07. November 2007 Bettina Eistel ist Psychologin, Autorin und Moderatorin. Als Dressurreiterin gewann sie 2004 in Athen bei den Paralympics Medaillen. Weil ihre Mutter in der Schwangerschaft eine Contergan-Tablette nahm, wurde Bettina Eistel ohne Arme geboren. Wir fragen sie, was sie über den Film Contergan denkt.
Frau Eistel, vor fünfzig Jahren hat die Firma Grünenthal das Medikament Contergan“ auf den Markt gebracht. So oft wie in diesen Tagen hat man Contergangeschädigte noch nie im Fernsehen gesehen.
Es ist ein richtiger Hype. Überall stellt man die gleichen Fragen: Wie kommen Sie ohne zwei Arme zurecht, wurden Sie als Kind gehänselt, wie viele Tabletten hat ihre Mutter geschluckt ...?
Das Thema wird dadurch wieder in die Öffentlichkeit gerückt.
Das schon. Was mich aber stört, ist die Reduzierung der Beteiligten auf Opfer und Täter: Auf der einen Seite steht die böse Firma Grünenthal und auf der anderen die armen Contergangeschädigten.
Ist da nicht etwas dran? Grünenthal ist dafür verantwortlich, dass Tausende Kinder verstümmelt geboren worden sind. Jetzt hat die Firma versucht, den Film Contergan“, der die damaligen Ereignisse nachzeichnet, zu verhindern ...
... und dadurch nur noch mehr die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Das zeugt von schlechten Imageberatern.
Auch die Familie des damaligen Anwalts der Opfer, Karl-Hermann Schulte-Hillen, hat sich gegen den Film gewehrt. Es kursieren schon Verschwörungstheorien.
Das Ganze hat Herrn Schulte-Hillen in eine sehr sinistre Nähe zu den Anwälten der Firma, seinen ehemaligen Gegnern, gebracht. Wer weiß? Gute Feinde sind sich in vieler Hinsicht sehr nah.
Am Jahrestag der Einführung von Contergan ruft der Verband der Contergangeschädigten immer zur Mahnwache vor der Firma Grünenthal auf. Haben Sie schon einmal teilgenommen?
Nein. Ich halte nichts von moralischen Schuldvorwürfen. Das hat in den vergangenen fünfzig Jahren nur zu einer Verhärtung der Opfer-Täter-Front geführt. Bei der Mahnwache tragen die Contergangeschädigten T-Shirts, auf denen ,Made by Grünenthal‘ steht. Das ist selbstironisch und intelligent. Auf Augenhöhe begibt man sich dadurch mit Grünenthal aber nicht. Wir sollten gemeinsam mehr Verantwortung übernehmen.
Und wie? Grünenthal zahlte eine Abfindung von 114 Millionen Mark. Was erwarten Sie von der Firma?
Das Geld, das die Firma damals in eine Stiftung einzahlte, ist aufgebraucht. Bei vielen Contergangeschädigten haben sich aber durch die einseitige Gelenkbelastung neue gesundheitliche Probleme ergeben. Dadurch ist großer finanzieller Mehrbedarf entstanden. Warum gründet die Firma keinen Fonds für die Entschädigten? Warum arbeiten in der Firma keine Contergangeschädigten? Das wäre doch eine innovative Maßnahme! Wenn man sie mit ins Boot nehmen würde, dann könnte sich niemand mehr von ihnen auf seine Opferrolle zurückziehen.
Sie nehmen sich nicht als Opfer der Firma Grünenthal wahr?
Wir sind Betroffene in einer Gesellschaft, die gegenüber Andersfunktionellen Vorbehalte hat. Bei dem Begriff ,Opfer‘ schwingt immer die Bedeutung von Schwäche mit, die Schutz erfordert. Aber Schutz kann sehr ambivalent sein. Unter dem Deckmantel des Schutzes wurde mir zum Beispiel als Kind verboten, das Gymnasium zu besuchen. Der damalige Hamburger Schulsenator meinte, für mich als Kind ohne Arme sei das Abitur doch eine Quälerei. Aber meine Eltern sagten: je mehr Bildung, desto besser – schließlich war klar, dass ich niemals einen Handwerksberuf erlernen könnte. Sie haben darauf bestanden, dass ich einen IQ-Test mache. Er fiel so gut aus, dass mich das Gymnasium aufnehmen musste.
Sie sind nicht wütend auf Grünenthal?
Das wäre Verschwendung von Lebenszeit. Ich verschleiße mich nicht an Dingen, die nicht zu ändern sind. Empörend finde ich viel mehr, dass der Conterganwirkstoff Thalidomid in Südamerika immer noch zu Schädigung von Ungeborenen führt. Es gibt dort eine Lepramedikament, das den Wirkstoff enthält. Um vor den Nebenwirkungen zu warnen, ist auf der Packung das Piktogramm einer durchgestrichenen schwangeren Frau abgebildet. Viele analphabetische Frauen denken deshalb, es handele sich um eine Abtreibungspille, und nehmen es während der Schwangerschaft.
Sie haben Psychologie studiert, sind Leistungssportlerin und moderieren im ZDF die Sendung Menschen. Das Magazin“. Die fehlenden Arme sind Ihr Markenzeichen.
Natürlich, Contergan gehört zu mir. Aber ich möchte nicht auf meine Behinderung reduziert werden.
Wie wollen Sie vermeiden, dass man Sie in eine Schublade steckt? Die ZDF-Sendung widmet sich Themen der Aktion Mensch“ – da geht es oft um behinderte Menschen.
Ich bin als Frau ohne Arme prädestiniert für eine Behindertensendung, weil ich die Schablone der vom Schicksal Gebeutelten nicht bediene. Aber ich wäre auch in jeder anderen Talksendung gut aufgehoben, in der es um menschliche Schicksale geht.
Es heißt, dass Sie durch Ihren Erfolg den Interessen der Contergangeschädigten schaden könnten, weil die Öffentlichkeit dadurch vergessen könnte, dass viele der Betroffenen psychische Probleme haben und in Armut leben.
Ich will mich nicht vor den Karren der Vorzeige-Conti-Frau spannen lassen, und ich bin kein Opfer – von niemandem. Wer sich als Opfer gibt, wird auch als solches behandelt. Ich habe mich von Kindesbeinen an angestrengt, meiner Umwelt – und vor allem mir selbst – zu beweisen, dass ich leistungsstark und kompetent bin, und dafür gekämpft, meinen Aktionsradius zu erweitern.
Benutzen Sie den Begriff behindert“ für sich?
Ich sage immer, ich bin anders funktional. Behindert“ ist so negativ besetzt; es impliziert, dass ich an irgendetwas gehindert werde. Manchmal wären Arme wirklich schon sehr praktisch. Aber wenn die berühmte gute Fee kommen würde und ich dürfte mir etwas wünschen, dann wären das nicht zwei Arme, sondern meinen Reiterhof.
Fragen Sie sich manchmal, ob Sie mit zwei Armen genauso erfolgreich geworden wären?
Vielleicht hätte keine Notwendigkeit bestanden, dass ich derart viel Kreativität entwickele. Behinderte sind prädestiniert dafür, kreativ zu denken. Um sich in der Welt bewegen zu können, müssen sie eigene Lösungswege finden. Dieses Potential wird von der Gesellschaft unterschätzt.
Das Gespräch führte Karen Krüger.
Text: F.A.Z.
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