Von Thomas Thiel
09. Mai 2008 Die journalistische Gattung der Kolumne steht für den persönlich gefärbten Blick auf die Wirklichkeit. In ihrem Mittelpunkt steht der Autor, der kraft eigener Lebenserfahrung und souveränen, spielerischen Umgangs mit dem Stoff seinen Blick schweifen lässt und Zusammenhänge ordnet und bewertet. Würde man Gülsah Koç, die Kolumnistin der Jugendbeilage der deutschen Ausgabe der türkischen Tageszeitung Hürriyet“, an der Bandbreite ihres Themenspektrums messen, müsste man sie für eine Person von außerordentlicher Lebensklugheit und Belesenheit halten. In der wöchentlichen Beilage Young Hürriyet“ räsoniert sie über kulturelle Vielfalt und die Natur des Glücks nicht minder versiert als über die Humangesellschaft als Mikroorganismus. Das persönliche Urteil scheut sie nicht.
Eigene Persönlichkeit“ hieß denn auch eine ihrer Kolumnen, in der sie am 11. April dieses Jahres den Markenwahn pubertierender Heranwachsender beklagte, selbst als 23 Jahre alte Redaktionsleiterin kaum diesem Lebensstadium entwachsen. Diese Kolumne ähnelt auf verblüffende Weise einem Text, der in der Novemberausgabe der Bravo“ des Jahres 2001 erschien – von anderer Feder. Gewisse Problemlagen bleiben erhalten, könnte man folgern, oder dass Gülsah Koç ihre Reflexionen und Maximen bis auf einige Adjektive gänzlich abgeschrieben hat, um eigene Überlegungen dann sinnigerweise mit der Frage zu beginnen: Da frage ich mich, wo die eigene Persönlichkeit bleibt?“ Wie viel eigene Persönlichkeit traut sie sich selbst zu, wenn sie sich die Gedanken anderer zu eigen macht? Und wie viel Bewusstsein hat sie für den Unterschied zwischen originellen und kopierten Texten?
Streifzug durchs Textarchiv des Netzes
Der Textklau ist kein Einzelfall. Mit fremdem Wissen und fremden Formulierungen holte Koç schon in früheren Kolumnen zu Überlegungen großer Tragweite aus: etwa über die Sozialgemeinschaft, unter der biologischen Metapher des Ameisenhaufens betrachtet, was sie dem Weblog kolumnen.blog.de entnahm. Selbst ihr abschließendes Urteil gleicht dem Blogeintrag aufs Wort: Ich behaupte, der große, allumfassende Gemeinschaftssinn als solcher existiert in dieser Welt nur in der Phantasie romantischer Köpfe und in einigen versprengten Grüppchen.“
Koçs Kolumne über Gewaltopfer unter Kopftuchzwang“ stand passagenweise vorher in der Frankfurter Rundschau“, eine Kolumnistin der Welt“ lieferte ihr die Gedanken zu der Situation berufstätiger Frauen (Zwischen Arbeit und Haushalt“). Ihren Text über Kulturelle Vielfalt“ plagiierte sie von Fontäne“, einer Zeitschrift für die Verbindung von islamischen Glaubensinhalten und moderner Wissenschaft“. Ihre Gedanken zum Thema Was ist Glück?“ enteignete sie der privaten Internetseite einer Historikerin und Kinderbuchautorin. Im letzten Fall kompiliert sie ihre lebensphilosophischen Erwägungen gleich aus den Beiträgen mehrerer Autoren des Webforums, jeweils ohne Zitatangabe und mit eigenem Namen unterschrieben.
Reue nach der Tat
Das ist katastrophal, ein fataler Fehler. Es ist mir nicht bewusst, was ich da gemacht habe“, sagt Gülsah Koç auf Anfrage der F.A.Z.. Sie spricht von einem unheimlichen Erfolgsdruck, den sie sich auferlegt habe, und ihrer mangelhaften Vorbereitung auf die prominente Aufgabe der Kolumnenschreibens. Nach einer Ausbildung als Einrichtungsberaterin stieg sie schon während ihres Volontariats zur Kolumnistin und Chefredakteurin der Jugendausgabe auf. Alle künftigen Kolumnen verspricht sie wieder selbst zu schreiben.
Man könnte auf Gülsah Koçs Abschreibesystem eine Theorie errichten, von der Austauschbarkeit der Medienformate, des Stils und letztlich der Persönlichkeit sprechen, von der kreativen Aneignung neuer Kulturtechniken, vom Übergang der Textproduktion vom Subjekt auf das Kollektiv, vom Tod des Autors in der Postmoderne, in der alles schon gesagt und geschrieben wurde und alles Neue nur bewusstes oder unbewusstes Zitieren ist.
Will man Gülsah Koçs Gedankendienbstahl nicht allein mit persönlichem Fehlverhalten begründen, so verweist er generell auf ein unterentwickeltes Bewusstsein für geistiges Eigentum im Netz. Der Copy-&-Paste-Mechanismus erleichtert die Übernahme fremder Formulierungen und verringert offensichtlich das Bewusstsein zwischen Kopie und Original. Zugleich nährt die stetig anwachsende Masse gespeicherter und sofort verfügbarer Texte die Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Wieder einmal hinkt der intellektuelle und moralische Fortschritt dem technischen weit hinterher.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Screenshot
