Von Matthias Hannemann, Münstereifel
07. Oktober 2008Irgendjemand wird schon daran gedacht haben, diese Stadt rechtzeitig mit schönen großen Waschmaschinen auszurüsten, mit deren Hilfe dann der ganze Dreck von den Uniformen über Nacht verschwindet. Denn Bad Münstereifel, 19.000 Einwohner zählend und anderthalb Bummelzugstunden südwestlich von Bonn gelegen, hat aufgeräumtere Tage erlebt als diesen - und das nicht bloß wegen der mit Parfüm bestäubten Senioren, die im Rathauscafé mit bebender Stimme nach einem Stück Haselnusstorte fragen.
Unentwegt treibt Staub durch die Trümmer. Herrenausstatter liegen in Schutt und Asche. Die Hemden der Soldaten und Helfer, die sich zur Mittagspause schleppen, sind blutverschmiert. Und dem Kerl am Boden, dem sie eine Decke über das Gesicht gezogen haben, geht es auch nicht mehr gut. Es stimmt wohl, was Krimi- und Thriller-Autoren seit Jahren predigen: dass es nur ein schmaler Grat ist, der die Abgründe der Provinz von einer ordentlichen Apokalypse trennt.
Und das war erst das Erdbeben: Der Mann, der über Leichen geht, heißt Alexander Rümelin. Lange Haare. Sonnenbrille. Jeans. Er kann sich nicht beherrschen, als er bei dunklem Mittagslicht an den Ruinen und Wracks entlangstreicht. Sie sind auch sein Werk. Unglaublich! ruft er, unfassbar! Und dann lacht Rümelin, obwohl man im Dunst weder atmen noch die Hand vor Augen sehen kann. Vermutlich war er als Kind schon der Schrecken aller Bauklötzchen-Architekten - lange bevor von TeamWorx der Auftrag kam, das Drehbuch für einen Zweiteiler namens Der Vulkan zu schreiben.
Das war doch erst das Erdbeben, oder?, ruft Rümelin Klaus Zimmermann entgegen, dem Produzenten, der ebenfalls die Mittagspause nutzt, um die Kulissenstadt auf einem ehemaligen Fabrikgelände in den Wäldern bei Bad Münstereifel zu besichtigen. Ja, der Vulkanausbruch kommt erst nach der Mittagspause, antwortet er. Man kennt das in Deutschland: Ordnung muss sein.
Tatsächlich schlummert unter dem tiefgrünen Eifelboden eine Magmakammer. Sie lässt im Laacher See bei Ahrweiler einige Gasbläschen aufsteigen. Fachleute halten eine Eruption in der allernächsten geologischen Zukunft nicht für ausgeschlossen. Sie denken freilich in anderen zeitlichen Kategorien als TeamWorx und RTL. Dort hat man sich in den Kopf gesetzt, den Geist aus der Tiefe nicht erst in einigen tausend Jahren zu beschwören. Schon jetzt aber hält das Spektakel, neun Millionen Euro teuer, die als Komparsen bemühten Bürger von Bad Münstereifel in Atem.
Selbst die Taxifahrer flüstern von früh bis spät die Namen derjenigen Schauspieler, die zwischen den Dreharbeiten rauschende Feste in den Hotels des Ortes gefeiert haben sollen: allen voran Heiner Lauterbach, Armin Rohde, Matthias Koeberlin, Yvonne Catterfeld und Katja Riemann. Ein populär besetzter Tanz auf dem Vulkan, so hochkarätig, dass die Produktion weder den dunklen Miet-Phaeton für die Stars noch die obligatorisch beschrifteten Klappstühle am Set vergaß.
Oben, zwischen den Kulissen von Lorchheim, der nachgebauten Innenstadt von Bad Münstereifel, werfen sie die Lampen und Rauchmaschinen an, kaum dass die blutigen Helfer vom Kantinenbus zurückgefunden haben. Uwe Janson, der Regisseur, wirft einen Blick auf die Kameras, auf zwei tragbare Monitore. Dann zieht er sich den Schlapphut ins Gesicht und sagt: Mir hat das Drehbuch gefallen, weil es diese Geschichte nicht als Heldenepos erzählt. Aber sicher muss ich bei solchen Event-Filmen aufpassen, dass es nicht schnulzig wird. Und zudem überhaupt alles vermeiden, was zu industriell gefertigt wirken könnte.
Von ihm, dessen Leidenschaft gleichermaßen Thrillern wie Theaterverfilmungen (in jüngster Zeit Peer Gynt oder Werther) gilt, der unablässige Panikbilder für voyeuristisch hält, erhofft die Produktion sich einen neuen, etwas anderen Stil für einen Katastrophenfilm - mehr Children of Men, flüstert man am Set, als Dante's Peak. Was das heißen soll, ist noch schwer zu deuten. Der kahlgeschorene Armin Rohde sagt, er spiele eine sehr deutsche Figur, die durch die Katastrophe jede Hemmungen verliere: die Stimme Gottes aus dem brennenden Dornbusch.
Heiner Lauterbach sagt, kurz bevor sie ihm Staub auf Anzug und Brille sprühen, er verkörpere eine unerwartet dankbare Rolle: den wandlungsfähigen Chef einer Dorfbankfiliale. Sonja Gerhardt hält zwei Babys im Arm, die bei Bedarf gegen Puppen ausgetauscht werden können, und herrscht dem Drehbuch gemäß Lauterbach vor laufender Kamera an: Lass mich in Ruhe! Über die Handlung ist so gut wie nicht zu erfahren. Nicht einmal das Gerücht, in der Schlussblende des Films werde der leibhaftige Heino wie Phönix aus der Asche erscheinen - mit Torte, Gitarre und Sonnenbrille -, will man hier bestätigen.
Stattdessen hebt der Regisseur die Hand. Es kracht, es wummert. Die Straße verschwindet im Rauch. Lauterbach, Rohde und zwei Dutzend Komparsen schauen zu einem Gehilfen hinter der Kamera, als sei dies der unerlaubte Blick zurück nach Sodom. Und der Gehilfe, der eben noch die Objektive vom Staub gereinigt hat, winkt mit langen Armen von links nach rechts, bis auch die Eifelaner Schicksalsgemeinschaft mitsamt der Kamera nach links und rechts schwankt. Alle purzeln durcheinander, als sei soeben der Boden in Bewegung geraten: Das war's dann! Danke! Erst der Computer wird später die glühende Lava über die Hausdächer ausgießen, halb Deutschland wird danach von Asche bedeckt sein. Gesendet wird das Ganze wohl in einem Jahr.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: RTL / Willi Weber