Von Jörg Thomann
09. Dezember 2007 Immerhin, sie hat nicht die Bild- Zeitung gewählt. Doch kam Alice Schwarzer dem schon ziemlich nahe, als sie ihren Rückzug aus der Emma-Chefredaktion am Donnerstagabend bei Johannes B. Kerner verkündete, in einer Sendung also, die die Emma-Leserin allenfalls heimlich verfolgen dürfte. Als Medienprofi aber wird sich Schwarzer etwas dabei gedacht haben. Vielleicht wollte sie Kerner dafür belohnen, dass Antifeministinnen bei ihm keine Chance haben. Im Sinn hatte sie sicher auch, dass sie einst mit ihrem bei Kerner ausgetragenen Rededuell gegen die damalige Frau Feldbusch mehr Aufmerksamkeit erfuhr als mit zehn kompletten Emma- Jahrgängen.
So wird sie auch genau gewusst haben, was sie tat, als sie Kerner zwar nicht den Namen ihrer Nachfolgerin nannte, wohl aber einen präzisen Steckbrief anfertigte: eine jüngere Journalistin, blond, temperamentvoll, verheiratet, zwei Kinder, tätig für Print und Fernsehen. Geheimhaltung ist etwas anderes, und alle Neugierigen konnten die Fahndung einleiten nach den Zielpersonen: munteren blonden Fernsehprintehefrauen mit zwei Kindern. Es schieden aus Sandra Maischberger (dunkelhaarig, nur ein Kind), Anke Engelke (zwei Kinder, aber keine Journalistin), Barbara Eligmann (ein Kind zu viel), Eva Herman (ein Kind zu wenig). So blieben Andrea Kiewel (ZDF-Fernsehgarten, Kolumnistin bei Super-Illu), Amelie Fried (3 nach 9, Kolumnistin bei Für Sie) und Susanne Fröhlich, die diverse Fernsehsendungen moderiert, Bestseller schreibt (Moppel-Ich), zwei Kinder und ziemlich viel Temperament hat.
Als Susanne zu Emma ging
Das alles war binnen Minuten zu recherchieren, vulgo: zu googeln. Von dort ging's rasch zu Wikipedia. Und dort stand es dann auch: Ab Januar 2008 übernimmt Susanne Fröhlich die Chefredaktion der Frauenzeitschrift ,Emma'. Tags zuvor erst hatte der Stern die Online-Enzyklopädie mit einer Titelstory geadelt und ihr bescheinigt, sie lasse den Brockhaus alt aussehen. Nun also waren die Nachrichtenagenturen dran, die von der Personalie noch nichts wussten. Längst wird ja Wikipedia auch als Nachrichtenquelle genutzt: Den Tod Karlheinz Stockhausens meldete die erste Agentur am Freitag um 18.18 Uhr. Schon um 18 Uhr hatte Wikipedia den Stockhausen-Eintrag um den Tod des Komponisten ergänzt. Zum zweiten Mal an diesem Tag triumphierten die flinken Wiki-Wiesel über die Lohnschreiber.
Dumm nur an der Sache: Susanne Fröhlich, ganz altmodisch am Telefon befragt, stritt alles ab. Sie werde nicht Chefredakteurin von Emma und sei auch nie gefragt worden. Zur selben Zeit verkündete die Emma-Website, wer neue Chefredakteurin werde: Lisa Ortgies, Moderatorin von Frau TV im WDR-Fernsehen, seit 2005 Emma-Kolumnistin, verheiratet, zwei Kinder. Blond.
Ein Telefonat hat genügt
Journalisten verwenden gern die Wendung, man könne eine Geschichte totrecherchieren. In diesem Fall hatte ein Telefonat genügt, eine kritische Analyse über die Wandlung des Feminismus im Ansatz zu ersticken. Was hätte es ausgesagt, wäre Emma von einer Frau geführt worden, deren Hauptwerk den Kampf gegen die eigenen Pfunde beschreibt? Wie unoriginell ist dagegen die Lösung Ortgies. Viel zu - vorhersehbar.
Als Wikiality hat der amerikanische Satiriker Stephen Colbert das Phänomen bezeichnet, dass sich möglichst viele Menschen ihre eigene Realität zusammenschreiben können. Im Falle der Emma- Chefin Fröhlich war es ein einzelner Phantast namens Bennnnnni. Sechs Stunden hielt seine Wahrheit. Dann kam Korrektor Andibrunt, sperrte den Eintrag und versah ihn mit dem Stempel Nachrichtenente/ Wunschdenken/ Vandalismus. Dabei wäre es doch ungleich reizvoller, Wikipedia nicht als Fabrik von Wahrheiten, sondern von Wünschen zu betrachten und sich eine zweite, viel funkelndere Realität zu schaffen. Dann würde die runderneuerte Moppel-Emma demnächst Diätrezepte drucken. Stefan Aust würde Moderator des heute-journals, Claus Kleber übernähme Frau TV und Alice Schwarzer würde Spiegel- Chefin. Wir müssen nur daran glauben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.12.2007, Nr. 49 / Seite 31
Bildmaterial: Wikipedia
