Vertrag von Lissabon

Londons Presse und Irlands Nein

Von Henning Hoff, London

Die Iren haben den Vertrag von Lissabon abgelehnt: Wie dieses ältere Ehepaar wohl gestimmt hat?

Die Iren haben den Vertrag von Lissabon abgelehnt: Wie dieses ältere Ehepaar wohl gestimmt hat?

29. Dezember 2008 

Das interne Papier der EU-Kommissions-Vertretung in Dublin brachte es nüchtern auf den Punkt: Zwischen dem „Vertrag von Nizza“, den die Iren 2001 erst ablehnten und im folgenden Jahr dann doch annahmen, und dem im Juni gescheiterten „Lissabon“-Referendum über den jüngsten EU-Vertrag habe sich die irische Medienlandschaft deutlich „antieuropäisch“ eingefärbt. Ein Schuldiger war implizit auch gefunden: „Seit 2002 haben die britischen Zeitungen mit ,irifizierten' redaktionellen Inhalten zugelegt. Sie haben sich als bedeutende Meinungsmacher erwiesen und als insgesamt euroskeptischer als die irischen Medien“, heißt es in den Papier.

An dem Befund ist wenig zu deuteln. Die „Irish Sun“, Schwester des rabiaten Skandalblatts „Sun“ aus dem Londoner Zeitungshaus News International, das wiederum dem globalen Medienzaren und EU-Kritiker Rupert Murdoch gehört, war mit zuletzt rund 103.000 Exemplaren und mehr als dreimal so vielen Lesern die drittgrößte Tageszeitung in der etwa 4,4 Millionen Einwohner zählenden irischen Republik. Nur der „Irish Independent“ und die „Irish Times“ haben eine höhere Auflage. Letztere hat mit der Londoner „Times“, die ebenfalls Murdoch gehört, nichts zu tun. Allerdings ist die irische Ausgabe von Murdochs „Sunday Times“ schon seit einiger Zeit Lieblingslektüre der irischen Mittelschicht mit einer Auflage von zuletzt 105.000 Exemplaren.

Getrennte Wege bei binationalen Themen

Seit 2006 auch die konservative „Irish Daily Mail“ auf dem Boulevard präsent ist, hat die internationale - sprich: britische - Presse in Irland einen noch größeren Marktanteil. Die „Mail“ lebt ihre Europa-Phobien zwar nicht wie einstmals die „Sun“ mit vulgären Fingerzeigen in Richtung Brüssel aus, ist deshalb aber kaum gemäßigter in ihrer Annahme, dass die meisten Übel der Welt mit der EU-Kommission zusammenhängen.

„Irish Sun“ oder „Irish Daily Mail“ und ihre Sonntags-Schwesterblätter werden mittlerweile in Irland gedruckt und haben eigene, mit irischen Journalisten besetzte Redaktionen. Bei heiklen binationalen Themen geht man getrennte Wege. Als Ken Loach für „The Wind That Shakes the Barley“, das Filmepos vom irischen Unabhängigkeitskrieg, in Cannes 2006 die „Goldene Palme“ gewann, bezeichnete die britische „Sun“ den Film als unpatriotische Nestbeschmutzung und „größte Verherrlichung“ der terroristischen IRA „aller Zeiten“, während die „Irish Sun“ anerkennend festhielt, das Werk verpasse „den ,Brits' eine Tracht Prügel“. Alles in allem übernehmen die irischen Ableger aber den überwiegenden Teil ihrer Artikel - und ihre Grundhaltung in Sachen Europa - von den Verlagszentralen in der britischen Hauptstadt. Auch unterhält keiner von ihnen eigene Korrespondenten in Brüssel.

Nur einer von vielen Faktoren

Ende November legte die frühere „Sunday Times“-Journalistin Sarah Carey nach. „Lasst Rupert Murdoch nicht Irlands Zukunft entscheiden“, forderte Carey in einem Meinungsbeitrag für die „Irish Times“ und berichtete davon, dass der Chefredakteur der irischen Ausgabe der „Sunday Times“, Frank Fitzgibbon, vor der Abstimmung über den Vertrag von Lissabon alle Pro-Referendum-Beiträge, darunter auch einen von ihr selbst, aus der Zeitung verbannt habe - auf Geheiß oder in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem mächtigen Medienzaren.

„Es ist eine Tatsache, dass die britische Presse eine dominante Rolle in Irlands politischem Diskurs spielt, nicht zuletzt die Murdoch-Presse“, meint der Vorsitzende der Journalistengewerkschaft NUJ in Irland, Seamus Dooley. „Insbesondere die ,Sunday Times' verfolgt eine scharfe europaskeptische Linie, die die Haltung des Murdoch-Konzerns widerspiegelt.“ Allerdings warnt Dooley vor einer „simplen“ Schuldzuweisung für das Scheitern des „Lissabon“-Referendum: Der antieuropäische Medienkonsens sei „nur einer von vielen Faktoren“ gewesen.

Vor allem ein Vakuum gefüllt

„Wir müssen skeptisch sein gegenüber der These, dass die Anti-EU-Haltung von den britischen Blättern nach Irland importiert wurde“, meint auch Hugo Brady vom Centre for European Reform (CER): „Studien nach dem gescheiterten ,Lissabon'-Referendum zeigen, dass das Versagen der ,Ja-Kampagne' entscheidend dafür war, eine echte politische Debatte zu führen.“ Der bis vor kurzem vorherrschende Konsens über die Europäische Union in Irland, getragen von den einheimischen Medien, dem Großteil der Parteien und den Gewerkschaften, sei „einschnürend“ gewesen, sagt Brady weiter. Die britische Presse habe vor allem ein Vakuum gefüllt.

Dass aber nicht nur Irlands Arbeiterschicht, die wegen der Sport- und Klatschgeschichten gern die britischen Boulevardblätter lese, sondern auch die Mittelschicht, die zur „Sunday Times“ greife, das deutliche Nein der Iren herbeigeführt habe, demonstriere den gestiegenen Einfluss der Presse „made in London“, meint Brady. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen und wird es vielleicht nie werden“, sagt dagegen John Horgan, der Ombudsmann der irischen Presse, zugleich Professor für Kommunikationswissenschaft an der Dubliner City-Universität. „Wenn Dinge schiefgehen, sind ausländische Sündenböcke oft attraktiver als einheimische.“ „Im europäischen Vergleich empfinden die Iren zugleich am meisten national und am meisten europäisch“, resümiert Brady, „das macht sie einzigartig.“ Daran hat selbst die britische Presse in Irland bislang nichts geändert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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