Neues türkisches Programm

Erdogan zieht gleich vom Leder

Von Karen Krüger, Istanbul

Gleich die erste Sendung auf Euronews hat Ministerpräsident Erdogan (hier bei einer Rede im Parlament in Ankara) für Kritik an Europa genutzt

Gleich die erste Sendung auf Euronews hat Ministerpräsident Erdogan (hier bei einer Rede im Parlament in Ankara) für Kritik an Europa genutzt

07. Februar 2010 Seit dem Wochenende ist die türkische Sprache noch mehr in der Welt. Um Punkt 21 Uhr ist Euronews, der europäische Nachrichtensender Europas, am vergangenen Samstag mit seinem türkischsprachigen Programm auf Sendung gegangen. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan ließ es sich nicht nehmen, persönlich den Feierlichkeiten zum Sendestart beizuwohnen. Welch symbolische Bedeutung er dem Programm beimisst, verdeutlichte er mit der Örtlichkeit, die er Euronews und dem türkischen Trägersender, der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt TRT, zur Verfügung stellte: den Dolmabahce-Palast, eines der Heiligtümer der türkischen Republik, von dem aus Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk zuletzt die Geschicke des Landes regierte und in dem Erdogan ein Büro unterhält.

Seine politischen Erwartungen an das neue Programm machte Erdogan in dem Interview deutlich, mit dem Euronews auf Sendung ging: Er nutzte die Gelegenheit, um abermals gehörig gegen die Europäische Union auszuteilen. So warnte er die EU-Mitgliedstaaten davor, sich an der „Kampagne der Islamophobie“ zu beteiligen, die seit einiger Zeit die Beitrittsverhandlungen bestimme. Vielen der Mitgliedstaaten schwebe ein „christlicher Klub“ vor, deshalb handelten sie nicht aufrichtig und versuchten, „die Türkei in die Ecke zu treiben mit Bedingungen, die es im gemeinschaftlichen Besitzstand der EU gar nicht gibt“. Die Euronews-Reporter, der noch etwas unsicher agierende türkische Journalist Ali Ihsan Aydin und sein erfahrener Kollege Nial O'Reilly, kommentierten die Anschuldigungen nicht. Ihr Stirnrunzeln sprach jedoch Bände. Die persönliche Meinung bei der Berichterstattung zurückzuhalten ist eine der Maximen von Euronews.

Der Blick der türkischen Welt auf Europa könnte sich tatsächlich ändern

Hundertsechs Millionen Haushalte, das heißt vierhundert Millionen Menschen, will der in Lyon ansässige Nachrichtensender mit dem türkischsprachigen Format erreichen. Das Konzept ist einzigartig: Gegründet im Jahr 1992 als Antwort auf den amerikanischen Nachrichtensender CNN, verbreitet Euronews Nachrichten in neun verschiedenen Sprachen im Halbstundentakt. Den Auftakt machten Programme auf Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. 1999 kam ein russisches Redaktionsteam hinzu und 2008 ein arabischsprachiges. Von den vierhundertfünfzig Mitarbeitern sind dreihundertfünfzig Journalisten, das Programm wird über vierunddreißig Satelliten weltweit verbreitet. Mit den türkischsprachigen Nachrichtensendungen will Euronews nicht nur die türkischen Staatsangehörigen in der Türkei erreichen, sondern auch jene auf Zypern sowie die türkischstämmige Bevölkerung in den EU-Mitgliedstaaten und die türkischsprachigen Minderheiten in Aserbaidschan und in Zentralasien. In Deutschland hat Euronews bisher 350.000 Zuschauer pro Tag. Wie viele von ihnen den Sendestart mitverfolgten, ist ungewiss. Sicher kann man sich jedoch sein, dass Erdogans Ausführungen bei den türkischsprachigen Zuschauern auf Zustimmung stießen - in der türkischen Öffentlichkeit wird seit je mit populistischen Äußerungen Stimmung gegen aus Europa stammende Türkei-Kritik gemacht. Wird dem türkischen Ministerpräsidenten nicht zu oft das Wort erteilt, dann könnte sich der Blick der türkischen Welt auf Europa jedoch tatsächlich ändern.

Euronews will ein Informationsangebot über Europa und die Europapolitik zur Verfügung stellen, das frei ist von staatlich gebundenen politischen Intentionen und Interpretationen. Im Gegenzug sollen die europäischen Länder besser über gesellschaftspolitische Entwicklungen in der Türkei, aber auch über deren Kultur und Wissenschaft informiert werden. Auch einen integrativen Langzeiteffekt erhofft man sich: „Euronews ist offen dafür, deutschen und österreichischen Persönlichkeiten einen Zugang zu ermöglichen, um eine Botschaft an die deutsch-türkische Bevölkerung zu richten. Um so die Integration der Türken in Deutschland und in Österreich zu verbessern“, sagte Philippe Cayla, der Präsident von Euronews.

Türkische Journalisten arbeiten nach den französischen Standards

Seit dem Jahr 2003 hatte er sich um eine Kooperation mit dem türkischen Fernsehen TRT bemüht. Die Verhandlungen seien immer wieder zum Erliegen gekommen, da die türkische Seite alles kontrollieren wollte, sagte Cayla gegenüber der F.A.Z. Erst nachdem Abdullah Gül vor drei Jahren zum türkischen Staatspräsidenten ernannt worden war - Euronews hatte ihn in seiner Funktion als türkischen Außenminister mehrfach interviewt und dabei offenbar sein Vertrauen in die Seriosität des Senders gewonnen, so die Vermutung Caylas -, kam Bewegung in die Verhandlungen.

Die türkische Redaktion umfasst siebzehn türkischstämmige Journalisten, die unter Hunderten von Bewerbern ausgewählt worden sind. Sie arbeitet nicht autonom, sondern ist streng an die Weisungen der leitenden Redaktion gebunden, die nach den in Frankreich üblichen journalistischen Standards arbeitet. Zusammen mit einem wechselnden Team aus Redakteuren wird täglich für jeden einzelnen Beitrag die redaktionelle Linie bestimmt. Sie hat für alle Sprachen zu gelten. Zwar darf jeder Journalist den Beitrag in seiner eigenen Sprache aufbereiten - das heißt, er wird nicht Wort für Wort übersetzt -, unterliegt dabei jedoch den inhaltlichen und zeitlichen Vorgaben des Chefredakteurs. Persönliche Kommentierungen werden nicht geduldet. Die Kooperation zwischen Euronews und TRT ist zunächst auf fünf Jahre angelegt. Danach werde man weitersehen, sagte Cayla. Von Oktober an wird es übrigens das Euronews-Programm auch auf Farsi geben und damit in zehn Sprachen. Mit dieser Vielfalt wird der Sender dann in der Lage sein, bis zu neunzig Prozent der Bevölkerung weltweit zu erreichen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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