Karoline Herfurth

So ein Glückskind

Von Peer Schader

Karoline Herfurth spielt gerade den Nachwuchsstar des deutschen Films

Karoline Herfurth spielt gerade den Nachwuchsstar des deutschen Films

27. Januar 2008 Manche Rollen kann man sich nicht aussuchen. Manche Rollen spielt man einfach, weil alle sagen, dass es so ist. Karoline Herfurth spielt gerade den Nachwuchsstar des deutschen Films, die nächste große Leinwandhoffnung, von der alle glauben, dass sie es mal nach ganz oben schaffen wird. Mit fünfzehn Jahren stand sie mit Robert Stadlober im Teenager-Drama „Crazy“ vor der Kamera, quasi vom Schulhof weggecastet, vor zwei Jahren sagte sie als Mirabellenmädchen in Tom Tykwers „Parfum“ kein Wort, wurde damit aber schlagartig berühmt und darf nun fürs ZDF im DDR-Familiendrama „Das Wunder von Berlin“ Veronica Ferres die Show stehlen.

Ständig wollen sich Journalisten mit ihr treffen, um in die Zeitung zu schreiben, wie unschuldig und zerbrechlich sie wirke, so schön blass und sommersprossig, aber auch hochdiszipliniert und fleißig. Sie kichert, wenn man das alles auflistet, und dann sagt sie: Ein Teil davon werde schon stimmen. Aber: „Ich bin Schauspielerin und nicht Star.“ Na, ob sie sich da mal nicht irrt?

Die Aufmerksamkeit, die der 23-Jährigen gerade entgegenflutet, ist jedenfalls beachtlich. Die „Welt“ gerät ins Schwärmen, „Park Avenue“ ist ganz hingerissen, und in der „Bunten“ ist Herfurth auch schon angekommen, als „zierliche Schönheit“, die „alles richtig“ mache. Noch nerve das nicht, sagt Herfurth und zuckt mit den Schultern. „Ich werde nur gerade dauernd von Journalisten gefragt, ob ich nach Hollywood will. Das ist komisch. Ich hab' noch gar nicht richtig drüber nachgedacht.“ Vielleicht muss jetzt mal einer aufschreiben, dass Herfurth bitte schön nicht nach Hollywood gehen soll, sondern erst mal noch ein Weilchen hierbleiben. Man kann ja nicht einfach jemanden gehen lassen, der uns den deutschen Film retten soll, mindestens.

Das ist ja schon Hollywood

Im vergangenen Jahr war Karoline Herfurth in Marc Rothemunds Komödie „Pornorama“ zu sehen, die kein so ganz großer Erfolg gewesen sein kann, sonst würde einen die weibliche Aushilfskraft in der Videothek nicht so abschätzig ansehen, wenn man nach dem Titel fragt. Dieses Jahr spielt sie in Caroline Links „Im Winter ein Jahr“ eine junge Frau, deren Bruder Selbstmord begeht, woran die Familie zerbricht. Am Set hat sie ständig weinen müssen, aber natürlich, weil das so im Drehbuch stand. „Wenn man sich jeden Tag in so eine Stimmung hineinversetzt, nimmt einen das aber auch persönlich mit“, sagt sie.

Gerade dreht Herfurth die letzten Szenen für die Verfilmung des Bernhard-Schlink-Romans „Der Vorleser“ an der Seite von Ralph Fiennes, das ist ja schon Hollywood. Und an diesem Sonntagabend ist sie eben im „Wunder von Berlin“ zu sehen, als Freundin eines rebellierenden DDR-Teenagers, der in der Armee zum staatstreuen Soldaten wird, und dabei spielt sie das Waisenmädchen mit der geheimnisvollen Vergangenheit so glaubwürdig und sympathisch, dass man am liebsten mit ihr über die Mauer springen würde, als die am Ende des Films zum Einsturz gebracht wird.

Karoline Herfurth ist im Berliner Bezirk Pankow geboren, aber 1989 war sie erst fünf und hat von den Umwälzungen in ihrer Stadt nicht viel mitbekommen. Sie ist in Prenzlauer Berg aufgewachsen, als es dort noch keine teuer zurechtsanierten Appartements für Agenturyuppies gab, hat sechs Geschwister, von denen sie den jüngeren bei den Hausaufgaben hilft, wenn Zeit ist. Die Eltern sind geschieden, und Herfurth ist ziemlich oft umgezogen, lebt aber immer noch in Berlin - es ist nur besser, man schreibt nicht auf, wo gerade, demnächst will sie sich ja sowieso schon wieder eine neue Wohnung suchen.

„Ich wollte in dem, was ich mache, besser werden“

Das hört sich eigentlich alles ganz normal an. Nur, dass eben zwischendurch jemand für sie entdeckt hat, dass sie dringend Schauspielerin werden muss, und recht damit hatte. Der erste Dreh mit fünfzehn sei wie bezahlte Ferien gewesen, „und ich wollte das bitte immer wieder haben“. Aber dann hat Herfurth erkannt, wie wichtig ihr das Spielen wirklich ist. „Ich habe gemerkt, dass ich Situationen und Gefühle, wenn ich sie lese, umsetzen und transportieren kann.“ Deswegen ist sie in Berlin auf die Schauspielschule gegangen und hat den Abschluss gemacht, mit Riesenherzklopfen vor der Prüfung. Gerade schreibt sie an der Diplomarbeit.

Es soll niemand denken, sie wolle sich auf dem frühen Erfolg ausruhen. Im Gegenteil: Am Anfang der Ausbildung war da eine große Unsicherheit, weil alle anderen auf der Schule schon Theater gespielt hatten, sich richtig durchkämpfen mussten, um ihr Ziel zu erreichen, und Herfurth stand dazwischen und dachte, dieses Durchsetzungsvermögen nachholen zu müssen. „Ich wollte in dem, was ich mache, besser werden“, sagt sie. Und das scheint geklappt zu haben, zumindest ist das Selbstvertrauen größer geworden. Wenn jetzt mal einer meckert: Du hast ja gut reden und schon massig Filme gedreht, während alle anderen dafür ackern müssen, Rollen zu bekommen, kontert sie: Ich hab' aber auch nicht den Sommer im Frankreichurlaub verbracht, sondern seit Jahren hart gearbeitet und schon ziemlich früh gelernt, was Anspannung und Druck bedeuten.

Das ist ihr wichtig: zu sagen, dass ihr nicht alles einfach so in den Schoß gefallen ist, sondern dass sie die Rollen, die sie angeboten bekommt, ernst nimmt und sich möglichst intensiv darauf vorbereitet, um nachfühlen zu können, was sie spielt. „Ich habe aber auch gelernt, nicht mehr so ein schlechtes Gewissen wegen meines Glücks zu haben.“

Zu dem Glück kommt eine ordentliche Portion Ehrgeiz, der sie in Zeitungsporträts immer ein bisschen kühl und perfektionistisch wirken lässt. Vielleicht sind auch die Fotos schuld, auf denen sie so ernst und sexy schaut. Aber wenn man dann vor ihr sitzt, ist sie flapsig, witzig, charmant und sehr 23-jährig, wenn sie sich bemüht, bloß nichts Falsches zu sagen, das irgendwie missverstanden werden könnte oder so gedeutet, als maße sie sich an, über die Branche zu urteilen, in der sie gerade groß wird. Aber: Warum denn eigentlich nicht?

Sie ist ein Star

In ihrem Blog geht es doch auch. Da schreibt sie auf, wie es bei den Drehs hinter den Kulissen zugeht, wie nett sie ihr Team findet oder was Kurioses passiert ist. Vor einer Woche ist sie zu spät zum Bayerischen Filmpreis gekommen, weil der Flug aus Leipzig so spät ging, wo vorher noch eine Pressekonferenz zum „Wunder von Berlin“ war. „Meine Freundin Nina rast über die Autobahn. Noch zehn Minuten. Dann: Stau von der Leopoldstraße bis zum Prinzregententheater. Nina überholt über den Bürgersteig!!!“ Die Zeit hat trotzdem nicht gereicht, der Saal war schon zu, „und ich schaue mir die Verleihung also über Flatscreen im Empfangssaal an. War aber trotzdem ein toller und sehr geselliger Abend.“ Bis sie nicht mehr stehen konnte in ihren Highheels, diesen „Mörderdingern“.

Es macht großen Spaß, das zu lesen, weil sie im Blog so schreibt, wie sie das will, und weil sie dort ein bisschen mehr sie selbst ist als bei den Treffen mit den Journalisten, die so komische Fragen haben. Nur Privates ist tabu, auch in Interviews, da ist Herfurth konsequent. Es geht einfach keinen was an, mit wem sie zusammen ist oder was sie macht, wenn die Kamera mal nicht läuft. Das ist natürlich heikel in einer Branche, die so sehr von dem Rummel um die Personen lebt, die sie zu Stars erklärt. Herfurth sagt: „Ich verstehe nicht, warum ich meine Persönlichkeitsrechte abgeben soll, bloß weil ich Schauspielerin bin. Das ist doch menschenrechtsverletzend. Und ich hab' keine Ahnung, wie man sich dagegen wehren kann.“ Also erzählt sie einfach nichts mehr.

Als Nächstes probt sie ab März in Weimar fürs Theater. Im Mai ist Premiere von Molnárs „Liliom“. Das wird vielleicht die härteste Prüfung. „Ich liebe Theater, aber ich finde den Anspruch an die schauspielerischen Mittel viel schwerer umzusetzen als beim Film.“ Und dann gibt es ja jetzt jede Menge neuer Rollenangebote, die sie sich anschauen muss, auch wenn nicht immer das dabei ist, was man sich wünscht. „Es wäre toll, wenn es mehr Filme gäbe, in denen man anspruchsvolle, starke, komplexe Frauen spielen könnte“, sagt sie, so wie bei „Im Winter ein Jahr“, wo sie sich so sehr in die Rolle hineinversetzt hat, dass die Todesangst, mit der ihre Figur konfrontiert ist, im Unterbewusstsein ein bisschen auf sie übergegriffen hat. Es scheint so, als würde da jemand seine Aufgaben sehr ernst nehmen, vielleicht wird sie deshalb ständig von Produzenten und Regisseuren gelobt. Tom Tykwer hat gesagt, Karoline Herfurth besitze „eine große Ernsthaftigkeit“. Sie ist ein Star. Es muss ihr nur bald mal jemand sagen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AP, Cinetext/Allstar/Krieger, Cinetext/Distler, Cinetext/Mona Filz, Columbia/Cinetext, Constantin/Cinetext, Dorothee Falke/Cinetext

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