15. Juni 2008 Nach einer Woche Fußball und ein paar Millionen Bildern ist die Diagnose klar: Weniger wäre mehr gewesen. Für das sogenannte Weltbild des Fernsehens, welches die Uefa-Tochter Umet produziert, sind dreißig Kameras in jedem Stadion installiert, mehr als bei der Weltmeisterschaft; Hubschrauber kreisen über den Arenen, weil sich auf jedem Bildschirm mittlerweile die Ästhetik von Google Earth breitgemacht hat; neu sind auch die Ingoal-Cam, die im Moment des Abstoßes die Welt aus der Sicht des Torhüters zeigt, und die Tactical-Cam, die uns die Welt primär aus der Sicht von Jürgen Klopp auf der Bregenzer Seebühne erschließt.
Das Weltbild der Uefa heißt zu Recht so, weil sich zwischen Finnland und Feuerland niemand ein anderes Bild machen kann vom jeweiligen Spiel - ausgenommen die Zuschauer im Stadion, von denen allerdings auch bekannt ist, dass sie nach einem Tor instinktiv auf die Videowand schauen, weil die Zeitlupe inzwischen zum Tor gehört wie der Schatten zum Licht. Wie sehr das Spiel auf dem Rasen von seiner Inszenierung im Fernsehen dominiert ist, konnte man an Luca Tonis Reaktion nach dem 1:0 der Niederländer sehen: Er protestierte nicht auf Grund seiner eigenen Wahrnehmung, sondern weil er die Aufzeichnung der Spielsituation auf der Videowand im Stadion gesehen hatte.
Folkloristischer Jubel
Von solchen Phänomenen einmal abgesehen, die faktisch schon einen Videobeweis ohne sportgerichtliche Beweiswirkung liefern, hat die Weltregie in Wien auch diesmal wieder deutliche Schwächen im Bildaufbau gezeigt. Selten wurde das so greifbar wie im Spiel Schweden gegen Griechenland. Weil die Schweden in der 66. Minute trotz Ballbesitz kaum Raumgewinn auf der rechten Seite erzielen konnten, zeigte eine andere Kamera lieber viel zu lange grölende Griechen auf der Tribüne - und verpasste so beinahe das 1:0. Sie erwischte gerade noch Ibrahimovic im Moment des Abspiels zu Larsson, man sah Larsson den Ball wieder in den Lauf von Ibrahimovic spielen und diesen abziehen - wie jedoch der Ball zunächst zum Torschützen gespielt wurde, war nicht zu sehen, obwohl gerade diese Öffnung des Spiels entscheidend war für den Torerfolg. Und bei einem schnelleren Spiel wie Italien gegen die Niederlande verpasste die Kamera zwar keine Torvorbereitung, war jedoch immer wieder den Schritt zu spät wie die deutsche Mannschaft, bei deren 1:2 gegen Kroatien sich die Regie noch in der Schlussphase in läppischen Szenenwiederholungen verzettelte, während auf der Tonspur längst zu hören war, dass eine der beiden Mannschaften sich wieder in der Vorwärtsbewegung befand.
Diese dauernde Abwendung vom Spielgeschehen ist typisch für den Regiestil der Umet. Die Entstehung einer gefährlichen Situation wird reduziert, meist auch noch zugunsten folkloristischer Impressionen von den Tribünen. Und oft, wenn die Spielentwicklung im Mittelfeld länger dauert, fixiert eine andere Kamera eher unmotiviert einen ballführenden Spieler in Großaufnahme, so dass nicht mehr zu erkennen ist, welche Abspieloptionen der Mann noch hat. Ein ähnliches Muster wird in Strafraumnähe bevorzugt: Statt möglichst viel von dieser Kampfzone im Blick zu behalten, wird gerne die Eins-gegen-Eins-Situation am Strafraumeck in einer halbnahen Einstellung gezeigt, was offenbar Dramatik simulieren soll, aber bloß Undurchsichtigkeit erzeugt, weil alle Anspielstationen aus dem Bild verschwinden.
Rätselhafte Dramaturgie
Auch bei Standardsituationen ist die Bildfolge so unbefriedigend wie die Ecken der deutschen Mannschaft. Im Fernsehen gehört die weitwinklige Einstellung auf den Schützen zur Ecke, als wär's ein Naturgesetz. So verschwimmt das Geschehen im und um den Fünfmeterraum herum, und die Kamera wird erst dann gewechselt, wenn der Eckenschütze abgezogen hat - als wäre es nicht interessanter und wichtiger, wohin der Ball fliegt. Die Folge: Wie Angreifer und Defensive jeweils zum Ball stehen, wird viel zu spät sichtbar. Dagegen hat sich die Freistoßtechnik verbessert, vermutlich vor allem deshalb, weil das schöne neue Spielzeug namens Tactical-Cam so verführerisch ist. Die Kamera verharrt nicht mehr, wie noch bei der WM, ausschließlich auf dem Schützen, was einem David Beckham immer wieder seine Close-ups bescherte; der Blick wird geöffnet für die Verteilung der Spieler im Raum. Warum diese Einstellung bei Eckbällen nicht möglich sein soll, obwohl sie die Spielübersicht erhöhte, bleibt ein Rätsel.
Es ist eines der vielen Rätsel, welche die Dramaturgie der Fernsehinszenierung eines Fußballspiels einem immer wieder aufgibt. Obwohl technisch immer besser ausgerüstet, löst die Regie die Szenen nach einem starren Schema auf, das sich weniger an Tempo, Dramatik und Verlauf des Spiels selber orientiert, als dass es ihm seinen Rhythmus aufzuzwingen versuchte. Ein Spiel wie Griechenland gegen Schweden würde durch eine variablere Bildführung natürlich nicht besser - es wirkt allerdings durch die übliche Art, es zu zeigen, noch monotoner.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa