15. Dezember 2006 Die russische Journalistin Elena Tregubova hat ihre Lesereise durch Deutschland überraschend abgesagt. Sie hätte am Dienstag dieser Woche in Hamburg landen und in den kommenden Tagen in Hamburg, Rostock und Bonn ihr Buch Die Mutanten des Kreml vorstellen sollen, erklärte der Tropen Verlag in einer Pressemitteilung. Im Tropen Verlag ist in diesem Herbst Elena Tregubovas Buch auf deutsch erschienen. Ein Teil des Buches war vor drei Jahren in Rußland veröffentlicht worden und dort zu einem Bestseller avanciert.
Elena Tregubova, 33 Jahre alt, war bis zu dieser Veröffentlichung Korrespondentin der Moskauer Tageszeitung Kommersant gewesen, sie hatte eine Akkreditierung für den Kreml und lernte die Machthaber des neuen russischen Systems unmittelbar kennen, darunter vor allem Wladimir Putin. Nach der Veröffentlichung des aufsehenerregenden Buches wurde ihr die Arbeitsstelle bei der Zeitung gekündigt.
Bombe vor der Tür
In ihrem mit vielen persönlichen Berichten aus ihrem Leben als Journalistin an den Treppenstufen der Macht angereicherten Buch rechnet sie mit den korrupten Machenschaften des Kreml unter Putin ab, den sie, wie sie stolz berichtet, bei einem Sushi-Essen kennenlernte, als er noch beim KGB war (offenbar gehen Russen bei besonderen Anlässen immer gerne Sushi essen, denkt man sich angesichts des ermordeten ehemaligen KGB-Mitgliedes Alexander Litwinenko, der unmittelbar vor seiner Vergiftung auch ein Sushi-Lokal aufgesucht hatte).
Damals, vor drei Jahren, hatte sich die Auslieferung des Buches von Elena Tregubova aus unerklärlichen Gründen verzögert, die Exemplare, die bei der Frankfurter Buchmesse 2003 am Stand ihres Kleinverlegers vorrätig waren, gerieten ins Zirkulieren und trieben die Neugier in die Höhe, so daß bald nur zahlreiche Raubkopien für kurze Zeit in Rußland kursierten, bis die gedruckten Bücher endlich da waren. Anfang 2004 detonierte eine Bombe vor der Tür ihrer Wohnung in Moskau, irgendwelche Täter wurden nicht gefunden. Der Ermittler, so steht es in dem Buch über die Mutanten, fragte sie: Kennen Sie zufällig einen gewissen Litwinenko? - was sich heute wie ein Menetekel liest.
Lebensbedrohliches Risiko
Auf den letzten Seiten ihres Berichtes über die Mutanten im Kreml hatte Elena Tregubova die Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, bei ihrem Treffen mit Wladimir Putin, den mit dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Männerfreundschaft und ein Gasgeschäft verbindet, weiblichen Verstand und weibliches Herz zu bewahren und immer all der Menschen zu gedenken, die in diesem Land in Lebensgefahr schweben. Im Oktober 2006 ist die russische Journalistin Anna Politkowskaja ermordet worden, die gerade an einem Artikel über die russischen Untaten in Tschetschenien saß.
Jetzt hat sich Elena Tregubova versteckt. Der Tropen Verlag, der sie nicht erreichen kann, mutmaßt, daß ein Kontakt mit der westlichen Öffentlichkeit offensichtlich für sie ein lebensbedrohliches Risiko darstellt.
Text: F.A.Z., 15.12.2006, Nr. 292 / Seite 48
Bildmaterial: AFP