Kandidaten im Gespräch: Ole von Beust (r.) und Herausforderer Michael Naumann, hier beim Hamburger Presseball
18. Februar 2008 Bis fast zum Schluss lief alles ganz gut für Michael Naumann, den Spitzenkandidaten der SPD für die Hamburger Bürgerschaftswahl am kommenden Wochenende. Viele, viele öffentliche Auftritte hat er in seinem Leben schon absolviert, das Fernsehstudio ist ihm so vertraut wie anderen ihre Stammkneipe oder ihre Briefmarkensammlung: Eigens für den Wahlkampf hat er sich etwa von seiner eigenen Talkshow - sie heißt Im Palais und läuft im RBB - beurlauben lassen. Also kam Naumann auch annähernd eine Stunde lang mit den Fragen, die ihm der NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz stellte - zur Situation der Bildung, der Wirtschaft oder zur Jugendkriminalität in der Hansestadt - weitgehend problemlos zurecht, obwohl er nach wie vor ein kommunal- und landespolitischer Neuling ist.
Aber dann, als fast alles schon gelaufen war (überdies mehr als passabel), gab ihm der Moderator noch die Gelegenheit zu einem Statement ganz ohne thematische Schnürbrust - Naumann durfte, kurzum, eine kleine Wahlrede in eigener Sache halten. Und just in diesem Augenblick wollte gar nichts mehr gelingen. Der Spitzenkandidat verhaspelte sich ein erstes, gleich darauf ein zweites Mal, musste völlig neu ansetzen, was bestenfalls halbwegs gelang. Er war, wie man das in der Stammkneipe und unter Briefmarkensammlern wohl sagen würde, völlig von der Rolle und musste rhetorisch kräftig rudern, um noch irgendwie ans Sprachziel zu gelangen. Der Zieleinlauf aber war gleichwohl verpatzt.
Sympathisch, gelassen und hanseatisch
Ole von Beust, der Erste Bürgermeister der Stadt, ist im Wahlkampf auf der Suche nach einem oder mehreren Koalitionspartnern, die ihm nach dem absehbaren Verlust der absoluten CDU-Mehrheit von Ende Februar an das Weiterregieren ermöglichen können. Das ist sein größtes Problem. Ansonsten hätte er angesichts der auch von Naumann und anderen politischen Gegnern nicht zu leugnenden Erfolge seiner zurückliegenden Amtszeit - Hamburg prosperiert an nahezu allen Ecken und Enden -, durchaus Anlass, so aufzutreten, wie ihn der Moderator zu Beginn des einstündigen Rededuells auch vorstellte: sympathisch, gelassen und hanseatisch, mithin souverän.
Aber obgleich ihm auch beim Statement am Schluss kein nennenswerter Fehler unterlief, wirkte von Beust während der ganzen Sendung unfröhlich, keineswegs gelassen, sondern eher maskenhaft und mitgenommen. Der Wahlkampf hat bei ihm sichtbar Spuren hinterlassen. Wie entspannen Sie eigentlich? wollte der Moderator schon relativ früh von ihm wissen. Er gehe in diesen Zeiten, so von Beust, recht früh ins Bett - gegen 22.30 Uhr -, stehe am nächsten Morgen aber eben auch ganz früh - gegen 5.30 Uhr - wieder auf. Es hatte in der NDR-Sendung Das Duell keineswegs den Anschein, als sei dies eine probate Entspannungsmethode.
Bedrückend, aber doch auch sympathisch
Zwei Spitzenkandidaten, zwei Stressreaktionen. Auf eine etwas bedrückende, menschlich aber doch auch sympathische Weise zeigte das einzige Fernsehduell, zu dem sich von Beust und Naumann am Sonntagabend getroffen haben, eben deutlich, wie hart, wie gnadenlos, ja wie brutal das politische Geschäft für dessen Hauptakteure sein kann. Was von Beust aussprach, weiß auch Naumann: Die Ansprüche sind sehr groß. Und das gilt sowohl für die Erwartungen der Bürger an die Politik als auch für das Selbstbild der handelnden Hauptfiguren des Wahlkampfs.
Dass beide Herren in dieser Sendung deutlich Wirkung zeigten, spricht also keineswegs gegen sie - und letztlich auch nicht gegen das System der Verausgabung, dem sie sich wohl oder übel unterwerfen müssen. Dieses System gehört ganz offensichtlich zum Preis, den die Demokratie von denen verlangt, die von demokratischen Wahlen legitimiert werden wollen - in noch weit höheren Maße als an den Hamburger Matadoren zeigt sich dies gerade an Hillary Clinton und Barack Obama bei den Primaries in den Vereinigten Staaten. Für die Wähler und deren ja nicht unberechtigte Ansprüche ist es bisweilen jedoch ganz heilsam, diesen Preis zumindest vom Fernsehsessel aus betrachten zu können.
Moralverfall der Wirtschaftselite
Auf nun wirklich hanseatisch gelassene Art gingen Ole von Beust und Michael Naumann miteinander um: Eine große Koalition nach der Wahl ist zumindest atmosphärisch nicht ausgeschlossen. Was immer in der Sache zu sagen war, offenbarte jedenfalls, dass die Positionen von CDU und SPD in Hamburg nicht sehr weit auseinander liegen. Bevor man aber zu den eigentlich urbanen Problemen kommen konnte, galt es für beide, zum sich anbahnenden republikweiten Steuerskandal Stellung zu nehmen. Einen Moralverfall der Wirtschaftselite sah Naumann darin, von Beust formulierte wohl mit Bedacht entschieden derber: Da könnten wohl einige den Kanal nicht vollkriegen, da seien Spitzbuben am Werk, denen man beibringen müsse, sich anständig zu benehmen.
Die Bildungspolitik ist, Umfragen zufolge, für die Hamburger das drängendste Problem und damit das zentrale Wahlkampfthema. Die CDU der Hansestadt hat sich, die Schulen betreffend, dabei bundesweit an die Spitze des konservativen Fortschritts gesetzt, indem sie bereits mit der Realisierung ihres sogenannten Zwei-Säulen-Modells begonnen hat: Es lässt das traditionelle Gymnasium unangetastet, fasst Haupt- und Realschule indes zu Stadtteilschulen zusammen, die auch zum Abitur führen können. Nachdem von Beust und Naumann sich ein wenig über Klassenstärken und Elternfreiheit gestritten haben, sagt der SPD-Kandidat ganz beiläufig: Die Stadtteilschule trägt die SPD mit. Und muss sich dann, als er weitere soziale Segnungen wie die Abschaffung der Studiengebühr ankündigt, von seinem Gegner vorhalten lassen, er verspreche das Blaue vom Himmel herunter.
Viele Gefängniszellen stehen leer
Sehr ähnlich lief die Debatte auch in Sachen Wirtschaftspolitik und Jugendkriminalität. Verwies von Beust darauf, dass der CDU-Slogan Hamburg boomt! der Realität entspreche und im Stadtstaat so viele neue Jobs entstanden seien wie nirgendwo sonst, replizierte Naumann, der regierende Senat habe dieses Resultat nur durch das Verscherbeln von Tafelsilber - sprich: durch Privatisierungsmaßnahmen - erreicht, zudem seien 30.000 Hamburger sogenannte Aufstocker, kämen also mit nur einem Beruf, nur einem Job nicht über die Runden. In Sachen Jugendkriminalität unterstrich von Beust das Waffenverbot auf dem Kiez, worauf Naumann mit Statistik konterte - die Einbrüche haben um 20 Prozent zugenommen -, erstaunlicherweise aber auch darauf hinwies, dass in Hamburg viele Gefängniszellen leer stehen.
Glückliches Hamburg, kann man da nur sagen. Die Frage des Moderators Andreas Cichowicz war jedenfalls berechtigt, ob im Stadtsaat nicht auf sehr hohem Niveau gejammert werde. Aber auch hier, gleichsam im Herzen des Wohlstands, hat es den Anschein, als käme die Neupartei Die Linke am kommenden Sonntag ganz komfortabel ins Parlament: Neun Prozent sagen ihr die Umfragen auf Anhieb voraus. Wie ein solches prospektives Resultat möglich sei, wo die gesellschaftlichen Ursachen dafür lägen: Solch grundsätzliche Fragen zu erörtern blieb keine Zeit mehr. Die Erschöpfung durch die Realpolitik war einfach zu groß.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP