06. Mai 2008 Ein einziger Marathon sind die Olympische Spiele in China - für die Zuschauer: 300 Stunden Sendezeit bei ARD und ZDF, 40 Stunden täglich auf vier Digitalkanälen, mit 500 Leuten laufen die Sender auf. Der Drache in mir regt sich schon, sagt der ARD-Talkmaster Harald Schmidt. Doch werden sich die Sender auch um die politischen Seiten kümmern?
Wie politisch ist der Sport 2008?
So politisch wie eh und je. Schon durch die Kommerzialisierung oder die Fördergelder des Staates. Dass die Politik durch die Ereignisse in Tibet stärker hineingetragen wird, ist ein zusätzliches Phänomen, ist aber wie eine PR-Kampagne angelegt. Der Sport firmiert auch als politisches Vehikel - so funktionieren Gesellschaften, Mediengeschäft und Revolutionsbewegungen. Mit der Instrumentalisierung der Olympischen Spiele werden wir in Peking wie bei allen anderen Spielen zuvor umzugehen haben.
Nimmt das ein Sportreporter widerwillig zur Kenntnis?
Nein, denn ich bin ja nicht nur Sportreporter, sondern auch ein Mensch. Wenn sich allerdings ein tibetanischer Mönch öffentlich verbrennt, weiß ich nicht, wie die Sportler, das Team, die Weltöffentlichkeit oder im kleinen Kosmos Harald Schmidt und ich reagieren.
Ist eine Arbeitsteilung zwischen den politischen und den Sportredaktionen denkbar?
Das ist nicht zu trennen, aber die Geschichte der Besetzung Tibets muss nicht während des Marathonlaufs erörtert werden. Die politische Berichterstattung kann nicht immer parallel zur sportlichen laufen, es muss der richtige Rahmen vorliegen.
Können Sie sich als Moderator positionieren, den Protest gutheißen?
Das lasse ich raus. Und zwar weil ich die Situation vor Ort gar nicht vollständig nachvollziehen kann. Reinhold Beckmann hat in China junge, aufgeklärte Chinesen getroffen, die unseren Medien vorwerfen, wir würden gar nicht kapieren, was eigentlich bei ihnen los sei.
Sportjournalismus gilt als besonders durchlässig für Meinungen. Ein Beispiel ist eine Art Pflichtpatriotismus.
Das ist ein altes Lied. Die Euphorie von Herbert Zimmermanns WM-Reportage von 1954 war Sportreportage im eigentlichen Sinne. Aber hören Sie sich mal spätere Kommentatoren an, als neue Maßgaben verteilt wurden, und zwar richtig gute wie Rudi Michel oder Oskar Klose: da schlafen Sie ein. Dass man jetzt etwas mehr tun darf, hat auch mit dem Zeitgeist zu tun. Ich denke schon, dass man den Publikumsgeschmack unter Beibehaltung eines eigenen Stils treffen sollte.
Sind Sie ein Sportpatriot oder ist ihr Jubel Dienstleistung fürs Publikum?
Ersteres. Ich bin auch bewegt. Diese Meinung darf ich haben und man erwartet sie auch von mir.
Wenn Sie sich erinnern an die boykottierten Spiele von 1980 und 1984 - war der Politisierungsgrad mit dem heutigen vergleichbar?
Damals herrschte eine politische Zwangssituation vor. Die deutsche Meinung ging eher Richtung Boykott. Die Amerikaner wollten nicht mit, weil die Russen in Afghanistan einmarschiert waren, deswegen blieben auch wir weg. Gebracht hat es: Null.
Was haben Sie gedacht, als jetzt Boykottforderungen aufkamen?
Ganz ehrlich? Geschrei. Mir war klar, das ist nur Gerede. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge, um nicht Abhängigkeiten zu sagen, politisch wie wirtschaftlich, sind mit China so exorbitant, dass ich für diese Überlegungen nur ein müdes Lächeln übrig hatte.
Werden es normale Spiele?
Sobald es losgegangen ist, ja. Vorher ist alles Kaffeesatzleserei.
Das Gespräch führte Jan Freitag.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP