12. Juli 2006 Nichts gegen die Aufnahme der Brötchentaste in den Duden. Diese Taste erlaubt uns das Kurzparken ohne Gebühr. Statt fünf Brötchen dürfen es dann auch mal sieben in der Tüte sein. Nichts gegen die Berücksichtigung der Auflaufkinder, ein Wort, das es uns erleichtert, die goldigen Nationalspielerbegleit-Kinder ohne Umschweife zu benennen. Auch der Open-Source-Software, dem Elterngeld, der Knopflochchirurgie und der Guthabenkarte sei ein Platz im Duden gegönnt.
Doch viele der 3.000 Duden-Neuaufnahmen in der ab Ende Juli erhältlichen 24. Auflage - 100 davon wurden bereits veröffentlicht - sind auf fast provozierende Weise fluffig: Bikinilinie, Wohlfühlfaktor, Best Ager oder Patchworkbiografie - muß man die wirklich richtig schreiben und mit einer Lexikalisierung stärken? Vermüllen sie nicht ganz ergebnisoffen unsere Sprache? Werden sie nicht zur Feinstaubbelastung, zum wirkmächtigen Leerstand, zum Phishing für unseren Flurfunk? - Eine Frage, so alt wie die Menschheit.
Pancetta mit Champagnerdusche
Schwer im Magen liegen einem auch die neu aufgenommenen Nahrungsmittel: Shiitake, Roibuschtee und Gammelfleisch. Puh. Hat die Eßkultur unserer Tage wirklich nichts Besseres zu bieten? Eßbar erscheint lediglich der Pancetta. Aber warum brauchen wir ein zweites Wort für Speck - weil Pancetta nicht so fettig klingt?
Nein, die neuen Duden-Begriffe können es einem in kulinarischer Hinsicht nicht rechtmachen. Da hilft auch keine Champagnerdusche oder die Event-Gastronomie, denn sie sind wiederum zu fluffig, um satt zu machen.
Stallpflicht für Goleo
Für Schieflage sorgt auch die kabarettistische Neigung der Dudenredaktion, in die Neuwörter eine Art ironische Jahreschronik einzuschmuggeln. So schaffen es dann Wörter wie durchregieren, Scoubidou, Goleo oder Kompetenzteam in das Lexikon. Allerdings werden sie wahrscheinlich nie wieder nach 2006 in den Mund genommen werden. Hier bricht die Redaktion mit ihren eigenen Prinzipien. Ein bißchen Schlankheitswahn hätte ihr gut getan.
Schräg auch die neu hinzugekommene Fernseh-Begrifflichkeit, was freilich insofern von einigem Realitätssinn zeugt, als die Fernsehzeitung eines der beliebtesten deutschen Druckerzeugnisse ist. Warum aber gerade jetzt die Neuaufnahme so alter Hüte wie Publikumsjoker, Telenovela oder Saalwette? Wo doch letztere - eine Erfindung von Frank Elstner aus den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts - zudem schon lange Stadtwette heißt. So sehr ist das Fernsehen auch wieder nicht im Kommen, daß man jetzt schon einen Retro-Wortschatz pflegen müßte.
Düstere Prognosen
In den Bereich der Zukunftsprognose schwingen sich dagegen Begriffe wie Starkregen, Stallpflicht oder Strommarkt auf - Begriffe, denen die Duden-Redaktion offenbar viel Potential zuschreibt. Düster auch die beiden neu aufgenommenen Berufsbezeichnungen: Fallmanager/in (Arbeitslosenberater/in) und Tatortanalytiker/in - den Arbeitsmarkt werden sie mit Sicherheit nicht umkrempeln.
Doch fassen wir uns auch an die eigene Nase: Die aktuelle Duden-Begriffsauswahl verfestigt lediglich den bestehenden Eindruck, daß der neuen deutschen Umgangssprache die Mitte, das Produktive und Intersubjektive fehlt. Oder kann man schon sagen: fehlte?
Fanmeile statt Stallpflicht
Denn gerade in den letzten Wochen hat sich etwas getan im Land des Dudens: Mit großer Anteilnahme hat Deutschland zum Beispiel den Problembären ins Herz geschlossen - und mit großer Lust einen schillernden Begriff entdeckt, der nicht nur Bruno, sondern uns alle meint.
Und auch die unvergleichlichen WM-Wochen haben unserer Umgangssprache neuen Auftrieb gegeben und zum Dauergebrauch solch gemeinschaftsbildender, wenn auch verordneter Begriffe wie Fanmeile, Teamgeist oder Public Viewing geführt. Auch Formulierungen wie André Hellers Die Welt zu Gast bei Freunden oder Grönemeyers Zeit, daß sich was dreht sind - denkt man an die Diskussion über den Slogan Du bist Deutschland - dankbar aufgenommen worden.
Party als Öffentlichkeitsarbeit
Aber auch bestehende Wörter wie geil und vor allem Party machen haben durch Experten- und Nationaltrainergebrauch restlos eine Bedeutungserweiterung erfahren: So hat sich das Party-Machen im Sprachgebrauch unmerklich vom Privat-Vergnügen zur national-fröhlichen Öffentlichkeitsarbeit gewandelt. Und Klinsmanns sehniges Lieblingsverb etwas durchziehen läßt spielend Merkels steriles durchregieren hinter sich.
Vielleicht kann man folgendes festhalten: Der offene Umgang untereinander ist gleichsam zur Brötchentaste für eine neue, mitnehmende Umgangssprache geworden. Und wenn es so weitergeht mit den neuen deutschen Umgangsformen, werden wir den Neuwort-Dudenjahrgang 2007 dann auch tatsächlich wieder im Mund führen wollen.
Text: @uweb
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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