Von Beate Tröger
19. Februar 2007 Mit seinem Web-2.0-Projekt A million penguins hat der Penguin-Verlag Anfang Februar ein digitales Experiment gestartet. Im Rahmen des eigens eingerichteten Portals (siehe: www.amillionpenguins.com) sollen alle, die sich dazu berufen fühlen, an einem Internetroman mitschreiben. Was Handlung, Personal und Schauplätze angeht, wurden keine Vorgaben gemacht, nur übliche Internet-Anstandsregeln sollten befolgt werden.
In der Ankündigung des Projekts träumte der Verlag von einem pynchonhaft verweisungsreichen Roman, den das Zufallsschreiberteam binnen eines Monats aus der Taufe heben sollte. Zudem räumte man, wie weiland Roland Barthes, mit überkommenen genieästhetischen Vorstellungen auf, freute sich, den einsam über den Text herrschenden Autor zu entthronen und an seine Stelle die Kraft der Kooperative zu stellen.
Das Chaos griff um sich
Nach wenigen Tagen und mehreren Serverzusammenbrüchen häuften sich Anzeichen für ein Scheitern des Plans. Die Ausgangshandlung des Romans hatte sich explosionsartig in verschiedene Handlungen aufgespalten, die Anzahl der Charaktere, darunter so abstruse Figuren wie eine Elvis-Inkarnation, uferte aus. Auf den Diskussionsseiten stritt man über Geschmacksfragen (Hey, der Name von Figur XY gefällt mir nicht), der Höflichkeitskodex wurde mehrfach verletzt, und irrwitzige Texteinsprengsel zersetzten sinnhafte Beiträge. Der Kurs musste geändert werden.
Das Portal wird nun täglich für vier Stunden für die Autoren gesperrt. Mit einem Administrator, der Textmüll entsorgt, ist wieder eine ordnende Instanz an der Textentstehung beteiligt. Deren korrigierende Eingriffe erweisen sich allerdings als verzweifelte Versuche, der Texthydra Herr zu werden. Kaum ist ihr ein Kopf abgeschlagen, wachsen zwei neue nach. Der Zulauf zu dem Portal ist weiterhin immens: Derzeit verzeichnet die Startseite rund 110000 Zugriffe, das Portal erreicht Spitzenfrequenzen von zehn Zugriffen pro Sekunde. Um die Sache in den Griff zu bekommen, nehmen auch die Beiträger verstärkt kommentierend Bezug auf das Projekt (The project has failed), anstatt die Handlung voranzutreiben.
Nicht viel mehr als gutes Marketing
Über die Ziele, die Penguin mit dem Webprojekt verfolgt, lässt sich spekulieren. Für eine fröhliche Feier des Nonsens wäre der Aufwand recht groß. Und einem Verlag sollte wohl mehr an der Pflege seiner Autoren gelegen sein als am Anlocken immer neuer Möchtegernautoren, vor denen er sich ohnehin nicht retten kann. Der Innovationsgeist, den das Projekt verströmt, ist zwar kein schlechtes Marketinginstrument. Doch ganz neu ist die Sache nicht. Vor einem Jahrzehnt feierte man mit einer ersten Welle von Netzliteratur-Projekten zu früh den Sieg von Autorenkooperationen über den Autor.
Auch heute verfassen selbst Mitglieder von Schreibkollektiven ihre Texte bisweilen noch eher allein; man denke an Katrin Passig, Bachmann-Preisträgerin von 2006 und Mitglied des Texterkollektivs ZIA (Zentrale Intelligenz Agentur). Vielleicht sollen ja Besucher von der Seite auch nur daran erinnert werden, dass der Griff zum Buch bequemer sein kann als das Klicken durch digitale Textbaustellen. Der einsame Autor wird aller Voraussicht nach noch ein Weilchen die Regentschaft über den Text behalten.
Text: F.A.Z., 19.02.2007, Nr. 42 / Seite 36
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