Von Elke Heidenreich
19. Oktober 2008 Inzwischen ist seit der Gala des Grauens, der Verweigerung des Geehrten und der Explosion der Beobachterin in der F.A.Z. eine gute Woche vergangen (siehe auch: Elke Heidenreich: Reich-Ranickis gerechter Zorn). Gestern wurde die gelassene Diskussion zwischen Reich-Ranicki und Gottschalk ausgestrahlt, die zwar total überflüssig war, aber gezeigt hat, dass der Alte unbeugsam bleibt und der Junge überschätzt wird.
Reich-Ranicki fordert Brecht am frühen Abend, wir lächeln milde und empfehlen ihm ein gutes Buch, vom Fernsehen hat er nur noch wenig Ahnung, aber sein Gespür dafür, dass es weitgehend unter Niveau ist, ist richtig.
Es muss brennen
Das ganze Theater hat etwas genützt: es hat eine längst fällige Debatte ausgelöst. Ich komme in diesen Minuten von der Buchmesse, wo hunderte von Autoren, Lesern, Buchhändlern, Verlegern, Journalisten bestätigten: wir können es auch nicht mehr ertragen. Endlich beschwert sich mal jemand. Endlich bewegt sich mal etwas.
Ob sich wirklich etwas bewegen wird, ist noch die Frage. Ich werde gescholten wegen des zu aggressiven Tons meiner Kritik. Ich gebe zu, das war scharf, aber es war auch nötig, denn wo keine Funken fliegen, brennt nichts. Jetzt brennt es. Es sind viele, die nicht noch eine Kochsendung, nicht noch ein Quiz, nicht noch eine Prominentenshow sehen wollen. Nein, nicht Brecht am frühen Abend. Aber mal Unterhaltungsshows getrost um 22 Uhr und ein etwas anspruchsvolleres Unterhaltungsprogramm zur prime time. Ach, Loriot, wo sind Sie?
Die Quoten hinterfragen
Es gibt gute Unterhaltung. Es gibt Möglichkeiten, dieses Fernsehen zu verändern und zwar nicht in Richtung der Privaten. Nicht unter-, sondern bitte überbieten. Man kann es jetzt angehen. Alles ist derzeit festzementiert für die Ewigkeit, und es ist nicht einzusehen, warum das so sein muss. Wer untersucht bitte, ob es Faulheit, Inkompetenz, Angst oder Dummheit ist? Dann kann man handeln, wie bei den Bankern.
Die kleine Büchersendung Lesen!“, die Autoren, Verlagen, Buchhandlungen, Lesern nützt und so viele Menschen ans Lesen bringt, fand anfangs um 22.15 Uhr am Dienstag statt. Sie wurde verlegt auf 22.30 Uhr am Freitag. Da kollidiert sie mit aspekte“, mit dem Politbarometer“, mit den Talkshows. Das Versprechen war: wir verlegen zurück, wenn es nicht klappt. Es klappte nicht, und es wurde nicht zurückverlegt. Die Sendung gewann alle Preise von Grimme bis Bambi, aber die Zuschauer stöhnten: Freitags ist schlecht und es ist viel zu spät. Die ARD mutet Denis Scheck für seine Literatursendung eine Zeit um 23.30 Uhr zu. Klar, verschiebt uns in die Nacht und sagt dann: komisch, die Quoten sind niedrig. Man sollte im übrigen Quoten endlich mal kompetent hinterfragen.
Man arbeitet an etwas, das man gern vergisst
Seit einem Jahr bitte ich darum, das Versprechen einzulösen oder, noch besser, einen anderen, früheren Termin zu finden. Bis zum Jahresende 2008 sollte das erledigt sein. Es ist nichts geschehen, immer heißt es nur wir arbeiten dran“. An was, wie, wann, wo? Und wer eigentlich? Der Intendant antwortet nicht auf Nachfragen, der Programmdirektor vertröstet, der Kulturchef schlägt 23 Uhr vor (prima, ist ja auch früher als 22.15 Uhr, oder? Wer möchte ihm eine Uhr schenken?) und die Redakteurin, mit der ich seit sechs Jahren so gut zusammenarbeite und die samt Team mein einziger Trost in dieser Misere ist, wird gar nicht gefragt. Wir können nicht planen, können keine Gäste einladen, es gibt keine Termine, die wir mit der Kölner Oper, in der wir aufzeichnen, fixieren könnten.
Sie hungern uns aus, und das seit lange vor dem Eklat und es hat nichts mit dem jetzigen Ausbruch zu tun. Aber nun legt mir natürlich der gekränkte Intendant des ZDF nahe, nach meiner Kritik am Sender doch besser aufzuhören. Ich denke gar nicht dran. Ich habe das Selbstbewusstsein, diese Sendung wichtig zu finden, eine Woche auf der Buchmesse hat mich darin bestätigt. Ich mache auf jeden Fall die letzten beiden Sendungen am 31.10. und am 5.12., und dann wird sich zeigen, ob ein besserer Termin zur Verfügung steht oder nun gar keiner mehr.
Kochen statt lesen
Das hätte ich dann sehr gern schriftlich, von mir aus öffentlich. Wir sind hier nicht in einer privaten Wurstfabrik und ich bin nicht die Böse, die die Mettbrötchen verunreinigt hat. Wir sind im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Bildungs- und Kulturauftrag. Ich erfülle auf meine Art sechs mal im Jahr diesen Auftrag. Ich will von einem Intendanten dafür nicht geliebt werden, ich will Anerkennung für meine Arbeit, und die habe ich dort auch immer bekommen - also bitte ich darum, nun nicht Unvereinbares zu vermischen - Kritik hier, Arbeit dort. Es geht nicht an, die Sendung nun für noch eine Kochshow aus dem Programm zu werfen, weil die Moderatorin nicht in nettem Ton spricht. Der nette Ton nutzt gar nichts.
Die Herren sind von mir enttäuscht. Ich von ihnen auch. Das ist aber vollkommen uninteressant. Es geht um viel mehr als persönliche Aversionen. Es bleibt über alle Programmdiskussionen hinaus, die jetzt bitte unbedingt in den Feuilletons geführt werden müssen, der schale Nachgeschmack dieses Gala-Abends, an dem keiner der Herren in der Lage war, ein entschuldigendes, ein erlösendes Wort zu sprechen.
Unkenntnis, Unsensibilität, Oberflächkeit
Nicht einmal dann, als MRR weg war und Gottschalk sich noch verstieg zu der Bemerkung, Tod eines Kritikers“ von Walser sei doch auch ein gutes Buch. Muss man diese Infamie kommentieren? Wer es versteht, versteht es, wir dürfen davon ausgehen, dass weder Schächter noch Bellut noch Gottschalk dieses bitterböse Buch wirklich kennen, das von einem Kritiker mit Reich-Ranickis Zügen ein vernichtendes Porträt zeichnet. Hier vermischt sich alles, Unkenntnis, Unsensibilität, Oberflächkeit und bürokratisches Unvermögen.
Der Ring ist eröffnet. Nächste Runde. Ich bleibe drin, ehe ich nicht wegen schlechter Arbeit herausgeworfen werde. Ich bin nicht Margarete Schreinemakers, die ihre Probleme in ihren Sendungen diskutiert hat. Lesen!“ bleibt den Büchern vorbehalten, ist für die Leser gemacht. Unabhängig von dieser Sendung lege ich mich aber durchaus gern öffentlich weiter an in Fragen der Qualität und der Kompetenz. Geliebt werden will ich nicht, nicht von jedem. Ich hab in dieser Hinsicht auf der Messe ordentlich getankt. Wir sind nämlich viele.
Am mir wird es nicht scheitern!
Und eines noch: Ja, für die letzte Sendung im Jahr war Thomas Gottschalk als Gast geladen. Im Grunde gegen meinen Willen, aber als Geste: ich habe schon unzählige Male Einladungen zu Wetten, dass“ ausgeschlagen, weil ich diese Sendung nicht ertrage. Weil Gottschalk aber ein bekanntes Fernsehgesicht ist, persönlich durchaus sympathisch und ja mal Lehrer werden wollte, wollte ich mit ihm über sein Lieblingsbuch reden. Warum nicht.
Er hat sich jetzt, was ich fair finde, natürlich selbst wieder ausgeladen. Stattdessen kommt Stefan Aust. Er hat dafür eine Atlantiküberquerung abgesagt. Und einen Mann wie Aust lädt man nicht wieder aus. Also werden die Sendungen am 31. Oktober mit Campino und am 5. Dezember mit Aust stattfinden. Danach scheitert es dann entweder an Inkompetenz oder Rachsucht der Verantwortlichen, bestimmt nicht an mir. Ich bin vergnügt an Bord!
Text: F.A.Z.
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