Gespräch mit Caren Miosga

Keine Angst vor großen Tieren

09. Mai 2008 An diesem Freitagabend wird „Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga im Hamburger Schauspielhaus die Verleihung der Henri-Nannen-Preise leiten. Ein Gespräch über ironische Augenbrauen, Marcel Reich-Ranicki und die Ernsthaftigkeit in der deutschen Politik.

Seit bald einem Jahr moderieren Sie die „Tagesthemen“. Zyklone, Nahrungskrisen, nationaler Sicherheitsrat: Vermissen Sie nicht manchmal die friedliche Welt der Kulturjournale?

(lacht). Am meisten vermisse ich sie, wenn ich samstags arbeiten muss und zum dreißigsten Mal die neueste Thalheimer-Inszenierung verpasse, die ich unbedingt sehen wollte. Ich komme auch nicht mehr so viel zum Lesen wie früher.

Können Sie das nicht nachholen, wenn Sie Ihre arbeitsfreie Woche haben?

Doch, aber nicht mehr in dem Maße wie früher. Mein Zeitungskonsum ist automatisch gestiegen, aber ich habe zum Glück immer noch Platz für anderes.

Sie haben sich beim Antritt „Verständlichkeit“ zum Ziel gesetzt. Die Kritiker loben aber vor allem Ihre ironische Lässigkeit, sogar die hochgezogene Augenbraue sollen Sie von Ihrer Vorgängerin Anne Will geerbt haben. Gehört Ironie neuerdings zum Profil dazu?

Ich mache das gar nicht bewusst, mir macht das einfach nur selbst Spaß. Es gibt doch nichts Langweiligeres, als Nachrichten in der Agentursprache zu präsentieren. Mit Ironie kann ich anders gestalten, besser einordnen und oft einen Aspekt herausarbeiten, der besonders brisant ist. Machen das andere Moderatoren anders? Viele arbeiten doch so!

Genau deswegen frage ich danach.

Wir haben uns sicher nicht verabredet, das alle so zu machen. Wenn Sie sich anschauen, wie langweilig die Politik in Berlin manchmal ist und wie sich die Berichterstattung darüber wiederholt, das bedarf auch einer gewissen Respektlosigkeit. Ich muss im Interesse der Leute zurücktreten und mich fragen: Worüber reden wir hier eigentlich? Und diese Distanz kann die Ironie gut wahren.

Heute Abend werden Sie im Hamburger Schauspielhaus die Verleihung des Henri-Nannen-Preises moderieren. Die Jury prämiert auch Artikel in der Kategorie „Humor“. Kann es sein, dass sich Journalisten mehr und mehr mit unterhaltenden Elementen gegen die Langeweile politischer Floskeln wehren?

Unterhaltung klingt gleich so nach Boulevard. Wenn ich mir ansehe, welche Artikel für diesen Preis nominiert wurden, sind das eher neue Ideen für journalistische Formate: Ein Text ist das fiktive Tagebuch von Klaus Wowereit, ein anderer erzählt vom erfundenen „Verein zur Rettung der SPD“ – das ist schon klasse, wenn Kollegen solche Ideen haben.

In Amerika trauen gerade jüngere Zuschauer der „Daily Show“ mit Jon Stewart oder dem „Colbert Report“ zu, der Wahrheit näher zu sein, weil sie die Realität überspitzen. Könnten solche Formate auch unsere Nachrichten verändern?

Nein, in Deutschland gibt es da bewusst klare Trennungen. Eine Nachrichtensendung bleibt eine Nachrichtensendung, und wer seriös berichten will, darf die Grenzen zur Satire nicht aufweichen. Sonst verfälscht er schnell. Außerdem wird in Deutschland Politik auch bitter ernst genommen.

Sie haben eben von Respektlosigkeit gesprochen. Stellt sich die automatisch ein, wenn man wie Sie fast täglich weltberühmte Menschen interviewen kann?

Ich spreche mit Politikern – Respektlosigkeit, also auf Augenhöhe zu reden und nicht vor Ehrfurcht zu erstarren, finde ich dabei auch richtig und gesund. Nicht selten kommt es vor, dass ein Politiker mich im Interview eiskalt anlügt. Da kann ich dann zehnmal zitieren, dass er vor zwei Jahren etwas ganz anderes behauptet hat als heute: Auf der anderen Seite sitzt im Berliner Hauptstadtstudio ein Politiker, der zu keinem wirklichen Gespräch bereit ist. Da packt mich schon die Wut.

Haben Sie denn wenigstens noch etwas Bammel, wenn heute Abend Marcel Reich-Ranicki kommt, um den Preis für sein Lebenswerk entgegenzunehmen?

Ich freue mich darauf, weil ich Marcel Reich-Ranicki noch nicht persönlich kennenlernen durfte. Ich bin sehr gespannt, was er sagen wird, und ich bin gespannt auf die Laudatio der Bundeskanzlerin – ich wusste gar nicht, dass sie so ein Fan von ihm ist. Bammel? Nein, ich bewundere Menschen wie Marcel Reich-Ranicki für das, was sie geleistet haben. Ich finde, er ist nicht nur der wortgewaltigste Kritiker, den wir haben, er ist auch der beste Entertainer im deutschen Fernsehen – auch wenn er dieses Wort bestimmt unausstehlich findet (lacht).

Sie sagen, Sie kommen nicht mehr so viel zum Lesen wie früher. Für Richard Sennetts neues Buch über das „Handwerk“ hat die Zeit aber gereicht?

Mich hat schon Sennetts Buch „Der flexible Mensch“ angesprochen. Wir streiten momentan darüber, ob ein Mindestlohn sinnvoll ist. Ich bin selbst noch nicht entschieden, eine der wesentlichen Fragen scheint doch aber zu sein, wie viel Arbeit noch wert ist. Das ist auch eine zentrale Frage in Sennetts Werk. Zurzeit nehme ich mir allerdings die neue Stalin-Biographie von Simon Sebag Montefiore vor.

Interessiert Sie Stalin, weil Ihre Familie russische Wurzeln hat?

Russland begleitet mich, ja. Ich lese inzwischen weniger russische Belletristik, von den Romanen bin ich abgekommen, ich weiß gar nicht, warum, früher habe ich Tschechow und Sokolow verschlungen. Mit Stalin habe ich mich schon im Slawistik-Studium intensiv beschäftigt und mich dabei immer gefragt, ob dieses Monstrum auch menschliche Seiten hatte. Genau das versucht Montefiores Biographie zu beantworten. Es ist faszinierend, wie liebevoll Stalin mit seiner Familie umging, georgische Lieder hörte und dabei träumte – und diese gleichen Lieder hörte, als er vierzigtausend Todesurteile unterschrieb. Oder die Geschichte mit seinem Sohn, den er über alles liebte: Der wollte sich nach einem Streit mit dem Vater erschießen, hat aber nur seine Schulter gestreift. Da hat Stalin gelacht und gesagt: Du Narr kannst nicht mal richtig schießen.

Das klingt, als bereiteten Sie sich darauf vor, als führende ARD-Journalistin nach Dienstende für einen Weihnachtsmehrteiler durch Sibirien zu reisen.

Sie meinen: Caren Ruge am Baikalsee, oder wie? Um noch mal mit Stalin zu sprechen: Ich habe keinen Fünfjahresplan, daher weiß ich auch nicht, was nach den „Tagesthemen“ kommt. Ich könnte mir aber vorstellen, wie früher längere Filme zu drehen – und führten die mich nach Russland, wäre ich noch glücklicher. Aber als Institution diese Tradition fortzusetzen muss nicht sein.

Sie ärgern sich darüber, wenn Moderatorinnen in Interviews auf ihr Aussehen angesprochen werden. Verfolgen Sie die aktuelle Feminismus-Debatte? Haben Sie das Buch von Charlotte Roche gelesen?

Nein, und ich habe ehrlich gesagt auch keine Lust dazu. Keine Ahnung, ob das Buch gut ist oder schlecht, aber aus dem, was ich bislang über „Feuchtgebiete“ gelesen habe, eine Feminismus-Debatte machen zu wollen ist wirklich hirnrissig. Was hat das mit Feminismus zu tun, wenn man sein Deo wegschmeißen soll, um wieder zu müffeln? Das erinnert mich an die Puschel, die Nena in den achtziger Jahren unter den Achseln getragen hat, und das war damals schon unappetitlich. Ich finde es viel interessanter, über andere Sachen zu sprechen als über Feuchtgebiete.

Zum Beispiel?

Neulich sagte eine Managerin, die Teilzeit arbeitet, dass Frauen in Managerkreisen stets Thema seien: „Wieso fragt man nicht, wie viele Männer in Elternzeit sind?“ Sie sprach mir aus dem Herzen. Oder nehmen Sie die VW-Affäre. Dass es überhaupt zu diesen Lustreisen kommen konnte: Man muss sich nur vorstellen, in dem Kreis hätte eine Frau gesessen! Das hätte die Aktion vermutlich gesprengt.

Haben Sie schon einmal bereut, zu den „Tagesthemen“ gewechselt zu sein?

Eine öffentliche Person zu sein – das liegt mir nicht so. Oft sind die Reaktionen, die man auf der Straße bekommt, konstruktiv und nett. Aber wenn Sie mit Freunden am Strand sitzen, mit gerade aus dem Bett aufgestandenen Haaren, und dann kommen Leute und wollen fotografieren: Das ist mühsam.

Wären Sie noch mal zum Fernsehen gegangen, wenn Sie gewusst hätten, wie stark die Verteilungskämpfe in Zeiten des Internets werden?

Ich glaube, dass ich noch zu der Generation gehöre, die im Fernsehen gut arbeiten kann. Ich selbst finde es mühsam, mir im Internet meine Informationen zusammenzusuchen. Ich habe übrigens auch gern eine Zeitung in der Hand. Ich mag auch die Leute am Strand nicht, die sich in die Nähe des Hotspots setzen, nur weil sie dort mit W-Lan versorgt sind. Ich finde es schön, dass es Zeitungen gibt, die noch einen Anspruch auf Vollständigkeit haben. Ich glaube fest daran, dass diese Medien und auch wir im Fernsehen noch weiter bestehen werden.

Ein Miosga-Blog ist also nicht geplant?

Zurzeit nicht, nein. Aber vielleicht kann ich Marcel Reich-Ranicki zu einem Doppel-Blog mit ihm und mir überreden. Das wäre doch grandios!

Das Gespräch führte Tobias Rüther.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext/Haeselich

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