Bei einem Großteil des Personals liefen gleich am ersten Tag die Tränen, bei der Tänzerin Isabel Edvardsson noch im Luxushotel vor der Abreise, als schon der Gedanke, wie sehr sie ihren Freund vermisse, genügte, um sie von ihren Gefühlen überwältigen zu lassen. Die, nun ja, Charakterdarstellerin Michaela Schaffrath heulte zum Abschied, die Sängerin Lisa Bund, als sie über einem Abgrund baumelte, weil sie von einer dünnen Brücke gefallen war, und Sänger Ross Anthony heulte am nachhaltigsten, zuletzt, weil ihm in der Nacht am Lagerfeuer alles zusetzte: die Feuchtigkeit, der Dreck, die Viecher.
Man kann viel lernen bei dieser Show, über das Wesen von Stars und Möchtegernstars, aber auch über die Menschen im Allgemeinen. Ein tragischer Fall könnte die 19-jährige Lisa Bund werden, die treuherzig in die Kamera spricht, was sie offensichtlich ihrem hassenswerten PR-Berater geglaubt hat: Das ist für mich ganz wichtig, in den Dschungel zu gehen, damit die Leute sehen, dass ich gar nicht die Zicke bin, als die ich bei 'Deutschland sucht den Superstar' abgestempelt wurde. Sie fügt noch hinzu: Es ist für meine Karriere auch ein Riesensprungbrett. Sie wurde dann auch prompt vom Fernsehpublikum dazu bestimmt, die nächste Dschungelprüfung ablegen zu müssen, irgendetwas Fieses mit Maden natürlich, und meinte, als sie es erfuhr, das wundere sie nicht: Sie habe ja ihre ganzen Fans aufgefordert, für sie zu stimmen. (Sie hat als einen der beiden Luxusgegenstände übrigens ein großes Kissen dabei, auf dessen Bezug sie Fotos hat drucken lassen: von sich selbst, ihrer Familie, sich selbst, ihren Freunden, sich selbst, sich selbst, und ihrer Fan-Base.)
Schadenfreude ist ein angemessenes Gefühl
DJ Tomekk, der sonst was mit Musik macht, hat sich offenbar vorgenommen, mit dieser Sendung ganz groß rauszukommen und hinterher mindestens so bekannt zu sein wie Jürgen Drews. Als der ganz große Macker inszenierte sich der Dreißigjährige am ersten Tag, forderte die anderen auf, ihm morgens um sieben zu salutieren (Das machen die Frauen bei mir zuhause auch) und nominierte sich gleich selbst für die erste Dschungelprüfung. Zu der ließ er sich, vor Testosteron kaum laufen könnend, von zwei Kandidatinnen bringen, denen er versprach, das Essen zu erspielen. Dann glaubte man fast ein Pling hören zu können, als die Fassade einen ersten Sprung bekam, weil die Übung damit zu tun hatte, unter Wasser zwischen diversem Schwimmgetier nach Sternen zu tauchen.
Und als dann, ein paar Minuten später, nicht nur Aale zwischen seinen Beinen herumschwammen, sondern auch etwas, das er als KROKODILE?! identifizierte (Spielleiter und Moderator Dirk Bach: Aber das sind doch Babys!), da machte es nicht mehr nur Pling, sondern es zerbröselte die ganze Fassade, und die zur Schau gestellte Männlichkeit des DJ Tomekk bestand nicht mehr darin, seinen Frauen genug zu essen zu besorgen, sondern sich seinen Ängsten gestellt zu haben und dann auch einfach Manns genug gewesen zu sein, aufzugeben. Anders gesagt: Die Schadenfreude, die die Dschungelshow beim Betrachter produziert, ist oft ein sehr angemessenes und gerechtes Gefühl.
Ein Hochfest der Häme
Es ist also alles wie gehabt, im australischen Dschungel. Bereits zweimal hatte RTL williges Personal aus Funk und Fernsehen dorthin bringen lassen; zuletzt gewann vor dreieinhalb Jahren die Kabarettistin Désirée Nick, die daraufhin eine Weile omnipräsent war, irgendwann aber auch nicht mehr besonders störte. Und das muss man auch sagen: Wo, wenn nicht dort, würde man dieses Volk aus Ehemaligen, Hoffnungsvollen und Niegewesenen lieber sehen als hier, mit Reis und Bohnen und rudimentären sanitären Anlagen, die nicht nur die psychologischen Fassaden in kürzester Zeit bröckeln lassen (obwohl der ehemalige Nationaltorwart Eike Immel sich sogar extra Haargel mitgebracht hat).
Begleitet wird das Spektakel wie gehabt von den hämischen Sprüchen von Sonja Zietlow und Dirk Bach, die natürlich wenig Grund hätten, sich den Kandidaten überlegen zu fühlen, außer den einen entscheidenden: Sie waren nicht so blöd, sich als Kandidaten für diese Show herzugeben. Ihre Dialoge sind wieder von ausgesuchter Boshaftigkeit, etwa wenn Dirk Bach sagt, Wayne Carpendale, der ehemalige Tanzpartner von Isabel Edvardsson, sei ja auch ein guter Luxus-Artikel: Luxus ist schließlich alles, was keiner braucht.
Es trifft keine Unschuldigen
Man kann dieses Verächtlichmachen der Mitwirkenden, dieses Hochfest der Häme natürlich abstoßend finden. Aber es hat etwas sehr befreiendes und ehrliches, auf das im heutigen Plastikfernsehen übliche Geheuchel zu verzichten. Das Angenehme ist: Es trifft keine Unschuldigen, und der Spott ist gerade einmal ein kleiner Ausgleich dafür, dass der Großteil dieser Leute sonst jeden Tag in irgendwelchen Shows und Magazinen sehr ernst genommen wird.
Der Vorwurf des Trash-Fernsehens führt ohnehin in die Irre, denn kaum eine Show wird so professionell und gleichzeitig liebevoll produziert wie diese, das zeigte auch der gestrige Auftakt der dritten Staffel. Neben den Autoren der Moderationen sind es wieder einmal die Musikredakteure, die sich ganz besonders austoben dürfen und durch ihre Auswahl das Gezeigte kommentieren und ironisieren. Wenn Lisa Bund hilflos am Seil baumelt, ist Hard to be a girl zu hören, zu Barbara Herzsprungs Auftritt läuft You dont have to be beautiful, und ganz subtil wird es, wenn der schwulen Ross in seiner Panik nachts am Lagerfeuer fast zärtlich von Obermacho Tomekk getröstet wird: Die Instrumentalmusik im Hintergrund ist der Soundtrack von Brokeback Mountain.
Text: F.A.Z
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