Die Methoden der GEZ

Die Akzeptanz schwindet

Von Thomas Thiel

13. September 2007 In den vergangenen Wochen haben wir in einer kleinen Artikelserie über die mitunter haarsträubenden Methoden des Gebühreneinzugs berichtet, von verschleppten Prozessen, ignorierten Beschwerden bis hin zur Überwachung. Man könnte damit fortfahren bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, wie uns die Leserpost beweist. Da liest man von Geschichten, die man nicht glauben will, doch der Alltag des Gebühreneinzugs schreibt sie.

Man könnte darin ein System mit Methode sehen oder die dunkle Seite schönen öffentlich-rechtlichen Scheins. Die Landesrundfunkanstalten und die Gebühreneinzugszentrale GEZ aber fühlen sich vor allem missverstanden. Sie könnten jedoch gut mit den Darstellungen der GEZ-Kritiker leben, zumal sie polemische Anfeindungen gewohnt seien, schrieb uns Jürgen Gruhler, der Leiter der Abteilung Rundfunkgebühren des Südwestrundfunks, zu unseren zahlreichen Fragen. Zu den hier vorgetragenen konkreten Fällen und Prozessen wurde uns leider kaum Auskunft zuteil. Die Gebühren-Karawane zieht weiter.

Ihrer Sache sicher

Das Denken der GEZ und der Landesrundfunkanstalten gehorcht dem bürokratischen Delegationsprinzip: Dank der politischen Ermächtigungsurkunde des Rundfunkgebührenstaatsvertrags, der ihr rechtliche Grauzonen gewährt, ist die GEZ ihrer Sache sicher. Das Grundproblem besteht darin, dass sich die GEZ niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig fühlen muss. Sowohl Journalisten als auch Wissenschaftlern antwortet sie auf Fragen nach der Höhe der Provisionen für ihre Gebührenbeauftragten, den Gesamtkosten des Gebühreneinzugs oder den Aufwendungen für Gebührenprozesse mit der uniformen Replik, dieses Wissen werde sie nicht preisgeben, da es, „nicht sachgerecht interpretiert, zu völlig falschen Ergebnissen führen“ könnte. Dies ließe sich über viele Dinge sagen, würde aber, verhielten sich alle Behörden ähnlich wie die GEZ, Berichterstattung nahezu unmöglich machen - was kaum im Sinne einer Organisation sein dürfte, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig ist.

Man fragt sich, wieso die GEZ sich eine vom Gebührenzahler finanzierte Presseabteilung leistet. Denn ihre Funktion scheint darin zu bestehen, alle wichtigen Fragen an die Landesrundfunkanstalten weiterzugeben, die sie in anonymer Form beantworten und auf Konkretes nicht eingehen. Wenn Gerüchte der Wellenschlag unterdrückter Informationen sind, wie der französische Schriftsteller Roger

Sagenhafte Geschichten

Peyrefitte schreibt, darf sich die GEZ nicht wundern, dass die Geschichten über sie etwas Sagenhaftes annehmen. Fast ausschließlich in Gerichtsurteilen dringen Informationen über den Gebühreneinzug nach außen, etwa die Summe von mehreren 100.000 Mark, die Spitzenverdiener unter den Gebührenbeauftragten in den Jahren 1993 bis 1997 verdient haben sollen.

Die GEZ aber beruft sich gebetsmühlenartig auf die Bestimmungen des Rundfunkgebührenstaatsvertrags, die leider vieles offenlassen. Das Gesetz definiert etwa nicht befriedigend, wie der Kasseler Medienrechtler Maxim Hauk schreibt, inwieweit die GEZ der Öffentlichkeit gegenüber auskunftspflichtig ist. Zwar stehen dem Rundfunkteilnehmer aus dem Grundrecht der Rundfunkfreiheit hier keine subjektiven Rechte zu. Doch auch der Gesetzgeber, der diese Rechte dann stellvertretend für ihn wahrnehmen müsste, kann dies nicht tun. Die GEZ, von der Verfassung als staatsferne Institution gedacht, gestattet den Landesparlamenten nur sparsame Einblicke in ihr Gebaren.

Eine Änderung des Gebühreneinzugs wäre wichtig

In vielen Fällen sind es die Ungenauigkeiten des Staatsvertrags, die fragwürdige Methoden der Gebührenbeauftragten stützen. Die Landesrundfunkanstalten fürchten, man wolle das öffentlich-rechtliche Gebührenprinzip an sich abschaffen. Dabei wäre eine Änderung des Gebühreneinzugs gerade angesichts der aktuell „schwindenden Akzeptanz der Gebührenzahlung“, die der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und Vorsitzende der Rundfunkkommission, Kurt Beck, schon einmal konstatiert hat, äußerst wichtig, um einem weiteren Ansehensverlust des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Einhalt zu gebieten.

Eine Veränderung des Gebühreneinzugs ist schon seit sieben Jahren in der Diskussion - bislang ergebnislos. Im Oktober des vergangenen Jahres hat die Ministerpräsidentenkonferenz ihre Rundfunkkommission beauftragt, binnen eines Jahres alternative Lösungen zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu erarbeiten. Unter den verschiedenen Modellen kam auf Ministerialebene zuletzt wieder die Idee einer Finanzierung der Gebühr aus dem Staatshaushalt auf. Die größten Bedenken bestünden hierbei in der Frage, ob ein solches Finanzierungsmodell gegen das Gebot der Staatsferne verstößt, das im Grundgesetz festgeschrieben ist. Da man so aber die Kosten des Gebühreneinzugs in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro einsparen könnte - das läuft nach dem Motto: Gebühren zahlen für den Gebühreneinzug -, hält der Medienrechtler Maxim Hauk die steuerliche Finanzierung jedoch für eine probate und verfassungskonforme Lösung: Die GEZ würde überflüssig.

Die Lehre des Parzival

In Wolfram von Eschenbachs großem mittelalterlichen Versroman gelangt der junge Ritter Parzival in die Gralsburg ans Bett des siechen Königs Amfortas und verhält sich diesem gegenüber regelgerecht und ganz im Sinne des höfischen Sittenkodex. Trotzdem oder deshalb wird er mit Schande von der Gralsburg vertrieben, gerade weil er glaubte, mit der höfischen Regelfolge seiner Pflicht Genüge getan zu haben, und die anteilnehmende Frage vergessen hatte, woran der König denn leide, die diesen von seiner Krankheit hätte erlösen können.

Es wäre naive Verkennung des seit dieser Zeit immens fortgeschrittenen Institutionalisierungsprozesses, von einer Organisation wie der GEZ zu erwarten, die Lehre, die Parzival hier erteilt wird, zu beherzigen: Dass es zur Persönlichkeitsbildung nicht ausreichen könnte, sturen Regeln zu folgen, sondern dass es wichtig ist, ein individuelles Taktgefühl und Gerechtigkeitsbewusstsein zu entwickeln. Man muss sich den idealtypischen GEZ-Mitarbeiter wohl weiterhin als einen Regelfolger vorstellen, der sich auf ein vorhandenes Gesetz beruft, dessen Rechtmäßigkeit er nicht anzweifelt, und der keine Einzelfallerwägung vornimmt: Hier bin ich, ich kann nicht anders, als Gebühren einziehen, und deshalb trampele ich durch Ihren Vorgarten und ramme meinen Fuß in die Tür.

Das ist eine gute Methode, wenn man sich von denen, in deren Namen der öffentlich-rechtliche Rundfunk auftritt und als deren legitime Rundfunkfreiheitsträger sich gerade erst durch das Bundesverfassungsgericht mit einem Freifahrtschein für jedwede Dehnübungen ins digitale Zeitalter bestätigt sieht, entfremden will. Die deutsche Rundfunkpolitik steht vor großen Aufgaben. Wenn sie sich ihnen stellt. Wir beenden unsere Fallsammlung fürs Erste.



Text: F.A.Z., 13.09.2007, Nr. 213 / Seite 42
Bildmaterial: AP

Eine ehemalige GEZ-Praktikantin berichtet

Er sagte: „Gucken Sie sich das einfach mal an“

Zugang mit fast allen Mitteln - Szene aus dem Episodenfilm “GG 19“

Der Hessische Rundfunk sucht Gebührenbeauftragte. Er wünscht sich motivierte Mitarbeiter und verspricht im Gegenzug eine sorgfältige Ausbildung. Monika Rehbein erlebte ganz andere Rekrutierungsmethoden. Ein Interview.

GEZ

Gebührenzahlen bis zur Existenzgrenze

Die Gebühreneinzugszentrale in Köln

Zweihundert Euro im Monat bleiben einer Rentnerin zum Leben. Rundfunkgebühren soll sie zahlen, auch wenn sie Fernsehen gar nicht empfangen kann. Ein Fall aus der Welt der GEZ. Von Thomas Thiel.

Urteil im Gebührenstreit

Intendanten in Champagnerlaune

Jetzt ist ihnen alles möglich: Der ARD-Vorsitzende Raff (r.) und ZDF-Intendan...

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben mit ihrer Beschwerde gegen die jüngste Erhöhung der Rundfunkgebühren auf ganzer Linie gesiegt. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist ein Freifahrtschein für ARD und ZDF, meint Michael Hanfeld.

Die Methoden der GEZ

Datenschutz leichtgemacht

Eine umfangreiche Datensammlung ist im Besitz der GEZ

Der Gebühreneinzugszentrale werden bei der Datenbeschaffung umfangreiche Sonderrechte eingeräumt. Den ersten amtlichen Brief in ihrem Leben erhalten manche Kinder von der GEZ. Eine neue Folge unserer Serie.

Die Methoden der GEZ

O wie schön ist Kanada

Sorgt auch Übersee für Aufregung: die GEZ (Szene aus: „Das größte Spiel der W...

Einem überrumpelten Urlauber aus Kanada wird ein Fernsehleihgerät zum Verhängnis. Und auch Sozialleistungsempfänger und Obdachlose verschont die GEZ nicht mit Forderungen der besonderen Art. Neues aus dem absurden deutschen Gebührenwald.

Die Methoden der GEZ

Arme Freiberufler

Auch ein Steuerbescheid ist für die GEZ kein Beleg niedrigen Einkommens

Ein schwieriges Unterfangen ist die Abmeldung eines Fernsehers oder Radios. Und auch die Gebührenbefreiung, zumal für Freiberufler, ist alles andere als einfach: Eine neue Folge unserer Serie über die GEZ-Methoden.

Die Methoden der GEZ

Allein unter Frauen

Bestimmt sehen diese Damen im Fitness-Studio ungebührlich fern - Szene aus “W...

In einem Fitnessstudio im Badischen, das nur Frauen Zutritt gewährt, hat ein GEZ-Mann Lautsprecher entdeckt, messerscharf auf unangemeldete Radiogeräte geschlossen - und die Nachzahlung von 2410,92 Euro gefordert.

Die Methoden der GEZ

Die Provision erhöhen

Störe ich gerade bei der “Tagesschau“? - Beliebte Fangfrage der GEZ

Die Gebührenbeauftragten der GEZ haben es nicht leicht: Geld bekommen sie nur, wenn sie Schwarzseher erwischen. Eine neue Folge unserer Serie über die GEZ-Methoden.

Die Methoden der GEZ

Grauzonen des Rechts

Ihre Möglichkeiten sind beschränkt. Das kümmert sie wenig: die GEZ

Wer ihre drängenden, sich stetig im Ton verschärfenden Aufforderungsschreiben gelassen ignoriert, gegen den hat sie keine rechtliche Handhabe. Doch die GEZ nutzt geschickt die rechtlichen Grauzonen und die Unwissenheit der Bürger. Von Thomas Thiel

Der Fall Sedlacek

Die 1300-Euro-Frage

Kaputt, aber gebührenpflichtig - Szene aus “Vizontele Tuuba“

Im ehemaligen Kinderzimmer fand der GEZ-Mann ein defektes Fernsehgerät. Und forderte eine Nachzahlung von 1300 Euro. Dass das Gerät nachweislich seit langem irreparabel defekt war, interessierte die GEZ lange nicht.

Fernsehen

Die GEZ mahnt ein Internet-Portal ab

Die GEZ sorgt sich um ihr Image

Der „GEZ-Fahnder“ soll künftig nur „Rundfunkgebührenbeauftragter“ heißen dürfen: Die Gebühreneinzugszentrale will sich gegen negative Berichterstattung wehren - und hat ein kritisches Internetportal abgemahnt.

Der Fall Winterberg

Die Zweitgeräte des Autohändlers

Gebrauchtwagen: Kunden interessieren sich für innere Werte, der GEZ-Mann such...

Für vierzehn Jahre sollte ein Gebrauchtwagenhändler nachzahlen, weil in den Autos auf seinem Hof ja Radios montiert gewesen sein könnten. Beweisnot, Verjährung, Gerichtsbescheide? Kein Problem für die GEZ. Von Thomas Thiel

Die Methoden der GEZ

Wie im Krimi

Schon GEZahlt? - Szene aus “Poltergeist“

Spezial Seit kurzem wissen wir: Die Gebühreneinzugszentrale will nicht, dass man von „GEZ-Gebühren“ spricht. Die Gebühren an sich aber will sie schon. Wie die Methoden aussehen können, deren sich „Gebührenbeauftragte“ bedienen.