„Scheibenwischer“-Gala der ARD

Die will ja bloß spielen!

Von Hans-Heinrich Obuch

Mathias Richling. Eine flotte Nummer

Mathias Richling. Eine flotte Nummer

29. Dezember 2006 Früher einmal hieß das Ganze „Schimpf vor Zwölf“ und wurde am Silvesterabend ausgestrahlt, heute lädt die ARD bereits ein paar Tage vor dem Jahreswechsel zur „Scheibenwischer“-Gala - eine Veranstaltung, bei der sich die „Oberschicht von der Unterschicht beobachten“ läßt. Aufgeräumte Stimmung: Bruno Jonas in feierlicher Abendgarderobe als gut aufgelegter Stand-Up-Conferencier mit der Lust am kleinen Witz und großen Kalauer und ein aufgekratztes Publikum, das es gut mit sich meinte und bereit war, sich am eigenen Durchblick, der eigenen Humorfähigkeit und der eigenen kritischen Toleranz zu berauschen. Ein Katharsis-Event als eineinhalbstündiger Wellness-Urlaub zwischen den Jahren: Schmunzeln, Lachen, Schenkelklopfen - all inclusive.

Eine wirklich flotte Nummern-Revue mit Jonas, Richard Rogler und Mathias Richling, der zu Beginn mit einer luftigen Pose eine Ursula-von-der-Leyen-Parodie andeutete. Sollte da vielleicht mehr zur „Schwiegertochter der Nation“ folgen? Leider nicht. Richling ließ den Zuschauer bis zum Finale zappeln: dann war er wieder da als Horst Köhler, als Bundespräsident, der den simpelsten Allgemeinplätzen und Kalendersprüchen die Aura der weihevollen Wahrhaftigkeit und Weisheit verleiht und seinen Sätzen eine syntaktische Brechung gestattet, die Erkenntnis suggeriert, wo eigentlich nur Gedankenlosigkeit existiert.

Gala glitt nie zum bunten Abend ab

Hinter den großspurigen Worten die Mickrigkeit des Inhalts zu entdecken, die voluminöse Rhetorik der „Zyniker der Macht“ als selbstgefällige Angeberei zu entlarven, die vermeintliche Seriosität politischer Einschätzungen als dreiste Banalität zu charakterisieren - das machte dem „Satirekompetenzteam“ besonders viel Spaß. Dabei hielten sich Jonas, Rogler, Richling erfreulich zurück, präsentierten sich als dezente Gastgeber, die mit schlanken Moderationen ihre zahlreichen Gäste ankündigten.

Einige der Kabarettisten sorgten dann dafür, daß die Gala nie zu einem bunten Abend der ausbalancierten guten Laune wurde: der Österreicher Alfred Dorfer zeigte sich gallig und angriffslustig, Sigi Zimmerschied schockte mit schneidender und schriller Stimme und düsteren Visionen, und zwei - nennen wir sie mal - „Komödianten“ verbanden mit düsterem Charme den Humor mit dem Grusel, die Sehnsucht nach der Harmonie mit dem alltäglichen Horror: Hagen Rether saß da nahezu selbstverloren am Klavier, improvisierte, probierte, klimperte und ließ beiläufig sarkastische, bitterböse Einwürfe fallen. Er lieferte Pointen, die gerade aufgrund ihrer Beiläufigkeit eine besondere Wirkung erzielten. Andreas Rebers schließlich gab den bierzelterprobten Volksmusikanten, der das Akkordeon drangsalierte und mit schunkelfreudiger Tümeligkeit die Befindlichkeit der Nation besang und die Verhältnisse zum Tanzen brachte.

„Hände weg vom Kaiser!“

Die Fußball-WM und der positive Patriotismus, die Reformen der Bundesregierung, Berliner Verwirrungen und internationale Verwicklungen - alles wurde abgehandelt. Und die bundesrepublikanische Prominenz bekam auch ihr Fett ab: Schröder, „der alte Russe“ und Stoiber, „der bleiche Alpenfürst“, tauchten ebenso auf wie Beckenbauer. Bruno Jonas imitierte den „Franz“, aber Vorsicht: Olli Dittrich kann das entschieden besser, das hat er gerade bei Harald Schmidt bewiesen, deswegen sollte für Jonas und andere für alle Zukunft gelten: „Hände weg vom Kaiser!“ Die Bundeskanzlerin wurde auf der kurzweiligen Gala übrigens auch erwähnt: „Die will ja nur spielen...!“ Nicht so richtig ernst nehmen - so beginnt häufig die Demontage.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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