FAZ.NET-Fernsehkritik

Kerners Jahr der deutschen Einheit

Von Jörg Thomann

Der ZDF-Moderator 2006: Johannes B. Kerner

Der ZDF-Moderator 2006: Johannes B. Kerner

04. Dezember 2006 2006 war ein bewegendes und abwechslungsreiches Jahr. Es war das Jahr, in dem Johannes B. Kerner erstmals am Steuer eines Aston Martin saß. Es war das Jahr, in welchem er mit dem Pianisten Lang Lang am Klavier „Ein Männlein steht im Walde“ im Duett spielte. Und es war das Jahr, in dem er sich von der Volksmusikantin Stefanie Hertel die nackte Wade betasten ließ, die auf diese Weise mit verbundenen Augen ihren Gatten Stefan Mross erkennen mußte. Das Tollste aber ist, daß Kerner all diese Höhepunkte des Jahres an einem einzigen Tag, ja in einer einzigen Sendung erlebte: dem Jahresrückblick „Menschen 2006“, gestern abend im ZDF.

Es war für Kerner der Abschluß eines Jahres, das für ihn nicht glücklich verlaufen war. Da war seine Reklame für eine Fluglinie, die ihm viel Kritik einbrachte sowie einen neuen Passus im Vertrag mit dem ZDF, demzufolge er sich künftige Nebentätigkeiten vorab genehmigen lassen muß. Und da war, für den Showmaster vielleicht noch schmerzlicher, sein wieder einmal vergeblicher Appell an seinen Haussender, ihn doch endlich einmal eine politische Talksendung moderieren zu lassen, um der neuen ARD-Größe Günther Jauch Konkurrenz zu machen: „Ich traue mir eine Politsendung zu.“ Die Zutraulichkeit blieb unerwidert. Beim ZDF bleibt Kerner der Mann für das Unpolitische - und damit auch für die große Jahresrückblicksshow.

Kein Libanon, kein Papst

Denn im ZDF ging an diesem 3. Dezember ein Jahr zu Ende, in dem es keinen Krieg gab. Der Libanon, der Nahe Osten waren kein Thema. Es gab auch keinen Papst und keine Regensburger Rede, keine Mohammed-Karikaturen, keinen islamistischen Terror, ja nicht einmal eine Gesundheitsreform. Es handele sich um eine Unterhaltungssendung, ließ das ZDF verlauten. Seltsam nur, daß Günther Jauch, den Kerner auf politischem Parkett so gern herausfordern würde, in ein paar Tagen beim Jahresrückblick seines Noch-Hauptarbeitgebers RTL die Ehefrau eines israelischen Soldaten begrüßen wird, dessen Entführung ein Anlaß der Eskalation im Libanon war. Bei der privaten Konkurrenz also versucht man, schwierige politische Themen über die menschliche Ebene zu vermitteln; beim ZDF traut man sich nicht einmal das.

Statt dessen begrüßte Kerner vor einem beängstigend entfesselten Münchner Publikum das Pärchen Mross und Hertel, das nach zwölf Jahren Zweisamkeit in diesem Jahr geheiratet hat, womit, so Mross, nun „der Topf auf den Deckel“ passe. Des weiteren traten auf die Braunbärin Nora, die den Bayern-Immigranten Bruno nicht retten durfte, sowie die Kessler-Zwillinge, die 2006 ihren siebzigsten Geburtstag feierten. Zu ihnen fiel Kerner die originelle Frage ein, ob sie wohl mal heimlich die Rollen getauscht hätten, bei dem einen oder anderen Rendezvous vielleicht, und er erhielt völlig unverdient eine hübsche Antwort: „Das machen nur männliche Zwillinge.“ Außerdem trank Kerner ein Glas Rotwein mit dem inzwischen in Fernseh-Alterszeit tätigen Ulrich Wickert. Der freute sich über ein Tor Bastian Schweinsteigers, das dieser am Samstag gar nicht erzielt hatte.

Hacklschorsch statt Schumi

Schweinsteiger selbst war auch da, gemeinsam mit Oliver Bierhoff, Sönke Wortmann und Franz Beckenbauer, von dem Kerner noch einmal hören wollte, wie er sich denn vorher die WM vorgestellt habe. Die überraschende Bilanz der Runde: Das Turnier war ein voller Erfolg, die WM hat das Land verändert, und die deutsche Elf ist - so war es gefühlte zehn Mal zu hören - eine „Einheit“ gewesen. Als ambitionierter investigativer Journalist erkundigte sich Kerner bei Wortmann nach Szenen aus dem „Sommermärchen“, die der mannschaftsinternen Zensur zum Opfer fielen; routiniert verweigerte Wortmann die Auskunft. Neben der Fußball-WM umfaßte das ZDF-Sportjahr nur noch die Olympischen Winterspiele von Turin, weshalb die Snowboarderin Amelie Kober und der Rodelrentner Georg Hackl erschienen. Unbegrüßt und unerwähnt blieben Michael Schumacher (weil der bei RTL auftreten wird), Britta Steffen (weil die bei RTL auftreten wird) und Jan Ullrich (weil „Menschen 2006“ eine Unterhaltungssendung ist).

Es gab aber auch Gäste, für die 2006 in Kerners Worten ein „katastrophales“, ein „schreckliches Jahr“ gewesen ist. Im Januar starben beim Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall fünfzehn Menschen, darunter zwölf Kinder, und Kerner sprach mit einem Mann, der seine Frau verloren hatte, und einem Ehepaar, dessen zwei Töchter starben. In diesen gespenstischen Minuten zur Mitternacht schilderten die Hinterbliebenden vor einem Millionenpublikum, wie sie Frau oder Kinder verloren, während Kerner eifrig nachfragte („Sie mußten die Kinder noch identifizieren anschließend?“). So äußerlich gefaßt die Gäste berichteten, so unerträglich war doch diese Situation, deren einziger Zweck die Zurschaustellung des Leids war. Unerträglich die ZDF-Kamera, die im Publikum nach Zuschauern mit tränennassen Augen spähte; unerträglich der schlecht vorbereitete Moderator, welcher mutmaßte, daß die Frau, die einen dreifachen Beckenbruch erlitt, „nicht verletzt“ worden sei; unerträglich die Entscheidung der Redaktion, die furchtbaren Momente nacherzählen zu lassen, auf eine Einordnung des Geschehens aber zu verzichten und die Frage nach der Verantwortung auszusparen.

Es muß ja weitergehen

Weil in einem bunten Matinee zum Jahresende freilich selbst die größte Tragödie abgefedert werden muß, stellte Kerner zum Gesprächsabschluß die Frage, wer seinen Gästen in ihrer schweren Situation „geholfen“ habe. Ebenso wie die zuvor befragten Eltern der von Mario M. gepeinigten Stephanie dankten die Hinterbliebenen dann ausführlich Familie, Freunden und Psychologen, was absurde Assoziationen mit Fernsehpreisverleihungsreden weckte und die trügerische Botschaft vermittelte, daß sich selbst das schlimmste Unglück mit freundlicher Unterstützung ertragen läßt. Doch das wirkliche Leben ist keine Fernsehsendung, in der man schnell und schmerzlos zum nächsten Programmpunkt überleiten kann.

Auf Bad Reichenhall folgte bei „Menschen 2006“ James Bond. Dessen per Videobild zugeschalteter Darsteller Daniel Craig beantwortete zum tausendsten Male die Frage, wie er die Nachricht aufgenommen habe, der neue Bond zu sein - ließ aber die verschiedentlich geäußerte Auskunft, sich besinnungslos betrunken zu haben, weg. Was die Queen zu ihm sagte, teilte Craig - wie zuvor etlichen anderen Fragern - auch Kerner nicht mit. Und dann wollte Kerner noch wissen, warum Craig so ungern Liebesszenen drehe. Dem, so der Schauspieler, sei aber gar nicht so.

Für eine Politsendung hat sich Kerner mit „Menschen 2006“ nicht qualifiziert. Für weitere Unterhaltungssendungen aber auch nicht. 2007 kann für ihn nur besser werden, und vielleicht ergeben sich ja bald neue Chancen: Bei RTL zum Beispiel könnte ja demnächst eine Stelle frei werden.

Text: jöt
Bildmaterial: ZDF/Wolfgang Wilde

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