Realityshow

Ich brülle, also bin ich: „American Chopper“

Von Nina Rehfeld, Phoenix

23. August 2007 Kein Sex. Keine Drogen. Kein Rock'n'Roll. Man könnte meinen, dass sich Paul Teutuls Geschäftsphilosophie in der Harley-Davidson-Welt nicht ziemt. Doch der Siebenundfünfzigjährige ist mit seiner Realityshow „American Chopper“ seit vier Jahren Amerikas berühmtester Motorradbauer - und ein seltsamer Erbe der „Easy Rider“-Kultur, die einst seine Liebe zu Motorrädern entfachte.

Die Serie, in Deutschland bei Discovery und auf DMAX zu sehen, ist eine schräge Mischung aus Testosteron, Designlust und Familiendrama. Das jeweils aktuelle Projekt - etwa ein Motorrad im Look der Arbeitsstiefel-Firma Lugz zu entwerfen und zu bauen - bildet den Hintergrund erregter Keifereien zwischen Teutul senior, der wüst fluchend Termindruck, Sauberkeit in der Werkstatt und Arbeitsethik anmahnt, und seinem Sohn Paulie, dessen designerische Experimentierfreude und kreative Lust bisweilen in pure Renitenz umschlagen. Dazwischen steht Mikey, Teutuls jüngster Sohn, ein aus der Art geschlagener Hippie, der als Narrenfigur der Konstellation fungiert. Mikey fährt lieber Vespa statt Chopper, und er verabschiedet sich, wenn ihm der Stress zu viel wird, gern zum Therapeuten.

Flaggen statt Babes

Teutul senior gibt mit Walrossschnauzer und tiefem Bass, mit baumstammdicken Oberarmen, Tattoos und seiner zerfurchten Miene zwar optisch die Inkarnation des harten Harley-Freaks ab. Doch die Standard-Insignien der Motorradkultur - laszive Ladys, Hardrock-Riffs und Trophäen der Trinkfestigkeit - sucht man in seiner „Orange County Choppers“-Werkstatt im kleinen Montgomery, anderthalb Autostunden nördlich von New York City, vergebens. Statt Bikini-Babe-Kalendern schmücken riesige amerikanische Flaggen die Wände, und statt nach Metallspänen, Schmiere und Schweiß riecht es nach nüchterner Ordnung.

Als „Martha Stewart auf einem Motorrad“ hat Mikey seinen Vater einmal bezeichnet, und für Discovery hat sich diese Mischung als Goldgrube erwiesen: klischeegerecht, familientauglich, spannend. „American Chopper“ läuft heute in 170 Ländern, zehn Millionen Amerikaner sehen die Teutuls jede Woche fluchend und zankend ein weiteres Phantasiemotorrad entwerfen und zusammenschrauben - Exemplare wie das „Fire Bike“, einen rotgoldenen Chopper mit einem Tank wie ein Feuerwehrwagen, die feingliedrige „Black Widow“ mit Spinnennetz-Kotflügeln, den geschwungenen Chromflitzer für den Hollywood-Blockbuster „I, Robot“. Mehr als siebzig dieser detailverliebten „Themen-Harleys“ haben die Teutuls bislang entworfen und zusammengeschweißt, bis auf Motor und Vergaser fast alles in Handarbeit. Und des Seniors Wutausbrüche sind ebenso Legende wie das designerische Genie von Paulie.

Brüllen bis einer heult

Paul Teutul behauptet, dass „American Chopper“ völlig ohne Drehbuch auskommt. Auch seine cholerischen Anfälle seien echt. „Ich brülle wahrscheinlich so viel, weil ich selbst so aufgewachsen bin“, sagt er. „Mein eigener Vater hat mich ohne Rückhalt angeschrien. Ob ich das weiterempfehlen würde, weiß ich nicht.“ Manchmal wird bei „American Chopper“ gebrüllt, bis einer heult. Das ist natürlich Traumstoff für das Realityfernsehen. Denn wenn sich Paul Teutul, der das Gesicht seiner Bulldogge auf den imposanten Bizeps tätowiert trägt, die Augen wischt, steht das Klischee der Biker-Männlichkeit kopf. Doch Paulie sagt: „Wir sind wie alle anderen Männer auch. Manchmal ist man hart und rauh, und manchmal zerdrückt man eben ein paar Tränen. Macht doch jeder. Wir machen's halt öffentlich. Vielleicht wird es damit ein bisschen akzeptabler, Emotionen zu zeigen.“

Tatsächlich ist auch Mikeys Flucht zum Therapeuten ein Witz mit Tiefgang. Denn die Familie Teutul, zu der noch Pauls inzwischen geschiedene Frau Paula und zwei weitere, fernsehabstinente Kinder gehören, hat mehr Therapiestunden hinter sich als Woody Allen und Tony Soprano zusammen. Was heute ein Disney-taugliches Imperium ist, begann als wüste Geschichte eines manischen Bikers. Paul Teutul, der mit vier Schwestern im New Yorker Vorort Yonkers aufwuchs, wurde als Kind von seinem erfolglosen Vater und der alkoholkranken Mutter mit einer neunschwänzigen Peitsche gezüchtigt. Mit zwölf Jahren begann er zu trinken, mit neunzehn verließ er die Handelsmarine als „Vollblut-Alkoholiker“, eröffnete in Montgomery eine kleine Stahlwerkstatt und war bald ein gefürchteter Lokal-Berserker. Er heiratete eine gute Christin, setzte vier Kinder in die Welt und verabschiedete sich in den Alkoholismus. Er kippte am Tag mehrere Flaschen „Black Velvet“-Whiskey, dazu kamen Joints, LSD-Trips, Speed. Paul Teutul warf im Suff Angestellte die Treppe hinunter und „ging durch die Wand, wenn die Tür nicht funktionierte“. Er stieg sturzbetrunken aufs Motorrad, verbeulte reihenweise Autos parkender Anwohner und sprang bei spektakulären Crashs dem Tod mehr als einmal von der Schippe. Bis er mit 35 Jahren am Ende war und den Entschluss fasste: Den nächsten Drink gibt's erst morgen. Das gilt bis heute.

„Wir dachten, wir sind erledigt“

Teutul machte eine radikale Kehrtwende. Er begann im Keller seines Hauses Motorräder umzubauen, zeigte sie auf Harley-Treffen und war dabei, sich in der Biker-Szene einen Namen zu machen, als er fürs Fernsehen entdeckt wurde. Doch was als Ostküsten-Pendant zur erfolgreichen kalifornischen Doku-Serie „Monster Garage“ avisiert war, entpuppte sich für die Discovery-Produzenten als ein tiefschürfendes Familiendrama. Und so waren bei der Premiere 2003, sehr zum Entsetzen von Senior und Junior, die Reibereien zwischen ihnen ebenso prominent im Bild wie ihre chromblitzenden Motorräder. „Wir hatten jahrelang hart daran gearbeitet, eine respektable Motorradfirma aufzubauen, und wir hatten einen gewissen Ruf in der amerikanischen Szene“, sagt Paulie. „Plötzlich sah man uns im Fernsehen streiten und brüllen, was das Zeug hält! Nicht sehr professionell.“ Der Senior nickt: „Wir dachten, wir sind erledigt.“ Dann kamen die Einschaltquoten, und plötzlich waren sie Stars.

Paul Teutul hat sein Familienleben in der Werkstatt zu einem Business-Imperium entwickelt, das seinesgleichen sucht. Er beschäftigt mehr als siebzig Angestellte, derzeit bauen die Teutuls eine neue, dreimal so große Werkstatt. Eine kommerzielle Motorradserie, die über Händler weltweit vertrieben werden soll, steht kurz vor dem Start.

Die „echten“ Biker lästern, die Teutuls seien die Saubermänner der amerikanischen Motorradkultur. Und sie werfen ihnen vor, mit ihren teuren Kinkerlitzchen-Öfen die Low-Budget-Kultur der originalen Chopper zu verhöhnen. Doch Paul Teutul lässt sich nicht gern über kulturellen Purismus belehren. „Wissen Sie, ich komme aus ziemlich bescheidenen Verhältnissen, ich musste hart arbeiten und durch schwere Zeiten manövrieren, um dahin zu gelangen, wo ich heute bin. Ich bin nur ein ganz normaler Typ, der versucht, so gut es geht, seine Brötchen zu verdienen. Und ich habe eine Glückssträhne erwischt.“ Danach sieht es wirklich aus.

Beim Männersender DMAX läuft „American Chopper“ montags (19.15 Uhr), dientags (19.15 und 20.15 Uhr) und donnerstags (19.15 Uhr).



Text: F.A.Z., 23.08.2007, Nr. 195 / Seite 34
Bildmaterial: Cinetext/Allstar, DMAX

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