Interview Vera Politkowskaja

Wer widerspricht, ist in Todesgefahr

05. Oktober 2007 Am 7. Oktober 2006 wurde die Publizistin Anna Politkowskaja ermordet. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt. Ein Gespräch mit Vera Politkowskaja über den Mord an ihrer Mutter und den Zustand der Pressefreiheit in Russland.

Vera, wo waren Sie, als Ihre Mutter in ihrem Haus erschossen wurde?

Ich war am anderen Ende der Stadt und ging gerade einkaufen. Mein Bruder rief mich an und hat mir alles erzählt. Ich habe ihm nicht geglaubt, weil ich nicht glauben wollte, dass es wahr ist. Ich konnte nicht begreifen, dass so etwas möglich ist. Ich habe nach allem, was schon in den Monaten zuvor in unserer Familie passierte, gedacht, das ist zu viel. Zwei Wochen zuvor starb Annas Vater und wir hatten ihn gerade erst beerdigt. Annas Mutter war zu dieser Zeit schwerkrank. Zu all dem kam hinzu, dass ich gerade schwanger war. Wenn du schwanger bist, dann arbeitet dein Verstand anders, als wenn du nicht schwanger bist. Erst als meine Tochter schließlich geboren war, habe ich angefangen, das alles zu verarbeiten.

Wie sehr hat sich Ihr Leben verändert durch den Verlust Ihrer Mutter?

Der Mord an meiner Mutter hat alles durcheinander gewirbelt in meinem Leben. Ich habe vor einem halben Jahr meine Tochter Anna geboren. Vorher hatte ich eine Mutter, jetzt bin ich selber Mutter. Vorher hatte ich eine Familie mit einer klaren Rollenverteilung. Ich hatte eine Mutter und einen Vater. Ich bin in eine verzweifelte Lage geraten, die mir durch dieses Verbrechen aufgezwungen wurde und die ich jetzt annehmen muss, ob ich es will oder nicht.

Ihre Mutter hat sich mit ihren kritischen Reportagen viele Feinde gemacht. In Russland gibt es wenige Journalisten, die so handeln. Warum hat Ihre Mutter das alles gemacht?

Das war ihre Arbeit. Und sie machte ihre Arbeit gut. Sie war davon überzeugt, dass irgendjemand den einfachen Menschen zu ihren Rechten verhelfen müsse. Vor allem, wenn die Leute lange vergeblich versuchten, ihre Rechte bei den Behörden einzufordern, bei der Polizei, der Verwaltung, den Gerichten. Wenn diese Institutionen versagten, war sie am Ende die Einzige, die einschritt. Wenn ich sie gefragt habe, warum machst du das, hat sie mir nur geantwortet: weil das meine Arbeit ist. Sie sagte: Irgendjemand muss diese Arbeit tun.

Wie hat Ihre Mutter gearbeitet? Wie erfuhr sie von den Problemen?

Sie reiste viel umher und ging auf die Menschen zu, bekam ihr Vertrauen. Später kamen die Menschen von sich aus in die Redaktion ihrer Zeitung, um mit ihr zu sprechen. Die Leute sind zu ihr gegangen, weil sie wussten, dass sie sich für ihre Probleme wirklich interessierte. Sie half bei allem, wozu sie in der Lage war. Auch wenn sie nach Tschetschenien kam und dort für eine Weile blieb, haben die Bewohner sie in ihrer Unterkunft besucht und von ihren Problemen erzählt. Überall wo sie war, überall wo die Leute sie erkannt haben, wurde sie angesprochen. Auch auf der Straße.

Wo hat sie gewohnt in Tschetschenien?

Nicht in Hotels, die gibt es dort nicht. Sondern privat. Bei tschetschenischen Familien. Es war ihr immer wichtig, den Alltag der Menschen zu teilen, um ihre Sorgen zu verstehen.

Wie war sie bei der Arbeit?

Sie reagierte sehr schlagfertig auf die Autoritäten, denen sie gegenüberstand. Und sie widersprach immer, wenn sie mit der Meinung ihres Gegenübers nicht einverstanden war, egal ob es sich dabei um einen Richter, einen General oder um Ramsan Kadyrow, den tschetschenischen Ministerpräsidenten, handelte.

Und als Mutter zu Hause?

Zu Hause war sie eine ganz normale Mutter, so wie Millionen von russischen Müttern. Sie war alles das, was eine Mutter für eine Tochter bedeutet. Sie hörte mir zu. Ihr konnte ich alle meine Probleme anvertrauen.

Warum wagte Ihre Mutter sich immer wieder in die gefährlichen Kriegsregionen des Kaukasus?

Weil genau in diesen Gegenden die schmerzhaftesten Themen Russlands liegen. Sie war aber keine typische Kriegskorrespondentin, die des Krieges wegen über Tschetschenien berichtete. Sie verstand es als ihre Aufgabe, über konkrete Probleme der Menschen zu berichten, um ihnen zu helfen.

Konnte Ihre Mutter wirklich helfen, oder blieb es am Ende dabei, das Elend zu beschreiben?

Wenn man bedenkt, in welchem Staat wir heute leben, erkennt man schnell, dass ein Problem gar nicht existiert, bis es von einem kritischen Journalisten aufgegriffen wird. Bevor bei uns ein Problem gelöst werden kann, müssen erst alle darüber Bescheid wissen. Leider ist es in Russland so, dass die Leute mit ihren Geschichten still zu Hause sitzen und schweigen, weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Auf diese Weise wird alles vertuscht. Der Angestellte einer Behörde zum Beispiel fängt erst dann an, sich mit einer Sache zu beschäftigen, wenn er am Morgen seine Zeitung aufschlägt und dadurch von diesem Problem erfährt. Genau darin bestand der Wert ihrer Hilfe.

Ihre Mutter ist auf dem Trojekurowskoje-Friedhof unter großer Anteilnahme von Kollegen beigesetzt worden. Erfahren Sie von Journalisten Solidarität?

In unserem Staat ist die Frage, was Solidarität bedeutet, sehr schwer zu beantworten. Die Kollegen, die mir auf der Beerdigung ihr Mitgefühl aussprachen, sind vorher an meiner Mutter vorbeigelaufen, ohne sie zu grüßen, weil sie sich den Themen widmete, die sie selbst tabuisierten. Ihre Art zu arbeiten verursachte bei den meisten ihrer Kollegen Nichtbeachtung. Viele waren neidisch auf sie. Weil sie den Mut hatte, Themen nachzuspüren, und die anderen nicht. Nach ihrem Tod las ich in mehreren Zeitungen Interviews mit Kollegen, die sie öffentlich wertschätzten. Ich las, dass Annas Tod ein sehr großer Verlust für Russland sei. Ich glaube, das waren keine aufrichtigen Äußerungen.

Hat sich Russland durch diesen Mord verändert? Der Vorsitzende der Duma, Boris Gryslow, sagte nach der Tat, dass diese die Pressefreiheit nicht gefährde, weil die russischen Medien durch solche Verbrechen nicht zum Schweigen gebracht würden.

Wenn es trotz allem noch Journalisten gibt, die arbeiten, wie es meine Mutter getan hat, dann werden sie auch weiterhin keine Angst haben vor den Folgen. Obwohl die Gefahr, Opfer eines solchen Auftragsmordes zu werden, immer besteht. Man braucht nur den Nachrichten zu folgen, um zu begreifen, wie gefährlich es sein kann, in Russland Journalist zu sein. Diejenigen Journalisten, die Angst vor Verfolgung haben, schreiben andere Artikel, sie schreiben, wie gut alles in unserem Land ist.

Hat sich während der Amtsführung von Präsident Putin der Druck auf Journalisten erhöht, wie im Westen oftmals behauptet wird?

Unter Jelzin schrieben die Journalisten, was sie wollten. Putin erhöhte langsam, aber sicher den Druck auf die Medien. Die überwiegend beachteten Medien liegen inzwischen in staatlichen Händen. Heute gibt es keine oppositionelle Meinung mehr in Russland.

Gibt es noch Pressefreiheit in Russland?

Du kannst alles schreiben, was du willst, solange es nicht der Meinung der Behörden widerspricht. Aber sobald du anderer Ansicht bist, bekommst du eine andere Art von „Redefreiheit“ zu spüren, dann wird Druck gegen dich gemacht.

Kann so ein Mord wieder passieren?

Um diese Frage beantworten zu können, müsste man wissen, wer hinter dem Mord steht. Ich glaube, dass in diesem Land alles möglich ist.

Die Strafverfolger vermitteln einen konfusen Eindruck. Haben Sie noch die Hoffnung, dass den Tätern und Hintermännern des Mordes ihre gerechte Strafe zuteil wird?

Ich glaube nicht an die Gerechtigkeit, denn wir leben in Russland, und hier ist alles käuflich. Hier spricht das Geld das Recht und keine unabhängige Gerichtsbarkeit.

Das Gespräch führte Martin Lejeune.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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