FAZ.NET-Fernsehkritik

Mit den Augen eines Sehers

Von Andreas Platthaus

Nur einmal stimmt er vorbehaltlos zu: Helmut Schmidt mit Sandra Maischberger

Nur einmal stimmt er vorbehaltlos zu: Helmut Schmidt mit Sandra Maischberger

04. Juli 2007 Es ist fast vier Jahre her: Helmut Schmidt sitzt in New York, schräg vor ihm Wolfgang Schäuble. Schmidt, damals vierundachtzig Jahre alt, ist zu seinem letzten großen Besuch in die Vereinigten Staaten gekommen, und seine Besuchsliste enthält auch den seinerzeitigen stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der CDU, der gleichzeitig auf politischer Mission in New York ist. Der Herbst 2003 steht im Zeichen des Sieges der Amerikaner im Irak und von dessen Folgen. Die beiden Deutschen sprechen über Krieg. Schmidts Augen blicken plötzlich weg von Schäuble, direkt in die Kamera und doch unendlich weit in die Ferne. Er sagt: „Das hat mich in den letzten Monaten etwas besorgt gemacht, dass hier Leute über Krieg und Frieden entscheiden, die keine Erfahrung mit dem Krieg haben.“

Es ist ein gespenstischer Moment in der Fernsehdokumentation „Helmut Schmidt außer Dienst“, die Sandra Maischberger und Jan Kerhart gemeinsam gedreht haben. Gespenstisch nicht, weil Schmidt etwas ausgesprochen hätte, das uns überraschen könnte - es gehörte immer zu seinem Begriff von Rationalität, dass Erfahrung mehr zählt als Theorie. Sondern gespenstisch, weil Schmidt mit den Augen eines Sehers zu uns spricht: „Es wird ein schlimmes Jahrhundert werden“, murmelt er. Gespenstisch aber auch, weil seine Bemerkung es an der gängigen Politikerhöflichkeit fehlen lässt, denn wenige Augenblicke zuvor erst hatte Schäuble den Generationenunterschied zwischen den beiden Männern damit erläutert, dass er keine Erinnerung an den Krieg habe. Nolens volens gibt Schmidt seinem Gesprächspartner zu verstehen, dass dessen Aufenthalt in New York zu diesem Zeitpunkt nutzlos sei. Wer nicht den Krieg erlebt hat, soll vom Kriege schweigen.

„Es wird kalt hier“

Kein Freund von Wegelagerern: Helmut Schmidt

Kein Freund von Wegelagerern: Helmut Schmidt

Helmut Schmidt hat den Krieg erlebt, und seine Erinnerungen daran sowie an die ersten Jahre seiner Ehe mit Loki Schmidt zählen zu den beeindruckendsten Passagen des Porträts, das trotz des Titels genauso Frau Schmidt gewidmet ist. Der Altkanzler macht kein Hehl daraus, dass er über Leichen gehen musste, auch wenn er als Flaksoldat die toten Gegner nicht sah. Etwas von dieser Einstellung hat Schmidt heute wieder eingeholt: Seine bittere Ungeduld ist typisch für alternde starke Charaktere. Kaum eine Aussage der allerdings auch impertinenten Sandra Maischberger bleibt unwidersprochen. Nur einmal stimmt er vorbehaltlos zu. Auf die Frage, ob er einen gewissen Stolz auf seine Bescheidenheit hege, antwortet Schmidt: „So ist es richtig gesagt.“

Das ist aus seinem Munde ein Kompliment von hohem Rang, denn für Schmidt zählt immer nur die Tat. Deshalb ist es so schwierig, einen Film auf Unterhaltungen mit ihm aufzubauen. Schmidt agiert, er schauspielert. Wenn ihm eine Frage zu dumm ist, wendet er sich ab: „Es wird kalt hier. Wir sollten nach Hause gehen.“ Loki Schmidt ist anrührender, weil sie keine Antwort schuldig bleibt. Bei ihr fasziniert die rücksichtslose Ehrlichkeit, bei Schmidt die ehrliche Rücksichtslosigkeit.

Der Film widerlegt ihn

Begonnen haben die Dreharbeiten zu dem Doppelporträt vor mehr als fünf Jahren, und der Schwerpunkt des Materials stammt von 2003 und 2004. Warum die Fertigstellung so lange gedauert hat, kann man erahnen, weil immer wieder die labile Gesundheit der Schmidts zur Sprache kommt. Immerhin haben Maischberger und Kerhart der Versuchung widerstanden, die drohenden Lücken durch Befragung von Weggefährten zu füllen. Was dabei herausgekommen wäre, zeigen die Taktlosigkeiten von Theo Sommer, die ihren Weg in den Film gefunden haben.

Zweimal, darauf einigt sich das Ehepaar Schmidt, habe Helmut Schmidt in seinem Leben geweint, beide Male aus Freude. Er neige nicht zu Wehmut, sagt er bei seiner Abreise aus Amerika. Doch der Film widerlegt ihn - erfreulicherweise unkommentiert, ganz im Vertrauen auf die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Nach einem Besuch von Henry Kissinger im Hamburger Bungalow bringt ihn Helmut Schmidt ans Auto. Diesmal geht sein Blick aus der Kamera weg, dem abfahrenden Kissinger hinterher. Schmidt weiß, dass es das letzte Mal gewesen sein könnte, dass er den Freund sah. Diese verzweifelte Einsicht berührt mehr als alle seine Weisheiten zur Weltpolitik.

Heute Abend um 22.45 Uhr im Ersten.



Text: F.A.Z., 04.07.2007, Nr. 152 / Seite 36
Bildmaterial: NDR/Jan Kerhart/Vincent TV, obs

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