Fernseh-Qualitätsdebatte

Der Statist muss vom Schrank springen!

Von Holger Weinert

Unterhaltung à la ZDF: Thomas Gottschalk nach seinem Eintauchen in ein riesiges Senfglas

Unterhaltung à la ZDF: Thomas Gottschalk nach seinem Eintauchen in ein riesiges Senfglas

02. Dezember 2008 Es war ein tragischer Unfall, der mich vor mehr als zwanzig Jahren begreifen ließ, wie Fernsehen funktioniert. Das mehrfach preisgekrönte, flott gemachte Regionalmagazin, bei dem ich frisch von der Zeitung weg angeheuert hatte, brauchte noch ein Thema für den Abend. Die Köpfe rauchten, und der Mitarbeiter mit Vorliebe für Soziales schlug vor, über eine Mahnwache zu berichten. An einer Ampel war ein radelndes Kind von einem abbiegenden Lastwagen überfahren worden. Das Thema fand keine Gegenliebe. Betroffenheitsjournalismus verkaufe sich schlecht, befand der Redaktionsleiter. Wenige Tage später fand sein einziges Kind auf dieselbe Weise den Tod.

Mir ist diese Tragödie unvergesslich geblieben. Sie wirft, bei aller Zufälligkeit der Ereignisse, ein bezeichnendes Licht auf das Fernsehgeschäft: Form geht im Zweifel vor Inhalt, Unterhaltung vor Information. Am sichersten ist es, zu senden, was verkäuflich ist. Am nächsten Morgen lauert die Einschaltquote - Benotung täglich und öffentlich.

Fernsehniveau fühlbar heben

Günther Jauch moderiert seit Jahren erfolgreich die Quizshow “Wer wird Millionär?“

Günther Jauch moderiert seit Jahren erfolgreich die Quizshow "Wer wird Millionär?"

Kennen Sie noch irgendein umständliches landespolitisches Magazin, oder schauen Sie eines? Unverkäuflich, außer es widmet sich besonderen Bürgeranliegen, Medizinskandalen. Wirtschaftsmagazine haben sich vielfach auf zugkräftige Verbraucherthemen verlegt. Magazine bei den Privaten wie die „Akte“ von Sat.1 kommen bedeutungsvoll daher, liefern aber nur möglichst reißerische Themen und kündigen vor der Werbepause gern schnell noch ein Sexthema an.

Ich fürchte, wir haben zu viel Fernsehen für unser gar nicht großes Deutschland. Wie anders ist es zu erklären, dass ich manchmal durch dreißig Programme zappe und nichts finde, was mich interessiert. Inzwischen mache ich es wie viele der kultur- und informationsorientierten Zuschauer und lande manchmal sogar gezielt bei Phoenix oder 3sat, um mein Fernsehniveau fühlbar zu heben.

„Bauer sucht Frau“

Klar, Fernsehen ist kein reines Informationsmedium. Seine größten Triumphe lagen auf dem Feld der Unterhaltung, der Verlängerung des Varietés und der Bühne ins Wohnzimmer. Das waren Sternstunden damals mit Frankenfeld und Kulenkampff, und alles zu Hause. Es folgte aber auch noch geradezu feierlichen Ritualen. Diese Showmaster hatten Geist und Wärme. Sie waren von alter Schule und keine Mannequintypen ohne Substanz.

Warum wohl ist Günther Jauch so erfolgreich? Weil er hochintelligent, spitzbübisch und schlagfertig ist. Obwohl sein „Wer wird Millionär?“ eine einzige Schablone ist. Der Trend seit langem geht zur Tupperware-Unterhaltung. Dieselben Formate weltweit, abgekupfert bis runter ins Regionalfernsehen. Das macht im Fall Jauch nicht viel aus, es ist ja geradezu ein Bildungsformat. Albern wird es für mich schon bei „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Bauer sucht Frau“. Statt originärer eigener Showideen erleben wir als Zuschauer, wie uns ein Klischee in den Würgegriff nimmt.

Die Isetta lag im Bett

Und dann die Inhalte: Hape Kerkeling hat nicht nur, was Religiöses angeht, Sinnfragen gestellt. Schon in den frühen Neunzigern karikierte er auf geniale Weise das Showgebaren des Fernsehens. Sein Film „Kein Pardon“ kam mir vor wie eine Parodie meines eigenen zeitweiligen Showbetriebs. Schlüsselszene: Solange der Statist ganz normal auftritt, ist das nicht lustig. Er muss vom Schrank springen! Meinte die Crew, und der Statist brach sich die Beine.

Ich habe das damals nachgetestet, mit einem besonders umtriebigen Regisseur und im Bühnenbild einer Maisonettewohnung. „Solange unsere Isetta nicht oben im Bett liegt, finde ich das nicht lustig“, sagte ich beiläufig und gelangweilt bei den Proben. Gabelstapler wurden geordert, schließlich ein Kran. Am Sendetag lag die Isetta im Bett, war aber durch einen Fehlschnitt nur gut eine Sekunde zu sehen.

Sonst gäb's noch Ärger

Gottschalk im Senftopf ist das jüngste Beispiel für völlig zusammenhanglosen Fernsehhumor. Anlass für den Scherz war der „Wetten, dass ... ?“-Austragungsort Nürnberg (die Rostbratwürste dort, genau!). Ein Gag nur um des Gags willen. Würde Gottschalk in etwas getaucht, vor dem er sich wirklich fürchtet und ekelt, dann wäre die Sache schon komischer. So ist nur die sündhaft teure Garderobe im Eimer, und das Ansteckmikro auch. Ganz selten wird irgendwo im Fernsehen richtig gelacht, lauthals, echt und weil etwas ansteckend lustig ist. Wie beim „Scheibenwischer“. Oder wenn Menschen sich Überraschendes erzählen. Das ist für mich persönlich Unterhaltung.

Die Sprache der Redakteure gleicht der unserer geliebten Banker. „Flow“, „stream“, „slot“, „unique selling point“ (Alleinstellungsmerkmal) - Fernsehen wird zum Rastergeschehen, berechenbar als Produkt und unbedingt künstlich, so künstlich wie die Sprache vieler Moderatoren. Und es ist sehr verbreitet heutzutage, dass Agenturen Showgäste liefern. Das, was auf keinen Fall gefragt werden darf, das stand meist kurz vorher in der Zeitung. Es findet aber nicht statt, weil die Agentur einen Aufstand macht. Dann einigen wir uns doch auf das Verfahrensniveau von „Wetten, dass ... ?“: Carla Bruni-Sarkozy singt erst in absurder Kulisse und wird auf dem Sofa garantiert nichts gefragt. Was soll die französische First Lady schon zu erzählen haben? Sonst gäb's noch Ärger. Unterhaltung gerastert und gestanzt.

„Unterschichten-Fernsehen“

Das Ganze ist das Ergebnis einer endlosen Abspielindustrie und eines übermächtigen Konkurrenzdrucks. Dauerberieselung Fernsehen: Kein Kanal, auf dem nicht gekocht wird, und niemand kann überprüfen, ob der vom Fernsehen so ernannte, aber ungelernte Starkoch wirklich kochen kann. Sexshows wie „Wahre Liebe“ waren schnell vergessen. Ebenso die vulgären Nachmittagstalks, die höchstens den Zweck erfüllten, das Dorfleben in Deutschland aufzumischen. In der Provinz muss das Fachwerk gebebt haben, Sodom und Gomorrha frei Haus. Immerhin eine gesellschaftspolitische Wirkung.

Dass fast jede Polit-Talkshow nach Regeln des Nachmittagstalks funktioniert, gehört zu diesen Entwicklungen. Je mehr sich einer aufregt, umso erfolgreicher die Runde. Politik kann mühsam sein und sehr differenziert. Ausgerechnet Reinhold Beckmann, der schon viel kritisierte, demonstrierte zuletzt, wie es auch anders geht: in einem 52 Minuten langen Interview mit dem Finanzminister, das dicht und überhaupt nicht langweilig war.

Es gibt also noch Hoffnung, die allerdings nicht das von Harald Schmidt verspottete „Unterschichten-Fernsehen“ betrifft. Aber etwa die Hälfte der Bevölkerung hat höhere Ansprüche als die andere. Zweigeteilt? Womöglich für lange.

Holger Weinert moderiert im HR-Fernsehen das „Hessenjournal“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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