FAZ.NET-Fernsehkritik

„Das Großkapital sehen wir mit Abscheu“

Von Michael Hanfeld

Vor 25 Jahren: Schmidt und Weizsäcker mit Ronald Reagan

Vor 25 Jahren: Schmidt und Weizsäcker mit Ronald Reagan

13. Juni 2007 Es ist schon erstaunlich, was für ein „Kessel Buntes“ die Talkshow von Sandra Maischberger im Ersten doch ist. Da gibt es Runden, wie die prominenter Frauen in der vergangenen Woche, die ziemlich angestrengt und am Ende fruchtlos sind. Da gibt es das Chaos reinster Güte, wie vor zwei Wochen bei der illustren Schar Sachkundiger zum Thema Prostitution.

Und dann gibt es ein kleines Wunder wie an diesem Dienstagabend: ein klug-anregend-spannendes Gespräch mit zwei Politikern und Publizisten, die ihre aktive Zeit der Grabenkämpfe hinter sich haben; die als Individuen aus ihren jeweiligen politischen Lagern herausragten; die als Meister der Distanziertheit und der Arroganz nie ganz Unverdächtige sich stets fern schienen, aber dann immer näher kamen; die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben und die ganze Geschichte Nachkriegsdeutschlands; die als Personen dieser Zeitgeschichte eine besondere Rolle spielten und sich darauf etwas einbilden könnten; die nicht von gestern, sondern von morgen und von den Fragen der Gegenwart sprechen und dabei keine rhetorischen Blasen aufsteigen lassen: So war das an diesem Abend mit 'Altkanzler' Helmut Schmidt und dem früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker bei Sandra Maischberger.

Nicht „Klops“, sondern Boulette

Die Gastgeberin: Sandra Maischberger

Die Gastgeberin: Sandra Maischberger

Helmut Schmidt nimmt einen heute ja allein deshalb für sich ein, weil er raucht und raucht und raucht, so auch bei Maischberger im Studio. Wobei er die Zigaretten bestimmt nicht einmal zu den „zahlreichen Schwächen“ zählen würde, die ihn in seinen Augen, wie er zwischendurch ganz alterskokett sagte, auszeichnen.

Und dann hat er Richard von Weizsäcker sogar mal einen „Klops“ genannt, einen „politischen Klops“, was wohl so etwas heißen sollte wie: nicht Fisch, nicht Fleisch. Worauf von Weizsäcker als Berliner seinerzeit entgegnete: Wenn schon, dann schon nicht „Klops“, sondern Bulette - und das sei besser als „Hamburger“. Was wiederum Schmidt nicht hinnehmen wollte - schließlich hätten „Hamburger“ ja auch nichts mit Hamburg zu tun.

Ohne Larmoyanz, aber mit Respekt

Soviel zu den poltischen Frotzeleien aus den siebziger und frühen achtziger Jahren, die Maischberger mit Redeausschnitten der beiden aus dem Bundestag von damals nett befeuerte: Der Oppositionspolitiker der CDU von Weizsäcker extemporiert im Bundestag am Mikrophon, während sich der Bundeskanzler Schmidt in die ersten Reihe der Abgeordnetenbänke gesetzt hat und Zwischenfragen einwirft, die ein bissiges Koreferat sind, bei dem sogar Herbert Wehner schweigt.

Und wie sind die Debatten heute? „Ach ja“, stöhnt von Weizsäcker nur. Die Qualität habe nachgelassen, sagt Schmidt. Das reicht als Kommentar, denn es geht den beiden nicht um Larmoyanz oder darum, die Weisheit der elder statesmen hervorzukehren. Sie schildern vielmehr, von Sandra Maischberger sachte-sorgsam angestachelt, wie ihr Respekt füreinander wuchs - vor der Position und der Argumentation des jeweils anderen, woran sich wiederum die politischen Konflikte und parteilichen Frontstellungen der letzten dreißig Jahre ablesen lassen, in die Schmidt und von Weizsäcker sich nie ganz einordnen ließen.

„Schröder vermisst sich selbst nicht“

Doch was lernen wir aus der jüngsten Geschichte? Dass die jetzige Große Koalition die dritte der deutschen parlamentarischen Demokratie ist (nach der von 1928 bis 1930 in der Weimarer Republik und der zweiten Ende der Sechziger), und außerdem eine, die halten wird - weil ihre Partner wissen, was passiert, wenn sie zerbricht (Schmidt). Dass Angela Merkel „ihre Sache bisher ordentlich macht“ (Schmidt), „gute Nerven“ hat und für eine „gute Atmosphäre“ sorgt (Weizsäcker).

Dass man Gerhard Schröder in der Politik nicht vermisst, weil: „Er vermisst sich selbst nicht“ und dieser konsequente Abschied immerhin eine „mannhafte Entscheidung“ sei (Schmidt). Wobei die Agenda 2010 als zwingend notwendiges Reformpaket als bleibende politische Leistung mit Schröders Name verbunden bleibe (Schmidt, Weizsäcker). Dass man von der amerikanischen Politik in den nächsten anderthalb Jahren bis zur Wahl nicht mehr viel zu erwarten habe. Dass man die Exzesse des Finanzmarktkapitalismus und die von Hedgefonds getriebene Globalisierung nur „mit Abscheu“ betrachten und sich nicht damit abfinden könne (O-Ton Schmidt, Weizsäcker stimmt zu), dass Finanzmanager dreihundert Millionen Euro pro Jahr verdienen, während in den von ihnen gejagten Unternehmen Tarife Richtung Mindestlohn aufgekündigt werden.

Dass der Kampf der Kulturen á la Samuel Huntington doch noch zu verhindern sei, allerdings nur, wenn der Islam selbst erkenne, welchen Schaden eine weltweite Auseinandersetzung für alle bedeutet (Weizsäcker) und vor allem, wenn man die Bevölkerungsexplosion stoppen kann (Schmidt). Das sei die entscheidende Frage des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Mit Gottvertrauen?

Auf Gott würde sich Helmut Schmidt dabei nicht mehr verlassen, schließlich habe der einfach zu viel an Leid und Menschheitsverbrechen wie Auschwitz zugelassen. Richard von Weizsäckers Gottvertrauen hingegen ist so weit nicht geschwunden.

Ach, ja (eine Floskel, die von Weizsäcker gerne verwendet, genauso wie das für seine mitunter uneigentümliche Rede typische: „Wenn ich dazu etwas sagen darf“ - klar darf er, schließlich ist die Sendezeit dafür da): Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker haben Töchter, die im Journalismus arbeiten oder gearbeitet haben. Einst hatte Helmut Schmidt einmal im Furor nicht alle, sondern nur die Nachlauf-Journalisten mit Kamera und Mikrophon „Wegelagerer“ genannt.

„Kanzlerin Maischberger“

Sandra Maischberger erging es da besser. Zwar musste sie sich als Stichwortgeberin für ein außergewöhnliches Gespräch bei unpräziseren Fragen schon mal korrigieren lassen, dafür erhob sie Schmidt in einer Antwort versehentlich gleich zur „Kanzlerin Maischberger“. Was immerhin als Ausdruck dafür gewertet werden darf, dass auch die Moderatorin aus Sicht der beiden alten Staatsmänner wie Frau Merkel „ihre Sache ordentlich macht“ und für eine „gute Atmosphäre“ sorgt.

Auch bei den Lösungen für die großen Probleme der Menschheit liegen die beiden auf einer Linie. Und sie wissen auch, wie man es als Staatsmann privat schafft: Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker sind sehr lange verheiratet, Schmidt seit 65 Jahren, Weizsäcker seit 54, und zwar in jeweils erster Ehe, was Schmidt „zufrieden und stolz“ macht, kein Wunder, denn „es wird immer besser“ (Weizsäcker).

Ach, ja, wenn wir das noch erwähnen dürfen: Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker geben - als gemeinsames politisches Vermächtnis - zwölf Bücher zu Europa heraus, genauer: zu Deutschland und seinen neun europäischen Nachbarn. Ob die beiden sich als Freunde bezeichnen, das wissen wir allerdings selbst nach dieser erstaunlichen Talkshow - nicht.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

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