Sat. 1 - Sender ohne Profil

Der Geist von 1999

Von Peer Schader

Ein Bild mit Symbolcharakter für die Senderqualität: Hugo Egon Balder mit reizenden Assistentinnen in der “Alpenshow“

Ein Bild mit Symbolcharakter für die Senderqualität: Hugo Egon Balder mit reizenden Assistentinnen in der "Alpenshow"

17. November 2008 Es gab diese Woche dann doch noch gute Nachrichten für den Vorstand des Fernsehkonzerns ProSiebenSat.1. Als am Donnerstag endlich offiziell war, dass der Sender Sat.1 aus Kostengründen von Berlin zu Pro Sieben nach München ziehen muss, waren die Journalisten so sehr damit beschäftigt, Stellenkürzungen und Sparmaßnahmen zu melden, dass niemand mehr auf die Idee kam, auch noch übers Programm diskutieren zu wollen. Sonst hätte vielleicht jemand gefragt: Programm? Welches Programm?

Nirgends lässt sich besser herausfinden, wie schlimm es tatsächlich um Sat.1 steht, als zu Hause auf dem Sofa mit der Fernbedienung in der Hand - die Bereitschaft vorausgesetzt, einem jungen Mann dabei zuzusehen, wie er beim Bikini-Autowaschwettbewerb eifersüchtig seine halbnackte Freundin von der Bühne zerrt, wie Nicole aus Braunschweig endlich ihr eigenes Nagelstudio eröffnet und Putzdienste schummeln, wenn der Auftraggeber nicht zu Hause ist.

Eine Programmattrappe

Sat.1 würde „vom Vollprogramm zur belanglosen Abspielstation“ degradiert, kritisierte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken am Donnerstag per Pressemitteilung die neuen Sparpläne. Vielleicht sollte ihm sein Verband mal einen Fernseher schenken, denn die Befürchtung entspricht schon seit Monaten der Wirklichkeit. Die Sat.1-Eigentümer KKR und Permira haben sich den Sender so zurechtgespart, dass bloß noch eine Programmattrappe übriggeblieben ist, die aus Gerichtsshows, Wiederholungen von Gerichtsshows, Ermittler-Soaps, Wiederholungen von Ermittler-Soaps und zigmal versendeten Magazinbeiträgen besteht. Dass beim jungen Publikum trotzdem ein Marktanteil von fast elf Prozent übrigbleibt, ist im Vergleich zum Aufwand, der noch nie so gering war wie heute, die eigentliche Sensation.

Am Nachmittag hat Sat.1 alles eliminiert, bei dem die Zuschauer den Verdacht haben könnten, es sei gemacht, um sie zu unterhalten. Während andere Sender Programme austauschen, weil sie nicht mehr zeitgemäß sind, zeigt Sat.1 stur den alten Kram. Ab 15 Uhr werden bei „Richterin Barbara Salesch“ und „Alexander Hold“ schlechte Kriminalfälle von schlechten Laiendarstellern vorgeführt, genau so wie in den vergangenen neun Jahren, und weil im Sommer 2007 das Boulevardmagazin „Sat.1 am Mittag“ weggestrichen wurde, müssen Salesch und Hold inzwischen auch am Vormittag ran.

Bloß nichts neues!

Wenn sich irgendwo im Programm eine Lücke auftut, wird sie zugestopft, zum Beispiel am Vormittag mit dem alten Telenovela-Flop „Schmetterlinge im Bauch“, auf den die Vortagsfolge des aktuellen Telenovela-Flops „Anna und die Liebe“ folgt, um ja kein neues Programm machen zu müssen. Am späten Nachmittag übernehmen die Kommissare in den Ermittler-Soaps „Niedrig und Kuhnt“, „Lenßen & Partner“ und „K11 - Kommissare im Einsatz“ und tun so, als würden sie echte Fälle lösen, die aber so doof konstruiert sind, dass man am liebsten ins Sofakissen beißen würde.

Seit vergangenem Jahr liefert eine Zentralredaktion die Beiträge fürs „Frühstücksfernsehen“ und das „Sat.1-Magazin“, und das sieht man daran, dass der Film über die Mitarbeiter des Ordnungsamts Soest, die auf der Kirmes Minderjährige wegen Alkoholkonsums abmahnen, am Donnerstagmorgen im „Frühstücksfernsehen“ gleich dreimal gezeigt wird und abends noch mal im „Sat.1-Magazin“, während die Reportage über eine Reisegruppe in Ägypten, die vom Veranstalter böse reingelegt wurde, ursprünglich aus der Sendung „Akte 08“ vom Dienstag stammt, aber schon am Mittwoch im „Magazin“ zu sehen war, bevor sie am Donnerstagmorgen in die Heavy Rotation kam.

Die Stunden irgendwie vollkriegen

Wer auch immer sich das ausgedacht hat, möglichst viel Sendezeit mit möglichst wenig Neuem zu füllen, muss schnurstracks befördert worden sein, denn es funktioniert. Bloß im Abendprogramm ist die Konkurrenz zu groß, größer noch als die Panik der Programmmacher, ab 20 Uhr irgendwie die vielen Stunden bis zum Beginn des „Frühstücksfernsehens“ am anderen Morgen rumkriegen zu müssen. Gerade läuft der Versuch abwechselnd mit romantischen Liebeskomödien, billigen Dokusoaps und müden Comedys, die kaum noch auseinanderzuhalten sind und reihenweise floppen. Der einzige Höhepunkt waren in der vergangenen Saison die Live-Spiele der Champions-League - und die wurden komplett vom Bezahlsender Premiere zugeliefert. Künftig will Sat.1 den Sport zwar wieder selbst machen, aber wie lange gilt so eine Ansage?

Ambitionierte Shows, spannende Experimente, kreative Ideen, wie es sie trotz Sparzwang bei Pro Sieben noch gibt, leistet sich bei Sat.1 keiner mehr. Und wenn doch, schalten die Zuschauer gar nicht erst ein, weil sie einen Sender, der sie die meiste Zeit des Tages nicht ernst nehmen mag, auch nicht mehr ernst nehmen können. Kein Wunder, dass die ungewöhnliche Krankenhausserie „Dr. Molly & Karl“ donnerstags gerade katastrophale Quoten holt. Die Schauspieler sind zu gut.

Dass Sat.1 jetzt aus der Hauptstadt wegziehen muss, ist schlimm für die Mitarbeiter, aber aus Sicht des Vorstands bloß konsequent: Wieso sollte sich der Konzern einen Sender mit Sitz in Berlin leisten, wenn nicht mal Geld da ist, um ein Programm zu machen?

Text: F.A.S.
Bildmaterial: obs

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

NEU: Jetzt keine Folge „RICHTERSPRUCH“ mehr verpassen! Testen Sie den kostenlosen Benachrichtigungsservice von FAZ.NET.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche