06. Mai 2007 Für 19,90 Euro holte ich mir kürzlich Jack Bauer ins Haus. So viel kostete in irgendeinem Ausverkauf die erste Staffel der Fernsehserie 24 auf DVD, und mehr war er mir damals auch nicht wert, doch das änderte sich schnell. Ich kaufte die folgenden Staffeln so schnell wie möglich und zu erheblich teurerem Preis hier und in England zusammen und konsumierte sie, wenn es irgend ging, sofort. Jack Bauer nahm mein Leben in Besitz, fünfmal vierundzwanzig Stunden lang, was der Laufzeit von 33 DVDs inklusive Bonusmaterial entspricht. Er beschäftigte mich mehr, als ihm zustand, und er erschütterte Sicherheiten, die unumstößlich schienen. Zum Beispiel die, dass Fernsehserien für eine Spezies produziert werden, der ich nicht angehöre; dass der Fernsehsender Fox, bei dem 24 in den Vereinigten Staaten herauskommt, ausschließlich hochreaktionäre Ware unters Volk bringt; dass ich meine Freundschaften unter keinen Umständen vernachlässige; dass ich mehr als vier Stunden Schlaf brauche, um halbwegs zu funktionieren, und dass ich jede Möglichkeit, nach draußen zu gehen, und sei's ins Kino, Stunden im Fernsehsessel vorziehe. Alles falsch, solange Jack Bauer noch etwas zu tun hat.
Jack Bauer ist, wie vermutlich jeder weiß, der die vergangenen Jahre nicht auf dem Mond verbracht hat, und wie auch ich natürlich wusste, lange bevor ich ihn in mein Leben ließ, der Held der Realzeitserie 24, die ins Genre des Politthrillers fällt und auf immer dieselbe Weise funktioniert. Amerika ist bedroht, die Ermordung des Präsidenten, ein terroristischer Angriff mit Nuklear- oder Biowaffen stehen unmittelbar bevor, und CTU, die Counter Terrorist Unit, der Jack Bauer angehört, vorsteht oder mit der er kooperiert, je nachdem, in welcher Staffel wir uns befinden, läuft auf Hochtouren, um den Anschlag zu verhindern. Das dauert, dem Titel gehorchend, jeweils vierundzwanzig Stunden, in denen niemand schläft, niemand isst, die Zeitbombe tickt und viele Menschen sterben. Und jede Folge endet mit einem unerträglichen Cliffhanger, der es unmöglich macht, ins Bett zu gehen, bevor man weiß, ob gleich jemand ins Leere fällt - bis Erschöpfung den langen Abenden dann doch ein Ende setzt. Während der Werbeunterbrechungen, die auf DVD natürlich ausgespart sind, läuft zum Ton eines Herzschlags eine digitale Uhr, die die Minute anzeigt, in der es weitergeht.
Schuss ins Knie
In 24 sind alle Mittel erlaubt, es geht blutig zu, keine Seite schreckt vor irgendetwas zurück, nicht vor der hinterlistigsten Gemeinheit, nicht vor der unbeschreiblichsten Grausamkeit. Wenn er einen Verdächtigen verhört, der nichts aussagen will, schießt Jack Bauer ihm schon mal ins Knie. Umgekehrt wird er von Terroristen erpresst, die seine Frau und Tochter entführen, seine Freundin anstechen oder von ihm verlangen, dass er seinen Vorgesetzten tötet. In keiner anderen Serie, keinem anderen Film fände der Held hier etwa keinen Ausweg. Jack Bauer aber tut, wozu er gezwungen wird, um seinem Land wenigstens einen kleinen Katastrophenaufschub zu erkaufen. Am Anfang, in der ersten Staffel, in der er selbst gezwungen werden soll, den Präsidenten zu ermorden, um seine Familie zu retten, haben seine Aktionen noch einen doppelten Boden. Später nicht mehr unbedingt. Dann sagt er: It had to be done, und die Geschichte geht weiter. Der Vorgesetzte stirbt tatsächlich von seiner Hand.
Meine Kapitulation vor dem Serienhelden, dem andere schon mehr als fünf Jahre früher verfallen waren, hatte nichts mit einer äußeren Attraktivität zu tun. Jack Bauer, stoisch und als Superprofi verkörpert von Kiefer Sutherland, kann zwar alles, wovon Männer träumen, hat Frauen aber wenig zu bieten. Als er im Herbst 2001 zum ersten Mal auf dem Bildschirm erschien, lebte ich noch in New York, und eine Serie über Terroranschläge, auch wenn jedermann von ihr sprach, war das Letzte, was ich brauchte. Außerdem, das immerhin ist so geblieben, sehe ich sowieso keine Serien im Fernsehen, weil ich das Warten auf Fortsetzungen hasse und weil die Unsicherheit, die sich zwischen den einzelnen Episoden darüber einstellt, wer die Figuren eigentlich seien, ob ich mich in ihnen irren könnte und ob sie beim nächsten Mal überhaupt in die Handlung eingebunden sein würden, mir unangenehm ist.
Seit die Serien auf DVD erscheinen und man die Folgen, solange die Kondition mitmacht, hintereinanderweg sehen kann, entfällt das alles, und es entsteht etwas ganz Neues, eine Wahrnehmung, die kein anderes Medium ermöglicht, eine Infiltrierung des Alltags mit etwas, das keinerlei Identifizierung braucht, um uns völlig in Bann zu schlagen. Wir können eintauchen in eine Handlung, die im Vergleich zu halbwegs üblichen Filmen endlos ist - so scheint es jedenfalls zu Beginn der ersten Staffel, bis in der vierten oder fünften dann die Ahnung dämmert, bald sei es nun doch vorbei. Das eigene Leben wird stillgestellt, nicht etwa eins geworden mit dem Seriengeschehen, sondern verschwunden hinter immer neuen Fortsetzungen. Die Frage, wie es weitergeht, scheint dringlicher als alles andere. Und weil in 24 nicht nur die Terroristen, sondern auch Jack Bauer völlig unberechenbar sind und Unerhörtes tun, zum Beispiel von den Toten auferstehen, ist die Frage, wie es weitergeht, tatsächlich offen.
Vor einigen Wochen erschien im New Yorker ein Artikel von Jane Mayer mit dem Titel Whatever It Takes (das ist eine der stets wiederkehrenden Anweisungen an Jack Bauer, die Terroristen aufzuhalten, koste es, was es wolle) über die politischen Absichten des Produzenten und die politischen Implikationen der Serie, was nicht dasselbe ist.
Das FBI beunruhigende Folterszenen
Joel Surnow, der 24 erfunden hat, ist ein strammer Rechter, seine Absicht mit der Serie war nach eigener Auskunft eine patriotische, doch er wollte natürlich auf keinen Fall, dass amerikanische Soldaten im Irak es nun für selbstverständlich halten, ihrerseits beim Verhör einem Verdächtigen ins Knie zu schießen. Weil dies und anderes, was in der Serie geschieht, wohl tatsächlich unter GIs als kriegstauglich nachgeahmt wird, bekamen die Schöpfer der Serie im vergangenen Winter Besuch von General Patrick Finnegan von der Militärakademie in Westpoint, begleitet von drei Verhörspezialisten des FBI und der Armee. Deren Sorge galt den immer wiederkehrenden Folterszenen in 24, in denen suggeriert würde, dass der Buchstabe des amerikanischen Gesetzes der Sicherheit des Landes geopfert werden müsse, wie Jane Mayer schreibt, um im Anschluss Finnegan mit dem Satz zu zitieren: Ich hätte gern, dass sie damit aufhören. Sie sollten eine Serie drehen, in der Folter fehlschlägt, nach hinten losgeht. Dass sich Menschenrechtsgruppen gegen die Serie ausgesprochen haben, eben weil so umstandslos gefoltert wird, versteht sich von selbst.
Als dieser Artikel erschien, war ich tief in Staffel 4 versunken, die von vielen als die bisher beste gepriesen wird (ich ziehe die fünfte vor, obwohl Jack Bauer darin eine wirklich scheußliche Frisur trägt, die sich innerhalb von 24 Stunden natürlich um kein Jota verbessert) und in der sich Amerikas hochgerüstete Kriegsmaschinerie gegen das Land selbst richtet. Die Aufeinanderfolge der Aktionen ist noch atemraubender als in den Staffeln zuvor, es geht nicht um einen Anschlag, sondern um eine ganze Folge von terroristischen Bedrohungen, und von Anfang an lösten Jacks Handlungen ein mulmiges Gefühl bei mir aus, weil er inzwischen ohne jede Legitimation unterwegs war (was sich im Lauf der Staffel dann allerdings ändert). CTU hat ihn, weil er sich ständig außerhalb der Regeln bewegte, verabschiedet, und Jack arbeitet jetzt für den Verteidigungsminister, einen Liberalen: als Sicherheitsberater, nicht als Bodyguard, also trägt er zumindest in den ersten Szenen einen Anzug. Und er ist verliebt. Er hat gelernt, dass Gefühle erpressbar machen, und sich gegen ein Leben als Agent entschieden statt für ein Leben ohne Gefühle. Doch als der Verteidigungsminister und mit ihm dessen Tochter entführt werden, steht Jack Bauer wieder genau an dem Punkt, an dem er nie wieder sein wollte: erpresst von Terroristen, die jemanden gekidnappt haben, der ihm viel bedeutet.
Die Folterungen in dieser Staffel, deren Opfer mitunter auch Jack Bauer selbst ist, jagen einander in fast lachhaftem Tempo, und die Lektüre des New Yorker-Artikels sorgte dafür, dass ich das wahrscheinlich besonders deutlich wahrnahm, allerdings als dramaturgische Schwachstelle und ohne dieselben Schlüsse daraus ziehen zu können. Hier geht es nicht darum, so scheint es mir, die vom Gesetz nicht gedeckten Verhörmethoden Jacks und anderer Agenten mit Blick etwa auf Guantánamo zu legitimieren, hier wird vielmehr ein Bild von Amerika entworfen, das jeden seiner Generäle tatsächlich um den Schlaf bringen sollte: Dies ist ein Land, sagt 24, in dem die reale Terrorgefahr benutzt wird, dreckige Geschäfte zu machen, und zwar mit den Terroristen. Dies ist ein Land, in dem das Gesetz nicht viel gilt, wenn es um weiterreichende Interessen mächtiger Gruppierungen geht, in die, wie die fünfte Staffel dann zeigt, durchaus auch der Präsident verwickelt sein kann. Dies ist ein Land, in dem das Gesetz innerhalb der wesentlichen Institutionen ausgehebelt wird, ein Land der vollständigen Überwachung seiner Bürger, ein Land, in dem der hingebungsvolle Patriotismus eines Jack Bauer dazu benutzt wird, verbrecherische Aktionen von Regierungsbehörden zu decken. Dies also ist ein Land, in dem Patriotismus nur mehr als Psychopathologie oder tödliche Naivität zu denken ist. Ein Schlaraffenland für Paranoiker?
It had to be done, Sir
Nicht nur. Das Ganze ist schillernder, als General Finnegan und auch Jane Mayer es wahrhaben mögen, obwohl der General wahrscheinlich auf der heißeren Spur ist als jene, die 24 nur für eine nahe am rechten Rand angesiedelte Serie halten, in der das amerikanische Publikum für den Kampf gegen den Terrorismus gestärkt und auf die Opfer persönlicher Freiheiten in dessen Namen vor- und nachbereitet werden soll. Und auch Jack Bauer ist nicht einfach der Beinahefaschist, als der er sich zunehmend gibt, der keine Werte kennt außer dem Schutz des Vaterlands zu jedem Preis und der vor seinem Präsidenten strammsteht, selbst am Telefon: Yes Sir, whatever it takes, Sir, thank you, Mister President. Oder eben: It had to be done, Sir. Wenn er nicht mit dem Präsidenten spricht, sondern mit Kollegen, Freunden oder Feinden, sagt er meistens: Copy that. Oder: Trust me oder I give you my word, was oft nicht gut ausgeht, oder auch: I'll be right back, was er nicht immer halten kann. An seinem Sprachvermögen jedenfalls liegt es nicht, dass ich nicht von ihm loskomme.
Schon eher liegt es daran, dass Jack Bauer ein Held in der Abstammungslinie der großen Heroen der amerikanischen Populärkultur ist, ein Nachfahre von John Wayne in The Searchers, der die Wildnis zivilisiert, oder Gary Cooper in High Noon, der das Städtchen befriedet. Nur, dass wir niemals sehen, für wen Jack Bauer den Frieden erkämpft - und uns damit die Enttäuschung erspart wird, die in den Western immer am Ende stand, wenn klar wurde, dass hier für die verklemmten Familien oder fröhlichen Dorfgemeinschaften gekämpft worden war, in denen man die Neurosen wachsen hörte. In 24 sieht man jenseits von CTU, jenseits des Aktionsradius Jack Bauers und des amerikanischen Präsidenten - der zwischen der dritten und vierten Staffel ohne großes Aufsehen wechselt - sozusagen nichts. Jack Bauer kämpft für eine Idee, und hoffentlich wird sich eine Gesellschaft finden, die ihrer würdig ist.
Der andere und vielleicht entscheidendere Unterschied zu den alten Helden der Gründungsgeschichte Amerikas ist, dass die Wildnis, das Unzivilisierte, mit denen Jack Bauer es zu tun hat, nicht in einem Raum liegen, der noch zu erobern wäre. Die Wildnis von 24 umfasst, wozu Amerika heute geworden ist, und das Unzivilisierte sind seine Behörden und Industriekartelle. Mit dem, was früher Frontier hieß, verbindet sie eine entstellte Ähnlichkeit, und die Serie saugt aus der Urgeschichte des Landes, seinen Mythen und Genres alles auf, was mit Gewalt beladen ist, und phantasiert es weiter in einer Zeit der korrupten Regierungen und totalen Überwachungstechniken. Und wie seine Vorfahren im Western ist Jack Bauer der einsame Kämpfer, der über dem Gesetz steht, damit das Gesetz wieder in Kraft treten kann. Einer, der nie dazugehören wird zu der Gemeinschaft guter Menschen, für die er kämpft, einer, der dort auch gar nicht sein könnte: Manche Leute fühlen sich eben in der Hölle zu Hause, so beschreibt Jack Bauers Kollege Tony, wo sie stehen. Doch weil er das Gute will und am Ende auch das Gute schafft, bleibt Jack Bauer, wie alle großen amerikanischen Helden, in einem Zwischenreich gefangen, und seine Moral, immer wieder erschüttert, immer wieder untergraben, ausgehöhlt, herausgefordert und missbraucht, hält stand, vielleicht nicht vor einem weltlichen, aber vor dem letzten, jüngsten Gericht.
Der längste Tag seines Lebens
Selbst diese Engführung mit den breiten Strömen populärer Mythen hat allerdings ihre Ausschläge ins hinterhältig Gegenläufige. Es gibt eine Szene in der fünften Staffel, in der Jack aus einem Flammenmeer auftaucht mit einem Mann auf den Schultern, den zu retten er sein Leben riskiert hat. Unzählige Male haben wir diese Szene gesehen, in Western, Katastrophen- und Welterrettungsfilmen, John Wayne ist so aus dem Feuer erschienen, Bruce Willis in Armageddon oder auch Tom Cruise im Krieg der Welten. Immer waren es Freunde, die der Held den Flammen entriss, Gefährten, für die er sein Leben gegeben hätte. Jack Bauer aber rettet einen Feind. Einen, den er demnächst foltern wird.
Wenn er das nicht selber tut, tritt Burke auf, der Spezialist für solche Fälle bei CTU, ein Bürokrat mit Spritzenkasten, der durch Injektionen unerträgliche Schmerzen beim Verhörten auslösen kann. Call Burke ist inzwischen fast eine Art running gag geworden, obwohl man über Folter ja nicht lachen sollte, und Kiefer Sutherland, ein Hollywood-Linker, sagt dazu: Im Fernsehen ist Folter eine dramaturgische Entscheidung. Weil das so ist und sich das Mittel langsam erschöpft, werden wir demnächst wohl etwas weniger davon sehen. Es gibt übrigens auch eine komische Rolle, die in 24 allerdings nicht von einem alten Mann, wie im Western üblich, sondern von einer jungen Frau (Mary Lynn Rajskub) gespielt wird. Sie heißt Chloe, ist Computerspezialistin bei CTU und kann alle Überwachungskameras auf dem Boden oder im All so koordinieren, dass Jack Bauer jeden findet, der auf amerikanischem Boden unterwegs ist. Sie hat einige seltsame Angewohnheiten, kommt mit ihrem Privatleben nicht klar und ist der typische odd ball, der eine Geschichte wie diese dann doch irgendwo in der Wirklichkeit ankern lässt.
Im Vorspann der Folgen der ersten Staffel hören wir Sutherlands Stimme, die gepresst und tonlos haucht: This is going to be the longest day of my live. Wenn man das vierundzwanzigmal in wenigen Tagen gehört hat, wird es zur inneren Stimme, eine Warnung, die zweite, dann die dritte, die vierte und fünfte Staffel eingeschweißt liegenzulassen, nach draußen zu gehen, Freunde anzurufen, Schlaf nachzuholen. Ich habe das nicht geschafft und Jack Bauer zugeschaut, wie er tut, was zu tun ist, bis zum Ende der fünften Staffel. Natürlich war der glückliche Ausgang zwei Minuten vor Schluss eine Finte, und der Cliffhanger, der in der letzten folgte, ist kaum erträglich: Was erwartet Jack Bauer in China?
In den Vereinigten Staaten ist die sechste Staffel gerade im Fernsehen abgelaufen, am 11. Mai erscheinen die DVDs auf dem englischsprachigen Markt. Sie werden deutlich teurer gehandelt als für 19,90 Euro, aber ich denke längst, ich muss sie haben, koste es, was es wolle.
Text: F.A.Z., 05.05.2007, Nr. 104 / Seite Z1
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv