Von Jörg Becker
12. Juli 2006 Wenn konservative Think-tanks wie das amerikanische Freedom House Medienfreiheit definieren, kann es, besonders nach dem 11. September 2001, zu keiner ernsthaften Kritik an der Internetzensur im eigenen Land kommen. So bestimmt auch eine entsprechend politisch-selektive Wahrnehmung jede Beschäftigung mit dem Thema Internet in China.
Die meisten Medien folgen dieser Agenda. Dementsprechend titelte das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek am 27. Februar: Eine Nation von Bloggern - Die Weitergabe von Texten zerstört den Status quo von China, und die deutsche Wochenzeitung Die Zeit folgte dieser Linie mit ihrem Dossier vom 18. Mai und erhob die chinesischen Blogger in den Rang von neuen Kulturrevolutionären. Und als ob es Anfang der neunziger Jahre keine Interneteuphorie mit ihrem Gefasel über grenzenlose Freiheit und den darauffolgenden Crash und das Dotcom-Sterben von 2002 gegeben hätte, sprechen leicht windige Zeitgeistkritiker wie der Niederländer Geert Lovink gegenwärtig davon, daß die Blogosphäre den Medienmainstream unterminiere. Doch all das hat mit der Realität in China nicht viel zu tun.
Schlaue Menschen
Fang Xing Dong startete dort vor vier Jahren den ersten Blog-Server und nannte ihn Bokee. Bokee ist die chinesische Entsprechung von Blog und heißt schlauer Mensch. Ein ganzes Jahr lang verblieb das Bloggen in der Hand von Enthusiasten, mehr oder weniger außerhalb der Öffentlichkeit. Das änderte sich schlagartig im Juni 2003, als sich die fünfundzwanzigjährige chinesische Journalistin Lee Li unter dem Pseudonym Muzimei mit einem eigenen Blog meldete (siehe auch: Liebesbriefe im Internet: Eine Autorin erregt China). Muzimei führte darin Tagebuch über ihr Sexleben mit verschiedenen Partnern und nannte regelmäßig die Namen ihrer Liebhaber. Ihre unverblümten und drastischen Zitate machten sie berühmt: Wenn ich gehe, ziehen mich meine großen und schweren Brüste nach vorne. Und wer von mir interviewt werden will, muß zuerst mit mir ins Bett. Je länger Du es mit mir im Bett bringst, desto länger gewähre ich Dir ein Interview. Das Medienecho auf Muzimeis Blogs war enorm: Mehr als tausend Zeitungen und Zeitschriften berichteten darüber. In China brach ein Blogger-Fieber aus.
Nach einem Bericht der QingHua-Universität gibt es in China zur Zeit 658 Blog-Server, sechzehn Millionen Blogger und rund 37 Millionen Blogs. Fast jeder zehnte Blogger arbeitet täglich an seinen Einträgen, 29 Prozent tun es ein- bis dreimal und 35 Prozent vier- bis sechsmal pro Woche. Zwischen 2004 und 2005 entwickelte sich Bloggen zu einem Massenphänomen. Ähnlich dem Chatten, das ja in Gruppen stattfindet und das in China beliebter ist als der Versand von E-Mails, spiegelt auch das Bloggen eine Kommunikationskultur wider, in der das soziale Moment von Sprechen und Zuhören wichtiger ist als das individualistische Moment von Selbstbestätigung und Widererkennen.
Wer in ist, entscheidet das Blog
In ist in China jemand, der das Ranking eines Blogger-Server anführt. Diese Beliebtheits- und Zugriffsranglisten entscheiden über sozialen Status und Marktwert eines Bloggers. Das macht sie so wichtig. Nach einer Untersuchung des Unternehmens FortuneAge stellten 2005 die folgenden zehn Unternehmen die wichtigsten Blog-Server in China: Bokee, Donews, Anyp, Blogcn, Blogdriver, Tianyablog, Blogbus, Blog.csdn.net, Yculblog und Yourblog. Anfang 2006 untersuchte Guang Qin Zhang von der Hong Kong Baptist University Herkunft, Beruf und sozialen Status der 175 wichtigsten Blogger dieser zehn Server. Bei Berufen standen an erster Stelle IT-Tätigkeiten, gefolgt von Journalisten, Studenten und Stars aus dem Showgeschäft. Bei der Frage nach der Herkunft stellte sich heraus, daß die meisten aus den Städten Peking, Schanghai, Kanton und Shenzhen kamen. Was den Inhalt angeht, rangierten mit 48 Prozent solche Blogs vorne, in denen es um persönliche Meinungen zu den unterschiedlichsten Themen ging, es folgten mit 24 Prozent Blogs über den eigenen Alltag, bei siebzehn Prozent aller Blogs ging es um allgemeine Informationen und bei elf Prozent ging es um erotische Bilder oder Videos mit nackten Frauen und körperlichen Intimitäten.
Guang Qin Zhangs Folgerungen zur chinesischen Blogger-Szene haben wenig mit der westlichen Sichtweise zu tun, die in Blogs ein subkulturelles Milieu sehen will, das die staatliche Autorität untergräbt. Erstens arbeiten die meisten chinesischen Blogger nicht anonym. Im Gegenteil: Sie wollen sich im bunt-schillernden Gewand eines Skandal-Erfolgs in aller Öffentlichkeit sonnen, um so schnell wie möglich Karriere zu machen. Das geht bei vielen Bloggern am besten dadurch, daß sie nach ihrem Blogger-Erfolg als Mitarbeiter zu offiziellen Printmedien wechseln.
Keine vierte Gewalt
Das zweite Ergebnis: Kein einziger der untersuchten Blogs aller 175 Blogger thematisierte politische oder soziale Themen, nicht einmal die von so berühmten Journalisten-Bloggern wie Massage Milk oder Dog Daily. Und drittens leistet der weitaus größte Anteil der Blogs nichts anderes, als die vorgegebenen Inhalte der offiziellen Massenmedien zu kommentieren und zu interpretieren. Nirgendwo, so Guang Qin Zhang, gebe es investigativen Journalismus oder engagierte Sozialreportagen, die Rolle einer vierten Gewalt bleibe auch im Netz unbesetzt. Massage Milk, ein Guru der chinesischen Blogger, soll einmal gesagt haben: Auf meinem Blog schreibe ich achthundert Wörter; dafür kriege ich nichts. Aber wenn ich dieselben achthundert Wörter an den Chefredakteur einer Zeitung schicke, dann kriege ich dafür einige hundert Yuan. Wie schon das Sprichwort sagt: Niemand schreibt etwas für nichts!
Sechzehn Millionen Blogger sind nicht subversiv. So viele Menschen können gar nicht irgendwen oder irgendwas unterminieren. Insofern konnte es nicht verwundern, daß der Nationale Volkskongreß, also das chinesische Parlament, auf seiner diesjährigen Frühjahrstagung im April öffentlich darüber diskutierte, ob es nicht sinnvoll sei, wenn nicht nur Staatspräsident Hu Jintao, sondern auch alle Abgeordneten als Blogger aktiv würden. Bloggen ist in China schon lange keine journalistische Wühlarbeit mehr von unten - falls es das jemals war. Vielmehr ist es zu einer politischen Institutionalisierung von oben umgedreht worden.
Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Internet in China
Text: F.A.Z., 13.07.2006, Nr. 160 / Seite 40
Bildmaterial: AP