Von Michael Hanfeld
02. April 2007 Na also. Geht doch. Wer sagt's denn. Erst die Latex-Fotos in der Park Avenue, dann ein Auftritt bei Sabine Christiansen. Als nächstes Beckmann und Kerner, Maischberger, vielleicht sogar Harald Schmidt. Ganz gleich, zu welchem Thema, ganz gleich, zu welchem Anlass. Dabei sein ist alles, und sei es nur körperlich. Mit Körperpolitik kann man schließlich nicht nur Probleme aussitzen, sondern anderen auch durch schiere Präsenz welche bereiten. Wobei, man muss es sagen, Gabriele Pauli es ihrem Publikum nicht leicht macht.
Denn zum Thema der christiansenschen Diskussionsrunde - stellt euch vor, es ist Aufschwung und keiner merkt was davon - hatte sie denkbar wenig beziehungsweise gar nichts zu sagen. Sie saß halt auch dabei - in dezentem Weiß - in dieser kunterbunten Expertenrunde zum 1. April, zwischen dem ZDF-Moderator Peter Hahne und dem Unternehmensberater Roland Berger, den SPD-Politiker Ludwig Stiegler, den Chef des Berliner Spiegel-Büros Gabor Steingart und Sahra Wagenknecht von der Linkspartei nicht zu vergessen.
So ein Foto-Shooting ist etwas ganz Nettes
Nicht einmal zu den Fotos wusste die CSU-Politikerin, die nicht mehr Landrätin sein, sondern große Politik steuern will, sich eindeutig zu verhalten. Unter der Woche hatte sie die Redaktion der Park Avenue scharf angegriffen, ihr den Verstoß gegen angebliche Absprachen unterstellt und eine Beschwerde beim Presserat angekündigt. Und in der Sendung sagt sie dann doch glatt, dass sie den Rummel um die Bilder nicht erwartet habe: Mich hat verwundert, was schwarze Handschuhe so für Phantasien bei den Menschen, vor allen Dingen bei den Männern, wohl auslösen und damit dann Fotos, die für mich ästhetisch schön sind, auch einen künstlerischen Anspruch haben, auf einmal in eine bestimmte Ecke stellen. So ein Foto-Shooting, meinte Gabriele Pauli weiter, mache vielen Frauen auch Spaß, und es ist etwas ganz Nettes.
Ja, wie denn nun: Ganz nett oder Assoziationen aufrufend, mit denen sie nichts zu tun haben will? Künstlerischer Anspruch oder journalistische Sauerei? Presserat oder Publicity? Und welche Gedanken unterstellt Sie uns noch gleich?
Trainingshöhle für den Heilsbringer der Nation
Sabine Christiansen geht solcherlei Widersprüchen selbstverständlich nicht nach. Jeder sagt, was er sagen will, auch wenn es nichts zur Sache tut, bis die Talkstunde rum ist. Und man muss sich mit den Bildern von Gabriele Pauli ja auch wirklich nicht lange aufhalten. Bemerkenswerter ist, dass bei Christiansen plötzlich, nach tausendundeiner Sendung, in der es um den kurz bevorstehenden Untergang des Abendlandes, beginnend zwischen Flensburg und Passau, am Sonntag Abend Frohsinn und Heiterkeit herrschten. Eitel Sonnenschein. Wirtschaftswachstum. Steuereinnahmen in Rekordhöhe. Es ist, als hätte jemand im Studio den Kippschalter umgelegt: Licht an, Gedächtnis aus, WM-Stimmung rein, auf die Plätze, fertig - Knut.
Um Knut, den kleinen Eisbären aus dem Berliner Zoo, ging es nämlich tatsächlich auch in dieser Sendung: Knuts Leibarzt war zu Gast und schilderte, wie man den Bären in den letzten Wochen ganz vorsichtig auf seine Rolle als Heilsbringer der Nation vorbereitet hat. In einer künstlichen Eishöhle. Und ganz im Ernst.
Immer muss erst jemand von Linksaußen kommen
Warum der Unternehmensberater Roland Berger wiederum - auch ganz im Ernst, ohne Eis - wenn es um die Betrugsskandale à la VW und Siemens geht, darauf hinweisen muss, dass Bestechung bis 1999 noch steuerlich absetzbar gewesen sei (da geht es allerdings um Schmiergelder im Ausland und nicht um illegale Geldflüsse hierzulande), fragt man sich schon. Und mehr noch, was die Floskel soll, dass die Kultur gesamter Belegschaften vor ein paar Jahren nicht so ohne gewesen sei. Haben wir das irgend was verpasst? Sind die Kollegen aus der Endmontage von VW zwischen Lissabon, Paris und Rio hin- und hergejettet oder nicht doch ein paar Herren aus den oberen Etagen? Und bei Siemens genauso?
Es ist schon ziemlich ärgerlich, dass in Gesprächsrunden wie dieser immer erst jemand von Linksaußen wie hier Sahra Wagenknecht darauf hinweisen muss, dass wir in einer Zeit leben, die den Manchester-Kapitalismus als Blaupause für den ganzen Globus kennt. Die Arbeitskraft zählt immer weniger und dem Kapital wird der rote Teppich ausgerollt, sagte der Spiegel-Mann Gabor Steingart. Leider endet an diesem Punkt immer die Sendezeit. Gerade wenn es spannend werden und endlich mal jemand erklären könnte, inwiefern es die Gesellschaft voranbringt, dass die einen nehmen, was sie kriegen können und die anderen nie was nehmen können, weil für sie - nach jahrelangen Nullrunden hat man sich schließlich auch dran gewöhnt - nichts mehr zu kriegen ist. Es sei denn, sie gehen in die Wirtschaft und werden Berater oder gehen in die Politik und lassen ein paar Fotos machen. Aber besser nicht in Latex. Sondern mit Eisbär.
Bildmaterial: AP
