Von Peer Schader

Zurück in der Wildnis: Dirk Bach und Sonja Zietlow moderieren "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus"
10. Januar 2008 Was werden all die Ratten, Spinnen und die Kakerlaken froh gewesen sein, dass ihnen das Fernsehen diese kleine Verschnaufpause gegönnt hat, bis sie die nächsten Menschen ekeln, erschrecken und bekrabbeln müssen. Anfang Dezember hat das britische Fernsehen die Koffer gepackt, sein Lager abgebaut und seine Restprominenten wieder mit nach Hause genommen. Dann war Ruhe im Dschungel. In fünf Tagen kommt RTL mit neuen Opfern im Schlepptau.
An diesem Freitag startet in Deutschland die dritte Staffel der Trash-Show Ich bin ein Star - Holt mich hier raus, in der Prominente zwei Wochen lang so tun müssen, als hausten sie ohne Unterstützung der Außenwelt im gefährlichen australischen Busch, der in Wirklichkeit bloß ein hübsch zurechtdekorierter Safaripark für karrieregeknickte Beinahe-Stars ist. Es gibt Mutproben, jede Menge Rumgezicke, und zum Schluss wird ein Dschungelkönig gewählt, der davon nicht viel hat, außer in der Boulevardpresse deswegen ein Weilchen gefeiert zu werden.
Eigentlich Gift fürs RTL-Abendprogramm
Über fünfzig Prozent Marktanteil holte RTL vor vier Jahren bei den jungen Zuschauern, als Costa Cordalis nach zwei Wochen Ekelurlaub unter Palmen auf den Thron stieg, nachdem bereits so illustre Persönlichkeiten wie Daniel Küblböck und Susan Stahnke auf der Strecke geblieben waren. Ein halbes Jahr später folgte Lästerkönigin Désirée Nick auf den Thron. Die Zuschauer fanden's klasse, die Werbekunden pfui: Wer will schon in den Pausen einer Show, bei der Känguruhoden und Würmer verspeist werden, Werbung für Milchschokolade oder Geflügelwurst machen? Also schien die Angelegenheit für RTL erledigt. Beim Geldverdienen hört der Spaß schließlich auf.
Umso erstaunlicher ist es, dass der Sender sich nach der langen Pause nun doch zu einer neuen Staffel aufrafft. Woche für Woche sickerten zuletzt Kandidaten (siehe auch: Bild für Bild: Die neuen Dschungelshow-Kandidaten) per Bild-Zeitung durch: Fußballer Eike Immel ist dabei, außerdem Schlagersänger Bata Illic, Ex-Pornostar Michaela Schaffrath, Moderator Björn-Hergen Schimpf, die Modedesignerin Barbara Herzsprung, die Sängerin Lisa Bund, Profitänzerin Isabel Edvardsson, Schauspielerin Julia Biedermann, Musiker DJ Tomekk und Popstar Ross Antony. Dabei ist Ich bin ein Star . . . eigentlich Gift fürs durchgeplante RTL-Abendprogramm, in das jetzt für zwei Wochen eine Schneise mit Tageszusammenfassungen aus dem Camp geschlagen wird. Es geht uns darum, wieder Gesprächsthema Nummer eins zu sein und ein Highlight zu setzen, begründet RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt den Entschluss. Und das ausgerechnet, nachdem sie sich zweieinhalb Jahre bemüht hat, alles so herzurichten, dass die Zuschauer bloß nicht auf die Idee kommen, bei RTL könnten sie noch Überraschungen erwarten.
Wer braucht da noch Innovationen?
Gesprächsthema Nummer eins zu sein, das schafft RTL nämlich nur noch in Ausnahmen. Nach den wilden achtziger und neunziger Jahren ist der Sender braver und stiller geworden. Erotikshows und Krawalltalks sind passé, das Einzige, worüber sich noch streiten ließe, ist, warum einer wie Marco Schreyl große Abendshows moderieren darf. RTL ist zwar immer noch Marktführer beim jungen Publikum, auf das die Werbeindustrie so sehr schielt. Aber warum eigentlich? Provoziert wird schon lange nicht mehr. Das neue Ziel heißt: Verlässlichkeit. Oder wie Unterhaltungschef Tom Sänger sagt: Man kann dem Publikum nicht ständig bloß Neues vorsetzen.
So geht Fernsehen nach dem RTL-Prinzip: verlässliche Programmabläufe schaffen, den Zuschauern bloß nicht zu viel zumuten, im Zweifel die Kalkulation vor die Kreativität stellen und von Zeit zu Zeit zaghaft neue Sendungen wagen, die am besten nicht ganz so sehr vom Rest des Programms abweichen. Der Zuschauer weiß ganz genau, was ihn auf den einzelnen Sendeplätzen erwartet, erklärt Schäferkordt.
Das klappt ganz gut. Immerhin war 2007 das Jahr, in dem Deutschland sucht den Superstar die besten Quoten seit der ersten Staffel holte. Das Jahr, in dem acht Millionen Zuschauer Bauer sucht Frau sehen wollten und der kauzige Berater Peter Zwegat bei Raus aus den Schulden sogar die Super Nanny in den Schatten stellte. Es war auch das Jahr, in dem Günther Jauch nicht zur ARD gegangen ist. Und es war das Jahr, in dem RTL mit amerikanischen Serien wie CSI und Dr. House der Konkurrenz am Abend wieder das Fürchten lehrte, weil sich diesen Erfolgen kaum etwas entgegensetzen ließ. Wer braucht da schon noch Innovationen?
Hand in Hand auf Quotenjagd
Von den im Schnitt 17 Prozent Marktanteil, die unter Senderchef Gerhard Zeiler erzielt wurden, ist RTL zwar seit Jahren ein ganzes Stück entfernt. Aber den kleinen Schwächeanfall im Jahr 2006, als der Sender in der Gunst der Zuschauer gefährlich abzurutschen drohte, scheint überwunden. Anke Schäferkordt, die sich bei ihrem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren zum Ziel gesetzt hatte, RTL wieder so stark wie früher zu machen, ist vorsichtiger mit ihren Prognosen geworden: 17 Prozent? - Ich glaube nicht, dass diese Zahl in ein paar Jahren noch erreichbar sein wird. Das liege vor allem daran, dass viele digitale Sender als Konkurrenten hinzukämen, die den großen Programmen Zuschauer streitig machten, wenn auch in Maßen. RTL hat sich darauf eingestellt und eigene Digitalkanäle gegründet, in denen noch einmal alles rauf und runter läuft, was die Zuschauer schon kennen.
Ein großes Glück ist der Erfolg des Schwestersenders Vox. Der hatte gerade das beste Jahr seiner Geschichte und holt mit amerikanischen Serien und Vorabendreihen wie Das perfekte Dinner inzwischen fast acht Prozent Marktanteil beim jungen Publikum. Anstatt sich gegenseitig die Marktanteile wegzunehmen, haben RTL und Vox es geschafft, ihre Programme so aufeinander abzustimmen, dass der Erfolg des kleinen dem großen Sender kaum geschadet hat. Und gemeinsam kann man der Konkurrenz besonders effektiv Zuschauer abjagen, meint Schäferkordt: Natürlich müssen wir zusammen auf die Programmplanung schauen, um die Zuschauer nicht an einem Abend mit demselben Genre anzusprechen.
Das bedeutet : Montags laufen amerikanische Serien bei Vox, dienstags bei RTL, mittwochs wieder bei Vox und so weiter. Ähnlich geht das mit Dokusoaps und Filmen. Und während Das perfekte Dinner am Abend das Publikum ab dreißig Jahren bedient, holt RTL sich mit seiner Soap Alles, was zählt die jüngeren.
So blöd sind die Zuschauer auch wieder nicht
Im neuen Jahr geht jetzt alles wieder von vorne los: In zwei Wochen darf Dieter Bohlen Gesangstalente in der sechsten Runde von Deutschland sucht den Superstar ärgern. Im Februar kommt die Erziehungscamp-Show Teenager außer Kontrolle wieder, angesichts der derzeitigen politischen Diskussion wohl ein sicherer Erfolg. In ein paar Monaten verkuppelt Inka Bause die nächsten Bauern. Und weil Sternekoch Christian Rach am Sonntag erfolgreich miese Restaurants auf Vordermann gebracht hat, gilt es als sicher, dass er, wie zuvor schon Bauer sucht Frau, mit Rach, der Restauranttester in die Hauptsendezeit rückt.
Platz für Experimente bleibt bei dieser Struktur kaum - weil immer die Gefahr besteht, dass dann der ganze schöne Programmablauf flöten geht. Nirgendwo sieht man das besser als am Freitag, der seit einer halben Ewigkeit für Comedy reserviert ist, auch wenn den Machern dort nichts mehr einfällt. Vermutlich gibt es eine gewisse Sättigung bei den Zuschauern, sagt Schäferkordt. Aber wenn wir es schaffen, die besten Comedys zu produzieren, werden wir damit auch Erfolg haben. Das, was RTL zuletzt am Freitag zeigte, kann damit nicht gemeint sein. Und vor jede Sketchparade mit immer denselben Comedians den Zusatz Mario Barth präsentiert: zu setzen, um erfolgreich zu sein, ist keine Lösung - so blöd sind die Zuschauer nämlich auch wieder nicht. Versuchsweise soll es ab Mitte Januar Ex-Viva-Zwei-Ekel Niels Ruf als Scheidungsanwalt Herzog richten. Und in zwei Wochen startet am Donnerstag endlich Die Anwälte, eine eigenproduzierte Serie mit Kai Wiesinger, die schon seit Monaten im Schrank liegt und jetzt im Doppelpack mit dem aufgepeppten Post Mortem läuft, das RTL wider Erwarten fortgesetzt hat.
Du gibst mir Kraft, trällert ein RTL-Soapstar
Die größte Baustelle ist der Nachmittag, wo die Gerichtsshows weichen mussten, weil das Publikum zu alt war, aber noch kein Ersatz gefunden ist. Unterhaltungschef Sänger: Wir arbeiten an einem einheitlichen Konzept. Im Moment sind dort noch die Genres vermischt. Das werden wir aufheben, um eine einheitliche Struktur zu schaffen.
Mut scheint gerade genug da zu sein - so viel sogar, dass Senderchefin Schäferkordt mit dem Mythos aufräumen will, gegen Wetten dass . . .? im ZDF sei für die Konkurrenz kein Kraut gewachsen. Im Januar muss Thomas Gottschalk gegen das Finale von Ich bin ein Star . . . und das zweite Casting bei Deutschland sucht den Superstar senden. Das könnte spannend werden, weil DSDS der ZDF-Koryphäe im vergangenen Jahr in der direkten Konfrontation schon einmal Zuschauer abgejagt hat. Schäferkordt ist zuversichtlich: Wir können und wollen uns nicht mehr erlauben, jeder ,Wetten dass . . .?'-Sendung auszuweichen. Es muss sich einfach etablieren, dass man auch gegen diese Show Erfolg haben kann.
So viel Selbstsicherheit drückt sich gleich auch im neuen RTL-Lied aus, das künftig durch Trailer und Werbetrenner dudeln soll, gesungen von einem der RTL-Soapstars: Mit dir fühle ich mich frei / Du gibst mir Wärme, du gibst mir Kraft / Mit dir zusammen hab ich nichts verpasst / Bei dir bin ich zuhaus. Der Titel heißt: Ein Leben lang. Wenn das mal keine Drohung ist.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.01.2008, Nr. 1 / Seite 27
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