Jessica Schwarz als Romy Schneider

Vier Rollen für eine Legende

Von Michael Hanfeld, Nizza

Der Film „Romy”mit Jessica Schwarz will eine Romy Schneider zeigen, die noch keiner kennt

Der Film „Romy”mit Jessica Schwarz will eine Romy Schneider zeigen, die noch keiner kennt

22. September 2008 Jessica Schwarz und Thomas Kretschmann sitzen am Kieselstrand und schauen aufs Meer. Sie trägt eine beigefarbene Reiterhose und ein Schlägerkäppi, er eine Uniform der Wehrmacht, die Jacke hat er aufgeknöpft. Neben den beiden hockt Holly Fink und schaut ihnen mit seiner Kamera über die Schulter, keine zwei Meter entfernt sitzt der Regisseur Torsten C. Fischer und blickt angestrengt auf einen kleinen Bildschirm. Irgendwann ruft er „Cut“, ein halbes Dutzend Mal ruft er es bei dieser Szene am Strand von Cap Ferrat an der Côte d'Azur. Die Einstellung im Kasten, Mittagspause.

„And what is the film about“, will eine amerikanische Touristin wissen, die sich über die Absperrung der kleinen Bucht wundert. „It is about Romy Schneider, the actrice“, sagt ihr in schönstem französischem Englisch der Mann, der das Set bewachen soll. Schulterzucken. Romy Schneider, aha. Einen Blick auf das Set aber will das amerikanische Pärchen im Seniorenalter doch werfen. Er wird gewährt. Was sie sehen, mutet seltsam an. Am Weg von der Straße zur Bucht stehen ein Motorrad und ein Kübelwagen der Wehrmacht; junge Franzosen lümmeln in Sechziger-Jahre-Klamotten oder in deutschen Weltkriegsuniformen herum, die Komparsen erwarten ihren Einsatz.

Jessica Schwarz: “Man kann Romy Schneider nicht spielen, man kann sich ihr nähern - mehr nicht.“
Jessica Schwarz: „Man kann Romy Schneider nicht spielen, man kann sich ihr nähern - mehr nicht.”

Doch weiß jemand, wer diese Schauspielerin wirklich war?

Zum Glück hat der Posten auf die Frage, was hier geschieht, nicht gesagt, dies sei ein Film über die Kaiserin Sissi. Das hätte die Amerikaner vielleicht verwirrt, würde deutschen Besuchern aber gleich einleuchten. Denn mit dieser Rolle wurde Romy Schneider in ihrer Heimat zeitlebens identifiziert, nicht aber mit den Rollen, die sie in Frankreich spielte und die sie, angefangen mit der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Luchino Visconti, zum Weltstar machten. Zum Weltstar, zu einer öffentlichen Frau, schließlich zu einer Legende, die jedem sofort bildlich vor Augen tritt. Doch weiß jemand, wer diese Schauspielerin wirklich war?

Jessica Schwarz und Thomas Kretschmann sitzen am Meer und spielen ihr Spiel im Spiel. Jessica Schwarz ist Romy Schneider, Kretschmann spielt deren ersten Ehemann Harry Meyen, der in dieser Szene einen Wehrmachtsoffizier in einem Film spielt und gerade Drehpause hat. Jessica Schwarz alias Romy Schneider hat in dieser Szene etwas zu offenbaren: Sie erwartet ein Kind. Und ist deshalb vor Freude ganz außer sich, es sprudelt aus ihr heraus, ihren Geliebten animiert sie, eine Seite aus dem Drehbuch, das er in der Hand hält, zu reißen, einen Wunsch darauf zu schreiben und mit ihr Zettel an den Flugdrachen zu heften, mit dem zwei Kinder gerade vorbeilaufen. So machen das die französischen Kinder. „Allez, vite, vite!“ Aus dem Off ertönt eine Stimme, die Harry Meyen zurück ans Set ruft. Thomas Kretschmann steht auf, er hat in der Szene nur einen Satz: „Meine Frau wird sich nie scheiden lassen.“

Die Ähnlichkeit beruht mehr auf “innerer Nähe“

Die Ähnlichkeit beruht mehr auf "innerer Nähe"

Eine solche Konstellation ist ganz nach dem Geschmack von Benedikt Röskau. Der Autor ist ein besessener Tausendsassa, wandelndes Geschichtsbuch und Rechercheur vor dem Herrn. Er hat das Script zu „Contergan“ geschrieben, dem Film, den die Firma Grünenthal, Hersteller des Medikaments, mit Macht verhindern wollte, was sich zu einem höchstrichterlichen Streit um die Freiheit der Kunst auswuchs. Eine legendenträchtige Geschichte.

Romy Schneider soll selber sprechen

Röskau hat sich nun mit dem Produzenten Markus Brunnemann darauf eingelassen, einen Film über Romy Schneider zu machen. Sie und der Regisseur Torsten C. Fischer als Dritter im Bunde wollen eine Romy Schneider zeigen, die noch keiner kennt. Sie wollen eine Schauspielerin für sich selber sprechen lassen, über die sich seit ihrem frühen Tod - sie starb am 29. Mai 1982 im Alter von nur dreiundvierzig Jahren - zuhauf Leute geäußert haben, deren Beschreibungen das Bild, das wir von Romy Schneider haben, bestimmen - in all seiner Widersprüchlichkeit. Brunnemann, Fischer und Röskau aber schwebt nicht weniger vor als eine Fiktion, die der Wahrheit näher kommen soll als all die Zeugnisse und Darstellungen zuvor.

Jessica Schwarz will ihre Rolle und Romy Schneider nicht ausdeuten, sondern sie ausfüllen

Jessica Schwarz will ihre Rolle und Romy Schneider nicht ausdeuten, sondern sie ausfüllen

Die Idee kam Brunnemann bei einem Brainstorming mit seiner Kollegin Nicole Galley. Den beiden fiel auf, dass es zu Romy Schneider, die am 23. September siebzig Jahre alt würde, vieles gibt, nur keinen Spielfilm. In diese Lücke zu stoßen, das leuchtete dem Fernsehspielchef des Südwestrundfunks, Carl Bergengruen, sofort ein. Und sie alle mussten nicht lange überlegen, wer das Drehbuch schreiben und wer die Rolle spielen sollte.

Zwei Jahre ist das her, was lang erscheint, es aber nicht ist, was man daran erkennen kann, dass dieser Romy-Schneider-Film schneller vors Publikum tritt als die anderen, die inzwischen bekannt wurden. Der zweite - produziert von dem Franzosen Raymond Danon, mit Yvonne Catterfeld in der Hauptrolle - soll im Herbst des nächsten Jahres in die Kinos kommen, und aus dem dritten wird - vorerst gar nichts. Den hatte der Ufa-Produzent Norbert Sauer ewig in der Schublade, was nicht ohne Pikanterie ist. Denn Brunnemanns Produktionsfirma Phoenix gehört zur Hälfte der Ufa, wo man ob der Binnenkonkurrenz nicht sonderlich erfreut war. Brunnemanns Film freilich hat den Vorzug, dass er realisiert wird und sich nicht auf eine Vorlage von Zeitzeugen verlassen oder in die Abhängigkeit von jemandem begeben muss wie Romy Schneiders zweitem Ehemann Daniel Biasini, der zu dem französischen Projekt mitteilte, er und Romy Schneiders Tochter Sarah Biasini seien mit der Besetzung von Yvonne Catterfeld einverstanden.

Was andere predigten, das lebte sie aus

Von den Wünschen, die Romy Schneider ihrem Drachen anvertraute, wissen wir nichts

Von den Wünschen, die Romy Schneider ihrem Drachen anvertraute, wissen wir nichts

Mit Jessica Schwarz waren die SWR-Filmemacher schnell einverstanden. Wer sie als Romy Schneider sieht, stellt nicht eine verblüffende äußerliche Anverwandlung fest, sondern eine - wie die Produzentin Nicole Galley es nennt - „innere Nähe“. Als Jessica Schwarz die Rolle angetragen bekam, war sie, wie sie sagt, zuerst ergriffen und den Tränen nahe. Dann kam die Panik, die Figur angemessen darzustellen. Und jetzt? Jetzt spielt Jessica Schwarz und will ihre Rolle und Romy Schneider nicht ausdeuten, sondern sie ausfüllen: „Man kann Romy Schneider nicht spielen, man kann sie interpretieren, sich ihr nähern und versuchen, ihr gerecht zu werden - mehr nicht.“

Dass Jessica Schwarz sich in ihrer Rolle wohl fühlt, liegt auch an dem Regisseur Torsten C. Fischer. Vor einem Jahr hat er mit ihr den Film „Liebeswunsch“ gedreht, im Fernsehen haben wir von ihm zuletzt das eindringliche Pädophilen-Drama „Guter Junge“ mit Klaus J. Behrendt gesehen. Fischer will die vielen Aufbrüche und Widerstände im Leben der Romy Schneider illustrieren. Und das nicht nur an dem bekannten Beispiel der „Sissi“, vor der als Alter Ego, aber auch vor ihrer Familie, Romy Schneider mit ihrem Geliebten Alain Delon nach Paris floh. Fischer wird auch die Ablehnung zeigen, die Romy Schneider in den vermeintlich aufgeklärten siebziger Jahren in Deutschland erfuhr. Und also spielt ihr Treffen mit dem Schriftsteller Heinrich Böll eine Rolle, der mit ihr nichts anfangen konnte und dem sie anfangs bewundernde, dann bitter-sarkastische Briefe schrieb, die sie niemals abschickte.

Blickt man zurück, verwundert einen die spießige Borniertheit des intellektuellen Deutschland in dieser Zeit ohnehin. Man muss nur nachlesen, was Alice Schwarzer damals zu Romy Schneider einfiel, einer Frau, die emanzipiert habe sein wollen, aber vermeintlich stets von den Männern abhängig blieb. Aus heutiger Sicht erscheint Romy Schneider als Avantgardistin. Was andere predigten, das lebte sie aus. Sie wollte alles: Filmstar sein, selbst bestimmen und eine heile Familienwelt haben. Und sie gab alles. Sie müsse, sagte sie einmal, „immer bis zum Äußersten gehen, selbst wenn es nicht gut ist“.

Ihre unerfüllte Suche nach Erfüllung und Heimat

Darauf werden sich heute vielleicht alle einigen können: Romy Schneider war eine Frau, die bis zum Äußersten ging. Der das Schicksal aber auch das Äußerste abverlangte, dem einstigen Kinderstar, der mit Mitte zwanzig schon alles erlebt hatte, und der Mutter, die ihren Sohn David im Alter von fünfzehn Jahren durch einen tragischen Unfall verlor; er starb, als er über einen Zaun klettern wollte, dessen Spitzen fügten ihm tödliche Verletzungen zu. Das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann, dass spielte Romy Schneider nicht, es widerfuhr ihr selbst, als sie ihr Kind verlor.

Die Geburt jenes David wird in der Szene in der Bucht von Cap Ferrat offenbart. So wie diese Szene soll der Film sein - ein drei-, vier-, ja vielfaches Rollenspiel. „Wir sehen Jessica Schwarz, die Romy Schneider spielt, die Sissi spielt und die mit dieser Sissi ein Problem hat.“ So beschreibt es der Autor Benedikt Röskau, der einmal als Tontechniker angefangen und schon von daher eine Vorstellung hat, bis zu welcher Grenze man etwas im Film darstellen kann, bevor es ins Künstliche kippt. „Wir vergessen uns wahnsinnig, wenn wir spielen“, sagt Jessica Schwarz. Um das in einer zweiten Ebene einzufangen, lässt der Regisseur Fischer seinen Kameramann Holly Fink die Schauspieler mit einer alten Super-Acht-Kamera filmen, wenn die es nicht gewärtigen. Man darf gespannt sein, zu welchem Bild sich dies im Schnitt zusammenfügt.

Werden wir eine Romy Schneider sehen, wie sie noch keiner kennt? „Zwangsläufig“, sagt der Regisseur Fischer und grinst, „weil es nicht Romy Schneider ist.“ Mit diesem Bild der Romy Schneider werden alle ihr eigenes abgleichen. Die Differenz, darin ist sich der Autor Röskau sicher, wird das Interesse an dieser außergewöhnlichen Frau und ihrer lebenslang unerfüllten Suche nach Erfüllung und Heimat aufs Neue entfachen.

Der Papierdrachen in der Bucht von Cap Ferrat hebt sich in die Lüfte. Er vermag es nicht aus eigener Kraft, die Filmleute haben mit darübergehängten Luftballons nachgeholfen. Über der Bucht sind sie noch lange zu sehen. Von den Wünschen, die sie transportieren sollten, wissen wir nichts.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Glück im Unglück: Schützen Sie sich vor den finanziellen Folgen eines Unfalls. Jetzt Unfallversicherungen vergleichen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche