Von Erna Lackner
01. Mai 2008 Wie oft hat der Fernsehzuseher in Österreich schon am Sonntagabend, als der Täter noch gar nicht ausgesagt hatte, das Wort perfekt gehört? Merkwürdig oft. Es klang wie abgesprochen, wirkte wie Gehirnwäsche. Im ORF, in der Diskussionssendung Im Zentrum, beteuerten Vertreter der Behörden und der Polizei, auch Psychologen immer wieder, dass es sich im Fall des Amstettener Familienschänders eben um ein perfektes Verbrechen handle.
Noch ehe also die erste Frage auftauchen konnte nach eventuellen Versäumnissen der Polizei (beim Nachforschen zur angeblich in eine Sekte verschwundenen Tochter) und Nachlässigkeiten der Jugendwohlfahrt (bei den Pflegschafts- und Adoptionsverfahren der mysteriös abgelegten Findelkinder) insinuierten Bezirkshauptmann, Polizeichefs und Psychologen, da sei nichts zu machen gewesen - denn der Täter sei perfekt vorgegangen. Ein sehr perfekter Mensch. Seine kriminalistische Raffinesse wurde hervorgehoben, von seinem Können war die Rede, vom genialen Verbrecher, der alles geplant, bedacht und alle getäuscht habe.
Perfekt ist perfekt
Die Experten zeigten sich geradezu überwältigt von seiner Perfektion. Der Täter habe ein gepflegtes Äußeres gehabt, sei gut gekleidet gewesen, seine Kinder seien in der Schule sehr brav gewesen, erzählte der Bezirkshauptmann. Bestens erzogen, ergänzte die Polizei. Zwar erwähnte der Bezirkshauptmann im Zusammenhang mit dem Leumund des Täters, er sei früher ein- oder zweimal mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten, doch die Eintragung sei getilgt, nicht mehr von Belang. Dass es ein Sexualdelikt war, sagte er nicht.
Es ging ja vor allem um die Legendenbildung eines perfekten Verbrechens. Wenn das Verbrechen perfekt ist, können auch Behörden und Polizei nichts machen. Perfekt ist perfekt. Angesichts eines perfekten Verbrechens wird auch nicht gefragt, ob Polizei und Jugendbehörden leichtgläubig, nachlässig und vielleicht doch ein bisschen schlampig waren. Im einmaligen Sonderfall des perfekten Verbrechens sollen sich Nachfragen erübrigen, sondern große Worte genügen: Erhöhte sexuelle Potenz hat ein Polizeichef dem Täter in einer ebenfalls im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz bescheinigt. Na, dann. Vorgestern schon wurde der Fall als geklärt ausgewiesen.
Aber am Dienstag bekam die perfekte Legende eine Lücke, als herauskam, dass der perfekte Täter einst wegen Vergewaltigung in Haft saß. Nicht nur in Katastrophen-, auch in Verbrechensfällen (wenn es etwa um das Ansehen eines Landes geht) scheinen Medienstrategien inzwischen so wichtig wie die Aufklärung zu sein. Kein Mensch wird bei diesem monströsen Verbrechen den Behörden die Schuld geben - aber für die Behörde stand von Anfang an im Vordergrund, sich zu verteidigen. Wie sehr das Behördenösterreich mit Medienarbeit beschäftigt ist, bestätigen laufende Meldungen: Der von der niederösterreichischen Landesregierung bestellte Anwalt der Opfer beeilte sich mitzuteilen: keine Anzeichen für einen Behördenfehler. Die Behörde, so stellte sich zugleich heraus, hatte für das dritte Findelkind nicht einmal eine Akte parat: Die perfekte Behörde.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
