Satire

Erzähl den Kattowitz

Von Jörg Thomann

Dankbares Opfer: Lech Kaczynski

Dankbares Opfer: Lech Kaczynski

10. November 2006 Eine der frühesten, mit Sicherheit aber die eigenartigste Ehrenrettung der deutschen Soldaten nach den Skandalfotos aus Afghanistan lieferte „Spiegel online“. Der Internetdienst präsentierte eine Fotoserie, auf der junge Männer in Bundeswehruniform sich als vorbildliche Mitglieder der Gesellschaft präsentieren, die Straßenbäume gießen oder Münzen in Parkuhren einwerfen. Vorschriftsmäßig halten sie dabei, wie die Bildunterschriften mitteilen, ihren Penis in der Hand.

Wer heute bei „Spiegel online“ nach besagten Fotos sucht - auf denen, das sollte nicht unerwähnt bleiben, keine echten, sondern überdimensionale Gummigemächte zu sehen waren -, der wird sie nicht finden, auch nicht über Google: Die Verantwortlichen haben sie sperren lassen. So landete der erste große Beitrag der Satire-Rubrik „Spam“, die sich „Spiegel online“ seit kurzem von dem ehemaligen „Titanic“-Chefredakteur Martin Sonneborn und zwei Mitstreitern liefern läßt, binnen kurzem im virtuellen Nirwana. Bislang, sagt Sonneborn, sei es der einzige Fall geblieben, in dem dies geschehen sei.

Ein naheliegender Weg

Daß eine journalistische Website eine Satire-Sektion anbietet, ist nur auf den ersten Blick ungewöhnlich. Tatsächlich ist es eine Reaktion auf die zunehmende Professionalisierung der Nachrichtenseitenseiten im Netz und den damit verbundenen steigenden Konkurrenzdruck. Meldungen, Berichte und Reportagen findet der Leser mittlerweile fast überall; es gilt, sich von anderen abzuheben, und ein naheliegender Weg ist Humor. Schließlich ist das Internet ein Medium, das viele Nutzer vor allem zur Unterhaltung nutzen: Sie wollen lachen - gern und vor allem auch über andere. Ohne dieses Phänomen wäre der Erfolg einer Trashfilm-Plattform wie „Youtube“ nicht denkbar.

Mit Bewegtbildern arbeitet auch „Spam“, wo in der Rubrik „Hinterbänkler heute“ der vermeintliche Interviewer Sonneborn bedauernswerte Bundestagsabgeordnete auf fiese Weise aus dem Konzept bringt; in der weisen Vorahnung, daß sich nach der Versendung der ersten Filme keine neuen Opfer mehr finden lassen werden, sind etliche der Werke im voraus gedreht worden. Für ein „seriöses Medium“, sagt der Satiriker, habe „Spiegel online“ ihm und seinem Team bemerkenswert viel Vertrauen entgegengebracht. Das freilich, siehe die Bundeswehrfotos, rasch wieder entzogen werden kann. „Spam“ wird von beiden Seiten offen als Experiment verkauft. Sonneborns Vertrag läuft über ein halbes Jahr, danach wird Bilanz gezogen.

Bohlen, Biedermann, Diekmann

Schon einige Wochen länger online ist „Glasauge“, die Satire-Rubrik von „Welt.de“. Während „Spam“ sich am klassischen „Titanic“-Stil orientiert, ist der Ansatz der „Glasauge“-Autoren Matthias Heine und Josef Engels deutlich feuilletonistischer. So gibt es hier mit beträchtlichem Aufwand erstellte Kurzversionen der Gerhard-Schröder-Memoiren zu lesen, wie sie Ghostwriter verfaßt haben könnten - von Günter Grass über Elfriede Jelinek bis zu Judith Hermann. Spürbar ist auch der Ehrgeiz der Satiriker, dem eigenen Haus zu zeigen, daß man sich ganz schön was traut. So ist auf einer Collage mit der Schlagzeile „Wirklich schade! Die Deutschen sterben aus“ neben Schreckgestalten wie Dieter Bohlen und Jeanette Biedermann auch der Chefredakteur der verschwisterten „Bild“-Zeitung zu sehen.

Bei ihrem jüngsten Versuch, für das eigene Treiben in den unendlichen Weiten des Online-Universums mehr Aufmerksamkeit zu erhaschen, haben sich die Glasäugler leider wenig geistreich gezeigt, indem sie sich ein allzu leichtes Opfer wählten: die Polen, die aus historisch verständlichen Gründen besonders sensibel auf Äußerungen aus dem Nachbarland reagieren und augenblicklich mit einer überaus humorlosen Regierungsspitze gestraft sind. Nachdem die Kaczynski-Brüder zuvor schon der „taz“ die Ehre erwiesen, einen humoristisch mißglückten Artikel persönlich zu nehmen, folgten auch auf die zwanzig mühsam zusammengeklaubten „Glasauge“-Tips, wie man den Graben zwischen Polen und Deutschen wieder zuschütten könne (“Neuwagen nicht mehr abschließen“, „Öfter mal einen launigen Kattowitz erzählen“) die erhofften Reaktionen aus der polnischen Politik und den Medien. Zwar erwies sich der zunächst kolportierte Protest des polnischen Botschafters in Berlin als wenig spektakuläres Schreiben eines Presse-Attachés, eine Wortmeldung des stellvertretenden Außenministers aber durfte das „Glasauge“ einstreichen.

Zurückgeschossen mit Pickelhauben

Doch fallen die Polen-Witze auf „Welt.de“ selbst hinter den frühen Harald Schmidt weit zurück und offenbaren, daß ihre Autoren erstens sehr wenig über Polen wissen und zweitens annehmen, daß dies auch für ihre Leser gilt. Daß der polnische Boulevard ähnlich plump zurückschoß - und zwar mit Pickelhauben -, war zwangsläufig und bot der „Welt“ die Gelegenheit, nicht ohne Stolz vom durch die eigene Internet-Crew ausgelösten „deutsch-polnischen Satire-Streit“ zu berichten.

Als „Titanic“-Chef, sagt Martin Sonneborn, genoß er „die größte Freiheit, die ich je in meinem Leben hatte“. Bei „Spiegel online“, wo „Spam“ am unteren Ende der Seite unter einem schwarzen Balken plaziert ist, kann er nun zwar wesentlich schneller reagieren als einst bei der monatlich erscheinenden „Titanic“, andererseits sind ihm nun engere Grenzen gesteckt. Die will er nun austesten. Bei harmlosen Späßen wie dem, daß die schwangere Franziska van Almsick eine Wassergeburt plane, enden sie jedenfalls nicht.

Ein anderes Problem deutet sich freilich schon an: Je stärker die Online-Medien auf Satire setzen, desto größer wird auch in diesem Bereich die Verwechselbarkeit. So geschehen am Donnerstag, als aus gegebenem Anlaß sowohl „Spam“ als auch „Glasauge“ über einen Mann auf einem Dach witzelten: Bei den einen stieg George W. Bush aufs Weiße Haus, bei den anderen versuchte Donald Rumsfeld, aufs Kapitol zu klettern.

Text: F.A.Z., 11.11.2006, Nr. 263 / Seite 47
Bildmaterial: AFP

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