
Die "Spiegel"-Gruppe weiß zwar schon, wie ihr neues Heim aussehen, aber noch nicht wer der neue Chef-Redakteur sein soll
25. November 2007 Verhuschte Gestalten, hektisches Abwinken, bloß sagen, dass man nichts sagt: Das NDR-Medienmagazin Zapp brachte diese Bilder von der Pforte der Hamburger Spiegel-Zentrale, und das Herz konnte einem schwer werden, kannte man das Draufhalten auf störrisch verschwiegene Mitarbeiter doch aus den Sternstunden von Spiegel-TV, wenn die Kollegen irgendeiner Lebensmittelschweinerei auf die Spur gekommen waren.
Nun steht der weltweit als unerschütterliches Instrument der Aufklärung geachtete Spiegel-Verlag selbst im Fokus der Aufmerksamkeit, verbindet sich mit der Personalkrise doch die Sorge, die Unabhängigkeit des Blattes könne durch die unklaren Machtverhältnisse in Gefahr geraten. Die jetzigen Gesellschafter haben keine gemeinsame Linie und scheinen sich gegenseitig nicht zu trauen. Ist dies, die Ablösung des letzten noch von Rudolf Augstein selbst eingesetzten Chefredakteurs, der Beginn einer strukturellen Krise und somit gar das Einfallstor für einen neuen Eigentümer?
Die Spiegel-Leute sind in der Klemme: Einerseits dem Prinzip der Aufklärung und der Öffentlichkeit verpflichtet, sind sie doch vertraglich dazu angehalten, über Interna Stillschweigen zu bewahren. So sind ausgerechnet die Spiegel-Produkte, selbst Spiegel Online, frei von Nachrichten über das Thema, welches das Land weit über die Branche hinaus bewegt. Die Frage ist, warum niemand für diesen Krisenfall vorgesorgt hatte? Und warum man nicht gewartet hat, bis der Nachfolger gefunden war?
Die Quittung
Dass Stefan Aust die Fußstapfen des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein ganz gut ausfüllen konnte, das streiten ja selbst die Leute nicht ab, die ihn nun aus dem Amt gejagt haben. Was sie ihm vorwerfen, klingt eher nach akuten als nach chronischen Beschwerden: Die Titel seien immer schlechter geworden, rückwärtsgewandt, nur noch auf Jahrestage und Jubiläen ausgerichtet. Dass sie sich aber verkauft haben, ja dass es dem Spiegel insgesamt so gut geht wie selten in seiner Geschichte, das ist anscheinend Glück. Oder Schicksal. Oder irgendetwas anderes als der Erfolg des Stefan Aust.
Ganz offensichtlich konnte nicht einmal der Blick der Mitarbeiter auf ihre jährlich steigenden Dividenden dazu beitragen, sich die Aversionen gegen ihren Chef noch zwei weitere Jahre gut bezahlen zu lassen. Als Sollbruchstelle im Vertrag hat der Spiegel-Minderheitsgesellschafter Jakob Augstein im Gespräch mit dieser Zeitung den jetzigen Zeitpunkt beschrieben. Dass Aust in letzter Zeit die Kommunikation mit dem Geschäftsführer Mario Frank verweigerte, den ihm die Mitarbeiter KG Anfang des Jahres vorgesetzt hatte, lässt sich womöglich nachvollziehen: wenn man, nur zum Beispiel, den Gerüchten Glauben schenkt, wonach einer von Franks Helfern als erste Amtshandlung die Spesenquittungen Austs aus den letzten dreizehn Jahren durchforstet habe. Als Kitt für ein zerrüttetes Verhältnis funktioniert ein derart abweisendes Verhalten trotzdem kaum - nicht nur, weil es dem Verlag Gruner + Jahr, dem Frank freundschaftlich verbunden ist, die Solidarität mit der Mitarbeiter KG nicht unbedingt schwerer macht.
Die Eigentümerstruktur macht diesen Fall wirklich singulär. In keiner Zeitung der Welt wird der Chefredakteur von den Redakteuren gewählt. Nicht einmal Aust hätte zu Beginn eine Mehrheit gehabt. Augstein trat damals mit der Frage an die Mitarbeitervertreter heran, ob sie denn einen Kandidaten für den Chefposten hätten; als sie verneinten, benannte er Stefan Aust.
Der Bessere
Fassungslos sieht man den uneinigen Eigentümern nun bei der Suche nach einem Nachfolger zu. Auch unter den Spiegel-Mitarbeitern gibt es viele, Redakteure, Korrespondenten, Ressortleiter, die nicht glauben können, was in den vergangenen Tagen passierte: nicht die Namen auf der Liste möglicher Nachfolger, nicht das Verfahren, mit dem man einen neuen Chef sucht, und am wenigsten die Orientierungslosigkeit, die das alles offenbart. Ist euch eigentlich klar, fragen sie ihre Kollegen, wie gut Aust war? Wie genial (ein Ressortchef), wenn es darum ging, nicht nur das richtige Titelthema, sondern auch Bild, Grafik, Titelzeile zu finden. Das (sagt zum Beispiel sein Stellvertreter Joachim Preuß, der schon angekündigt hat, mit Aust gemeinsam abzutreten) mache ihm keiner nach.
Aber vor allem: Wenn ihr Aust schon stürzt - habt ihr einen Besseren?
Nein, lautet die Antwort, die schon allein die Liste der Kandidaten gibt, die im Laufe der Woche nach und nach ihren Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat. Namen wie der ARD-Moderator Frank Plasberg standen darauf, Volker Herres, der NDR-Fernsehdirektor, der schon lange als Nachfolger des ARD-Programmdirektors Günter Struve im Gespräch ist, Uwe Vorkötter, der Chefredakteur der Frankfurter Rundschau ist. Diese Vorschläge sind so originell, dass man schon allein deshalb vermuten muss, dass sie tatsächlich debattiert werden; selbst den spekulierwütigsten Medienjournalisten wäre es nicht gelungen, sich eine derart unglaubwürdige Mischung auszudenken.
Bestätigt werden diese Namen auch von besorgten Spiegel-Redakteuren, die sich nun wundern, warum niemand darunter ist, der irgendwann einmal zumindest angedeutet hätte, dass er, zum Beispiel, Auflage machen, halten oder gar steigern kann. Und jene, denen man den Erfolg schon zutrauen würde, wie dem Spiegel Online-Chef Mathias Müller von Blumencron, sind, wie man hört, schon wieder aus dem Rennen, weil sie das politische Wunschprofil nicht erfüllen.
Die Wohngemeinschaft
Einen angemessen nervenstarken, selbstbewussten und erfahrenen Profi für den Job zu finden wird schon durch das Verfahren erschwert, das eher an die Bewerbung um ein WG-Zimmer erinnert: Offenbar muss man sich das so vorstellen, dass da, an einem großen Tisch, der gesamte Vorstand der Mitarbeiter KG (die Redakteure Marianne Wellershoff und Armin Mahler, Cordelia Freiwald aus der Dokumentation, die, nach Aussage manches Redakteurs, beim Faktenchecken den Autor gern auch darauf hinweist, dass sich reaktionäre Tendenzen in seinen Artikel eingeschlichen hätten, und zwei Herren aus dem Mittelbau des Verlags, Rainer Buss und Thomas Hass) sowie der Geschäftsführer Frank sitzen und die Bewerber einem Kreuzverhör unterziehen. Schon jetzt sei das Amt so beschädigt, meint ein Ressortchef, dass keiner es annehmen könne, keiner jedenfalls, der dafür groß genug sei.
Auch aus den eigenen Reihen aber bringt sich niemand ins Spiel, niemand aus der eigenen Führungsriege scheint sich den Job zuzutrauen, was davon zeugt, dass selbst die größten Fans des alten Chefs unter einem gewissen Aust-Komplex leiden. Nur der unerschütterliche Amerikakorrespondent und Bestsellerautor Gabor Steingart hofft noch, wenigstens ist er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und in der Branche respektiert. Doch der Mann, den wohl jeder deutsche Verleger spontan empfangen würde, bekam beim Findungsausschuss nicht mal einen Termin, was zeigt, dass auch die neuen Chefs nicht ganz frei von Arroganz sind.
Die Linke
Sein Referat hielt Steingart dann doch noch. Am Donnerstagabend wurde er von der ING-Direktbank mit dem Helmut-Schmidt-Preis für Wirtschaftsjournalismus ausgezeichnet und nutzte die Gelegenheit, in seiner Dankesrede für Führungsstärke zu plädieren und gegen einen Journalismus, der sich im Links-rechts-Denken verliere. Den Eindruck, es gehe bei der Suche nach dem neuen Chef eher um Gesinnung als um Kompetenz, teilen viele Redakteure: Hauptsache links, laute die Maxime des Suchtrupps, heißt es, und man braucht schon von daher nicht auf eine schnelle Einigung zu hoffen: Agendalinks? Oskarlinks? Vonderleyenlinks?
Einig ist man sich in dieser Gruppe vor allem in dem, was man nicht möchte. Von einer Revolte der Frauen ist die Rede, die es dem Männerregime mal zeigen wollten, das sie schon traditionell schlecht behandele; vom Putsch all derjenigen, die immer glauben, zu kurz gekommen zu sein: die Dokumentare, allesamt Akademiker, die glauben, sie hätten Besseres verdient; und auch all jene Redakteure, die zwar, einerseits, wahnsinnig gut bezahlt, andererseits aber dem Spiegel-Establishment dafür böse sind, dass die eigene Karriere stagniert; sie alle hätten sich zusammengeschlossen, um es denen da oben mal zu zeigen.
Und wenn die Krise beigelegt ist, wird sie für die Beteiligten erst richtig beginnen. Jede Woche Mittwoch kommen die Verkaufszahlen, die sich sehr stark nach Zeile und Bild des Titels richten. Diese Last muss der oder die Neue schultern. Eine Woche, zwei Wochen darf die Zahl vom Soll abweichen, aber spätestens beim dritten enttäuschenden Titel wankt, so lieb und links der neue Chef auch sein mag, das ganze Haus.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.11.2007, Nr. 47 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
Das Leben ist eine Baustelle: "Lohengrin" in ![]()
Retter in Not im Fernsehen: Zeit kaufen in der Krise
Ausstellung in Paris: Ich Tarzan, du Leser
Verrücktes A: wie das @ zu seinem Namen kam
Die Kunst zu verschwinden: Rem Kohlhaas' multifunktionaler Zauberwürfel Transformer in Seoul