Sat.1

Wir wollen näher an die Zuschauer heran

Von Michael Hanfeld

04. März 2008 Seit ein paar Tagen hat auch Sat.1 seine Castingshow. „Ich Tarzan, Du Jane!“ heißt sie, und man darf sagen, dass sie zum Profil des Senders passt. Denn sie hat, sofern man das von einer solchen Show sagen kann, ein familienfreundliches Format. Worauf bei RTL der Jugendschutz ein Auge haben muss, das gerät bei Sat.1 babysittertauglich und fügt sich zu dem Profil, das sich der Sender trotz aller Häutungen bewahrt.

Seine Zuschauer sind mit Mehrheit weiblich und nicht auf Krawall abonniert. Sie goutieren märchenhaft romantische Spielfilme, können sich an einer Telenovela wie „Verliebt in Berlin“ nicht sattsehen, schmachten bei Kai Pflaume und „Nur die Liebe zählt“, amüsieren sich über Shows wie die „Schillerstraße“ und „Genial daneben“ und gewärtigen mit Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder, wie man auch im privaten Unterhaltungsfernsehen in Würde altert.

Reibungsverluste im Kampf mit Pro Sieben

Doch ist das zu schön, um die ganze Wahrheit zu sein. Im Bestreben, den zweiten Platz auf dem privaten Fernsehmarkt zu behaupten, hatte der Sender über die Jahre eine stattliche Zahl von Flops zu verkraften und unter kreativ-kantigen Geschäftsführern wie Martin Hoffmann und Roger Schawinski immer wieder von der Kritik gefeierte Experimente gewagt, aber nie zu der Konstanz gefunden, wie sie den Marktführer RTL – bei allen Ausreißern – auszeichnet. Prägende Erfolge wie die Serie „Edel & Stark“ und die Telenovela „Verliebt in Berlin“ fanden keine würdigen Nachfolger.

Um das Informationsprogramm gab es großen Bohei, der vor allem ein Hin und Her war, als man beim ZDF den Moderator Thomas Kausch abwarb und ihn wieder entließ, ohne dass man aufgeholt hätte. Die Reibungsverluste im internen Konkurrenzkampf mit dem Schwestersender Pro Sieben waren in ihrer Hitzigkeit nicht selten ein Fall für den Brandschutz.

Ein Statement gegen die Tagesschau

Ganz zu schweigen von den Konzernübernahmen, erst durch Haim Saban und Finanzkonsorten und dann durch die Investoren Permira und KKR, die Pro Sieben Sat.1 mal eben mit der skandinavischen SBS-Sendergruppe fusionierten, zuhauf Leute entließen und den Konzern mit 3,3 Milliarden Euro Schulden überwölbten. Wie soll man da in Ruhe Programm machen?

Das Triumvirat, das heute die Geschicke von Sat.1 lenkt, scheint dennoch die Ruhe selbst und so auf Harmonie gepolt, wie das Programm selbst. Wenngleich Torsten Rossmann, der Chef des Nachrichtensenders N24 und erst seit Januar Geschäftsführer bei Sat.1, ein Mann von steter Unrast ist. Der frühere nautische Offiziersassistent hat sich für den 17. März, wenn Sat.1 sich nicht zum ersten Mal neu formiert, die größte Aufgabe vorgenommen: Nachrichten um zwanzig Uhr, gegen die „Tagesschau“ programmiert.

Doch das Wagnis erscheint Rossmann gar nicht so groß. Schließlich liege die „Tagesschau“ bei den Zuschauern im Alter von vierzehn bis neunundvierzig Jahren unter der Woche bei einem Marktanteil von knapp zehn Prozent. „Unsere Nachrichten um zwanzig Uhr sind ein Statement“, sagt Rossmann. „Wir weisen das Feld für unsere Information klar aus.“

Neuordnung des Vorabendprogramms

Neu geordnet wird damit auch das Vorabendprogramm von siebzehn Uhr an, in dem künftig die Dokusoaps „Niedrig und Kuhnt“, „Lenßen & Partner“, „K 11“ und das „Sat.1 Magazin“ laufen. Richtig aufgepeppt wird der Vorabend Ende August, wenn die Telenovela „In Liebe Lena“ mit Jeanette Biedermann beginnt, von der Sat.1 hofft, dass sie an den Erfolg von Alexandra Neldel in „Verliebt in Berlin“ anknüpft.

Matthias Alberti, der Hauptgeschäftsführer von Sat.1, ein Hüne, neben dem selbst jemand wie der Springer-Chef Mathias Döpfner zierlich wirkt, hat seinen Job im Januar 2007 angetreten. Seither haben sich die Betriebsgeräusche im Wettstreit mit Pro Sieben merklich verflüchtigt. Die Verwerfungen durch die Fusion und die gestiegenen Gewinnerwartungen haben allerdings auch alles andere in den Hintergrund gedrängt.

Hundert Mitarbeiter hat Pro Sieben Sat.1 am Standort Berlin entlassen, wobei man bei Sat.1 darauf verweist, dass dies nicht hundert Leute des Senders waren und es dort noch immer rund 230 Stellen gibt. Doch auch die Verbliebenen haben alle Hände voll zu tun, den Marktanteil des Senders zweistellig zu halten.

Nicht mehr an der Zielgruppe vorbeischießen

Matthias Alberti, der in den neunziger Jahren das Unterhaltungsprogramm von RTL prägte, bevor er 2002 bei Sat.1 anheuerte, sagt, er habe es dennoch „keine Sekunde lang bereut, von RTL zu Sat.1 gegangen und bei Sat.1 Geschäftsführer geworden zu sein“. Jetzt, sagt er, wolle man wieder „näher an unsere Zuschauer heran“. Seine Truppe habe im letzten Jahr „hart gearbeitet“. Das „Line-up 2008“, also die neue Programmfolge, sei stärker als im vergangenen Jahr, ergänzt Albertis Stellvertreter Volker Szezinski, der schon seit 1993 beim Sender und der eigentliche Programmchef ist.

In diesem „Line-up“ wird sich von Herbst an eine neue Staffel „Ladykracher“ mit Anke Engelke befinden; neue Folgen der Comedy von Bastian Pastewka; ein großer Weihnachtszweiteiler mit dem Titel „Jingle All the Way“, in dem Pastewka neben Christoph Maria Herbst als „Poolnudelvertreter“ auftritt und schließlich im Herbst wiederum der zweiteilige Eventfilm „Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen“ mit Anja Kling, Hans Werner Meyer, Heiner Lauterbach und Jörg Schüttauf.

„Mit unseren Eigenproduktionen“, gibt Volker Szezinski zu, „sind wir manchmal über das Ziel hinausgeschossen. Wir haben Leute avisiert, die kaum Fernsehen gucken, jetzt reißen wir das Ruder herum. Unsere Serien werden leidenschaftlicher und etwas weniger kopflastig.“

Sport nur als Spurenelement

Sport wird es bei Sat.1 weiterhin – im Vergleich zu anderen – nur in Spurenelementen geben, mit einm bisschen Uefa-Cup vielleicht. Ein Ausreißer wie die schnelle Übernahme der dopingbelasteten Tour de France, die ARD und ZDF aufgegeben hatten, wird sich nicht wiederholen. „Aufs Fahrrad setzen wir nur noch, wenn wir zur Arbeit fahren“, sagt Matthias Alberti.

Friede, Freude, Marktanteile – von Letzterem vor allem „mehr“ – „Mehr Spaß“, „Mehr Action“, „Mehr Lust“, „Mehr Spannung – damit wirbt Sat.1 von Mitte März an. Und das im Einklang mit dem mächtigen Konzernvorstand Guillaume de Posch, dem Matthias Alberti in großen Teilen auch den finanziellen Erfolg seines Senders zuschreibt. De Posch sei der Mann aller Zahlen, bei dem anderen seien allein die Geschäftsführer gefordert.

Gegen die Furcht früherer Tage, Sat.1 werde von der Konzernmutter als Filiale unter ferner liefen angesehen, scheint Alberti gefeit. Der Konzerngewinn jedoch, den Pro Sieben Sat.1 gestern in München mit der Bilanz für 2007 auswies, ist von rund 240 Millionen Euro im Jahr zuvor auf 89,4 Millionen Euro gesunken bei einem Umsatz von 2,7 Milliarden, besagten Schulden von 3,3 Milliarden und einer Kartellbuße von 120 Millionen Euro. Die Gewinnerwartungen der Sendergruppe streben trotzdem gen dreißig Prozent. Alberti, Rossmann und Szezinski machen trotzdem ihr Programm.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, Sat.1

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