29. Januar 2008 Was Nicolas Sarkozy betreibe, sagte Miriam Meckel inmitten der Sendung, sei Politainment. Doch ist es Politik als Unterhaltung, Unterhaltung als oder gar anstatt Politik? Wohl eher Letzteres, meinte der ehemalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, und das sei für den französischen Staatspräsidenten sehr riskant. Denn über kurz oder lang werde sein Auftreten nicht mehr zu dem Bild passen, das sich die Franzosen von ihrem Staatspräsidenten und dessen Amt machten. In seiner Funktion, aber auch in seiner Person sieht sich die Nation repräsentiert. Da muss man mit neckischem Geturtel und Schabernack für die Fotografen aufpassen.
Monsieur Sarkozy kam in der Sendung von Reinhold Beckmann nur in einem Halbsatz vor, doch in diesem wiederum fand sich die Essenz einer ziemlich interessanten Stunde Talkshowfernsehen. Denn was anderes als Politainment betreibt Beckmann selbst? Und mit welchem Selbstverständnis unternimmt er es? Wie steht es um Einheit und Unterscheidbarkeit zwischen öffentlicher Rolle und realer Person? Ist er so mit sich eins, wie es die hessische SPD-Heldin Andrea Ypsilanti offenbar ist? Und wie gewinnt der Ministerpräsident Christian von Niedersachsen, der sich einen Wulff lächelt (sorry, das war ein Beckmann-Kalauer) locker eine Wahl?
Roland Koch aber nicht. Und was ist mit Tom Cruise? Ist er ein Schauspieler, der bei Scientology die Familie gefunden hat, die er immer suchte? Oder ist er ein Scientologe, der einen Schauspieler darstellt, der wiederum in dem Film Valkyrie Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielt, um mit diesem Film nicht die Zuschauer in aller Welt, sondern die Welt als solche und die Bundesrepublik im Besonderen für diese seltsame Hollywood-Heilsarmee für Prominente zu erobern? Man glaubt es kaum, doch das alles hing bei Beckmann an einem roten Faden und wurde fest vernäht.
Biedenkopf und Engholm gaben sich staatsmännisch
Daran hatten tatsächlich alle in dieser Sendung einen Anteil. Kurt Biedenkopf und Björn Engholm gaben sich mit ihrer Einordnung der Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen als elder statesmen, wie man sie selten sieht. Sie führten nicht den Wahlkampf weiter, sondern analysierten sachlich und distanziert. Mit seiner Ausländerjugendkriminalitätskampagne sei Roland Koch, meinte Engholm, einem Stammtisch hinterher gelaufen, den es seit zehn Jahren nicht mehr gibt.
Kurt Biedenkopfs Einschätzung war nicht weniger eindeutig, bei seinem Parteifreund Koch sah er überhaupt keine strukturierte Thematik und keine Strategie, allenfalls Taktik und zwar eine, mit der er die Intelligenz der Wähler unterschätzte. Insbesondere gering geschätzt habe der hessische Ministerpräsident das Thema Bildungspolitik und G 8 - also die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre -, warf Reinhold Beckmann ein, der an dieser Stelle als Vater zweier schulpflichtiger Kinder die Rolle des Moderators fahren ließ, gegen den Pisa-Komplex wetterte und Biedenkopfs Einwand, dass es in Sachsen G 8 seit 1990 gibt, nicht gelten lassen wollte. So sieht man Beckmann eher selten.
Ypsilantis Souffleur
Vollkommen authentisch aber fanden die Gäste - wenn auch etwas naiv, wie Björn Engholm meinte - Andrea Ypsilanti, worin ihnen auch die Kommunikationsexpertin Miriam Meckel zustimmte, die in einer SPD-geführten Landesregierung von Nordrhein-Westfalen einmal Medienstaatssekretärin war. Daran vermochte nicht einmal die bizarre Szene vom Wahlabend in Wiesbaden etwas zu ändern, in welcher der Lebensgefährte von Andrea Ypsilanti ihr ins Ohr flüstert und ihren Text (die Sozialdemokratie ist wieder da) tonlos aber lippensynchron mitspricht. Da sei kein Souffleur am Werk gewesen, das sei Mitsprechen gewesen, meinte Miriam Meckel. Das Wir war hier sichtbar, sagte Kurt Biedenkopf, der vergleichbare Szenen selbst erlebt haben will. Ein naiver Betrachter, der sich bei diesem Theater etwas anderes denkt.
Was uns die Texte und Rollen von Tom Cruise sagen sollen, das ist das Thema des britischen Journalisten Andrew Morton, dessen unautorisierte Biographie des Hollywood-Schauspielers gerade auf den Markt gekommen und bei uns mit Blick auf Tom Cruises Rolle als Stauffenberg verschwörungstheoretisch ausgedeutet worden ist. Morton geht mit seinen Schlussfolgerungen über Cruise und Scientology ziemlich weit, weiter als die Belege seiner intensiven Recherche im einzelnen vielleicht reichen mögen. Gewissheit über die Frage, ob der Scientologe Cruise tatsächlich die Nummer zwei der Sekte ist und uns allen den Schauspieler nur vorgaukelt, brachten auch die Ausschnitte der beiden im Internet vagabundierenden Filme nicht, in denen Cruise exaltiert auf einer Scientology-Veranstaltung spricht und im Interview von sich selbst berauscht über seine Rolle in L. Ron Hubbards Sekte Auskunft gibt. Man muss schon über den sehr speziellen Blick des ZDF-Historikers Guido Knopp verfügen, um da sogleich an Goebbels zu denken. Beängstigend mag einem scheinen, wie Cruise auftritt, vor allem aber macht er einen vollständig belämmerten Eindruck.
Verschobene Wahrnehmung
Hier meldeten sich Björn Engholm und Miriam Meckel als Stimme der Vernunft. Von Dämonisierung rate er ab, sagte Engholm; den Stauffenberg-Film solle man sich erst ansehen und könne ihn dann ja gut oder schlecht finden, meinte Miriam Meckel. Sie verwies allerdings auf die verschobene Wahrnehmung, die dazu geführt habe, dass ein Schauspieler - der, was man heutzutage wohl dazusagen müsse, übrigens nicht Stauffenberg sei - einen Bambi-Preis für Mut oder Courage bekommen habe, nur weil er eine Rolle spiele, und die versammelte Medienelite applaudiere auch noch: Der Star ist der Star ist der Star.
Was Scientology mit weniger prominenten Menschen anstellt, davon berichtete bei Beckmann ein Ehepaar, das binnen sieben Jahren rund 500.000 Euro für diverse Kurse in Sachen vermeintlicher Selbsterkenntnis ausgegeben und sich inzwischen von der Organisation losgesagt hat. Diese sei totalitär verfasst, strukturiere Menschen um und ächte sie, sobald sie sich abwenden wollten. An diesem Punkt hatte niemand mehr weitere Fragen.
Text: FAZ.NET
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