Protest in Köln

Tausende gegen „Tatort“

Von Andreas Rossmann

Deutliche Ansagen in Köln

Deutliche Ansagen in Köln

30. Dezember 2007 Am Eingang zum WDR am Kölner Wallrafplatz lehnt ein Trauerkranz. Auf der weißen Schleife steht „Alevitische Gemeinde in Deutschland“. Auch Trauer ist eine Farbe der Empörung, die sich hier gegen den NDR-Tatort „Wem Ehre gebührt“ artikuliert. (Siehe auch: „Tatort“-Regisseurin Maccarone im Interview) Um das Glasportal stehen rund hundertfünfzig Menschen, Männer, Frauen, ein paar Familien mit ihren Kindern. „Ja zur Presse- und Kunstfreiheit, Art. 5 GG , Nein zur Verletzung der Würde des Menschen, Art. 1 GG“ manchmal nur „Pressefreiheit Ja, Rufmord Nein“ steht auf den kleinen Plakaten.

Aber auch sarkastische Wendungen wie „ARD konvertiert zum Islam“ oder „Schleichwerbung für Fundamentalisten“ finden sich darunter. Die Erregung ist moderat, und als ein junger Mann anfängt, eine Losung zu skandieren, wird er von Ordnern beschwichtigt. Mehr als eine Protestnote, die eine Delegation einer hierfür angereisten NDR-Redakteurin im Funkhaus abgibt, steht nicht an. Als die kleine Gruppe nach zehn Minuten wieder heraus kommt, ist der Auftritt auch schon vorbei. Nur der Kranz bleibt.

„Wir sind aus ganz Deutschland angereist“

Der Kölner Domplatz fest in alevitischer Hand

Der Kölner Domplatz fest in alevitischer Hand

Um die Ecke, vor der Westfassade des Doms, wie auch auf dem Roncalli-Platz auf der Südseite, ist alles fest in alevitischer Hand. Wer zu Mondrian ins Museum Ludwig oder zu den Unterweltfotos der Kölner U-Bahn-Archäologie ins Römisch-Germanische Museum will, muss einen Umweg nehmen. Auch hier bestimmen Plakate, Fahnen und Spruchbänder das Bild, aber mehr noch die vielen bunten Regenschirme. „Wer religiöse Gefühle verletzt, verletzt auch den Menschen“ heißt es, „Warum sendet die ARD die Verleumdungen von Islamisten?“ wird gefragt, und ARD wird mit „ahnungslos“, „radikal“, „diskriminierend“ buchstabiert.

Doch das Spektrum reicht noch weiter; von „Angelina Maccarone - Geistige Brandstiftung!“ bis zu „Was immer du suchst, du musst es bei dir selber suchen! Nicht in Jerusalem, nicht in Mekka, nicht in der ARD!“ Der Roncalli-Platz ist dicht besetzt, doch die Demonstration wirkt ungeordnet, ohne Mittelpunkt zerfällt sie in Gruppen, die sich um Spruchbänder und fliegende Teestuben scharen oder Schutz vor dem Regen suchen. Worauf die Unmutsbekundungen, gellende Pfiffe, die von aggressivem Beifall begleitet werden, reagieren, ist nicht recht auszumachen.

Steinmeier: Krimi dreht sich um einen Einzelfall

Offenbar geht es zunächst und vor allem darum, Präsenz zu demonstrieren, zu zeigen, „wieviele wir sind“, so ein junger Mann. „Aus ganz Deutschland sind wir angereist“. Bis nach Ravensburg, Nürnberg und Hildesheim reicht, so steht es auf den Fahnen, das Einzugsgebiet. Erst nach einer Stunde, gegen vierzehn Uhr, wird auf der Nordostecke des Platzes fast genau unter dem neuen Südquerhausfenster von Horst Richter auf der Lastwagenpritsche eine Art Bühne aufgeschlagen, doch die Redner wiederholen, auf Türkisch und Deutsch im Wechsel, vor allem, was schon auf den Plakaten steht: „Keine Kunstfreiheit zu Lasten unserer Ehre“ oder „Verständnislos, aber nicht ehrenvoll“.

Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnte indes vor einem religiösen Kulturkampf. „Drehbuchautoren und Künstler müssen wissen: Gegenüber religiösen Gefühlen der Menschen, egal um welchen Glauben es sich handelt, sind Respekt, Umsicht und Behutsamkeit geboten“, sagte er am Sonntag. Der jetzt kritisierte Fernsehkrimi habe sich aber nicht allgemein mit den Aleviten beschäftigt, sondern mit einem Einzelfall. „Er darf kein Anlass für einen religiösen Kulturkampf sein.“

„Wir sind die Modernen“

Kopftücher sieht man in Köln kaum. Auffallend ist der hohe Anteil von jungen Leuten, die Frauenquote dürfte bei vierzig Prozent liegen. „Wir sind doch die Modernen, die Aufgeklärten, die für einen säkularen Staat eintreten und nicht die Sunniten“, heißt es immer wieder in den Gesprächen am Rande, „warum werden wir beleidigt?“

Die Polizei spricht von acht- bis zehntausend Teilnehmern

Die Polizei spricht von acht- bis zehntausend Teilnehmern

Dabei vermittelt sich auch der Eindruck, dass der „Tatort“ eher ein Anlass als das Ziel des Protestes ist: Bei aller Empörung darüber, dass der Vater, der sich an seinen Töchtern vergeht, ein Alevit ist, geht es darüber hinaus darum, sich gegen den seit Jahrhunderten von den Sunniten erhobenen Inzest-Vorwurf unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit zu wehren. Kurz nach fünfzehn Uhr übernimmt ein türkischer Sänger die Bühne und kann sich mehr Gehör verschaffen als die Redner vor ihm. „Alles ruhig, absolut problemlos“, sagt ein Polizist, der von acht- bis zehntausend Teilnehmern spricht. Der Kranz vor dem Eingang des WDR steht immer noch.

Text: F.A.Z., 31.12.2007, Nr. 303 / Seite 34
Bildmaterial: AP, dpa

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