Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder

Der alte Mann und die dicke Tante

Von Peer Schader

24. Februar 2008 Neulich sind Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder auf die Bühne gekommen, und er hat zu ihr gesagt: „Sie sehen heute wieder aus wie geleckt, Sie kleine fette Schnecke.“ - „Gut, dass Sie's sagen, Sie altes magersüchtiges Frettchen“, hat sie gekontert. Da sind die Zuschauer ausgerastet vor Vergnügen.

Das geht jetzt schon seit zwanzig Jahren so. Eine untersetzte Frau im bunten Overall und ein dürrer Mann mit lockigem Haar und tiefen Gesichtsfurchen beleidigen sich gegenseitig vor Publikum. Bisher hat keiner verlangt, dass sie damit aufhören sollen. Wäre ja auch schade. Denn Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder sind Überbleibsel einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Zwei, die ins Fernsehmuseum gehörten, wären sie nicht noch so gut darin, den Zuschauern am Fernseher einen vergnüglichen Abend zu bereiten, bei dem niemandem allzu große Denkleistungen abverlangt werden.

Die Frau mit dem Lachen, welches so sehr bebt, dass es sich auf der Richterskala messen ließe, und der Mann, dessen Witze so alt sind, dass Charlie Chaplin sie für überholt gehalten hätte, waren Ende der achtziger Jahre mit daran schuld, dass der kleine Privatsender RTL ein ganz großer wurde. Als sie gingen, war RTL Marktführer bei den jungen Zuschauern. Und ist langweilig geworden. Jetzt müssen sie dem Krisensender Sat.1 aus der Patsche helfen. Und der denkt gar nicht daran, einer fast Fünfzigjährigen und einem fast Sechzigjährigen zu signalisieren: Entschuldigung, aber ihr seid zu alt für unsere Zielgruppe.

„Was erzählen wir denn gleich?“

Der alte Mann und die dicke Tante sind offenbar unverzichtbar fürs Privatfernsehen. Sie waren dabei, als es groß geworden ist, und sie sind jetzt dabei, wenn es alt wird. Das ist doch konsequent.

Balder kam vom Radio und hatte am Düsseldorfer Kommödchen gespielt, von Sinnen studierte in Köln Theater, Film und Fernsehen. 1988 standen sie zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera, für die RTL-Quatschshow „Alles nichts oder?!“, bei der Prominente Partyspielchen gewinnen mussten, damit die Moderatoren zum Schluss Torten ins Gesicht bekamen - eine Parodie auf öffentlich-rechtliche Korrektheit mit sauber ausformulierten Doppelmoderationen. Bei RTL war zu dieser Zeit nichts sauber ausformuliert. Balder sagt: „Wir standen immer hinter der Deko und haben kurz vor der Sendung gesagt: Was erzählen wir denn gleich?“ Und als es später dann doch mal geschriebene Gags gab, „konnte man sicher sein, dass ich sie vergeige“, gibt Hella von Sinnen zu. Aber da hat das Publikum ja wieder drüber gelacht.

Erst wenige Wochen vor der ersten Sendung lernten die beiden sich kennen, bei einer Besprechung in der RTL-Kantine. Hella von Sinnen erzählt: „Ich kam rein und hab' gesagt: Hallo, ich bin Hella von Sinnen und lesbisch. Hugo hat gesagt: Prima, ich steh' auch auf Frauen. Wir machen das.“

Niemand hat den beiden reingeredet

Also haben sie das gemacht: Schauspieler, Sänger und Moderatoren eingeladen, die auf einem Tortensofa Platz nehmen mussten, Karaoke singen, Suchaufgaben lösen und Bilderrätsel entziffern. Am Anfang hat es einiges an Überredungskunst gekostet, Gäste zu finden, die sich auf diese Kindereien einlassen wollten. Es hat ja damals keiner gewusst, was von diesem Krawallsender aus Luxemburg zu halten sei, den kaum jemand empfangen konnte. In der ersten Aufzeichnung war Diether Krebs dabei. „Der kapierte alle Spiele“, erinnert sich Hella von Sinnen, „es war eine wunderbare Sendung.“ In der zweiten kam Elisabeth Volkmann, und das war eine Katastrophe, weil die gar nicht verstand, was die beiden Moderatoren von ihr wollten. Aber da war längst entschieden, dass es weitergeht. Es gab keine Pilotsendung, keine Marktforschung, bloß den Test vor Publikum. RTL brauchte ja Programm. Man kam sich vor wie in einem großen Familienunternehmen, sagt Balder, und dass „Alles nichts oder?!“ bei Sat.1 zu dieser Zeit wohl nie möglich gewesen wäre. Bei RTL allerdings regierte ein wahnsinniger Wiener namens Helmut Thoma, und der sagte bloß: „Dann machmers halt!“

„Wenn man sich vorstellt, dass dieser Laden zehn Jahre nach seiner Gründung Europas größter Fernsehsender war - das ist unfassbar“, sagt Balder. Niemand hat den beiden reingeredet. „Wir hatten das Privileg, um unsere Gäste herum eine Show basteln zu können“, sagt von Sinnen, „und ich glaube, dass man in ,Alles nichts oder?!‘ viel mehr über die Gäste gelernt hat als in irgendeiner normalen Talkshow. Sie mussten zeigen, ob sie Humor haben.“

Ein kleiner Streit in all den Jahren

Harald Schmidt war da, Günther Jauch, Paul Kuhn, Bata Illic, Klaus und Klaus, Joy Fleming und Heinz Schenk, der sich bei einem der Spiele so arg das Knie aufschubberte, dass er nachher zum Arzt musste. Es war eine Zeit, in der RTL hart daran arbeitete, seine Unschuld zu verlieren, und von Sinnen und Balder standen an vorderster Front - sie in ausladenden Kostümen, die sie sich anfangs aus dem Kleiderschrank ihrer WG mit Dirk Bach zusammengenäht hat, er in immer derselben schwarzen Lederhose. Bis es irgendwann doch mal Zoff gab. Balder hatte sich als Moderator der Busenparade „Tutti Frutti“ unbeliebt gemacht, und einmal glaubte von Sinnen, sich nach ihrem Lesben-Outing mit ihm in einer Kolumne für „Emma“ anlegen zu müssen. Nachher habe sie sich entschuldigt, und Balder habe sofort angenommen: „Er ist für einen Show-Mann so überraschend uneitel. Hugo hat eine Souveränität, die ich bei anderen in diesem Geschäft noch nicht gesehen habe.“

Dieser kleine Streit sei der einzige gewesen in all den Jahren, versichern die beiden, und das kann man glauben oder nicht. Nach fünf Jahren war es dann trotzdem aus mit „Alles nichts oder?!“. Balder produzierte mit großem Erfolg „RTL Samstag Nacht“, von Sinnen versuchte sich an der Feminismus-Show „Weiber von Sinnen“ und „Wenn die Putzfrau zweimal klingelt“ bei RTL 2, bis diese eingestellt wurde und sie plötzlich ohne Engagements dastand. Dann war Krise. „Ich dachte eine Zeitlang, Fernsehen sei das Wichtigste in meinem Leben, und wenn ich da nicht mehr auftauche, hab' ich ein Problem.“ Aber sie hatte keine Wahl und tourte anschließend mit einem Bühnenprogramm durch deutsche Mehrzweckhallen.

Die beiden Alten aus der RTL-Muppetshow

Bei Balder kam der Absturz später. Er produzierte die RTL-Überraschungsshow „April, April“ mit Frank Elstner, dann den Show-Flop „Fata Morgana“, schwor sich, nie wieder vor der Kamera stehen zu wollen, und brach dieses Selbstversprechen dann irgendwann ausgerechnet bei Neun Live, um einen Tanzmarathon zu präsentieren. Damit hätten diese Karrieren eigentlich beendet sein können. Bis etwas Erstaunliches passierte. Das ZDF meldete sich und fragte, was denn aus der Idee geworden sei, die Balder vor Jahren mal vorgeschlagen hatte: eine Show, in der Comedians Antworten auf skurrile Fragen finden müssen, die von den Zuschauern eingeschickt wurden. Sieben Jahre hat er versucht, das zu verkaufen, inspiriert von einer Show im französischen Radio. Aber alle haben sie abgelehnt.

Das ZDF ließ dann doch zwei Pilotsendungen produzieren, war begeistert, wollte die Reihe einkaufen - und meldete sich nicht mehr. Irgendwann wurde es Balder zu bunt, er erzählte Matthias Alberti, damals Unterhaltungschef von Sat.1, davon, und der kaufte noch am selben Tag „Die schlaue Stunde“, die dann nicht mehr so heißen durfte, aber kurze Zeit später als „Genial daneben“ bei Sat.1 auf Sendung ging. Weil Jürgen von der Lippe abgesagt hatte, moderierte Balder wieder selbst und holte seine frühere Moderationskollegin als Anführerin des Rateteams. „Genial daneben“ ist zu einem der größten Erfolge geworden, den Sat.1 bis heute vorzuweisen hat.

Plötzlich waren sie wieder gefragt, die beiden Alten aus der RTL-Muppetshow, und haben einfach da weitergemacht, wo sie neun Jahre zuvor aufgehört hatten. Das Publikum flippt immer noch aus, wenn Hella von Sinnen den lieben Herrn Balder beschimpft und der zurückwitzelt. Vielleicht hat sich das Fernsehen in all den Jahren verändert. Der Humor des Publikums offenbar nicht.

„Ich bin Nebel, du bist Raab

Natürlich liegt der Erfolg von „Genial daneben“ auch daran, dass das simple Konzept der Sendung und die wechselnde Besetzung des Rateteams exakt die Spontaneität zulässt, die schon „Alles nichts oder?!“ ausmachte und die dem Fernsehen aus Angst vor der Unberechenbarkeit zwischendurch verlorengegangen war. Aber gemeinsam mit dem Kollegen Bernhard Hoëcker sind von Sinnen und Balder das Gerüst dieses Erfolgs. Eigentlich ist es kein Wunder, dass Sat.1 irgendwann auf die Idee kam, die beiden wieder das machen zu lassen, was sie am besten können: Prominente durch Partyspielchen zu jagen. Vor zwei Jahren zeigte Sat.1 das erste „Promi ärgere dich nicht“, eine überdimensionale Fernsehvariante des Brettspiels, bei dem Soap-Darsteller, Boulevardmoderatoren und Castingstars, als Spielfiguren verkleidet, um die Wette hüpfen. Über fünf Millionen sahen zu - ein Traumwert für Sat.1.

Inzwischen moderieren Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder wieder regelmäßig zusammen. Die Sendungen heißen „Jetzt wird eingelocht!“, wenn es ums Minigolfen geht, „Jetzt wird eingeseift!“, wenn im Schnee gespielt wird, oder „Jetzt geht's auf den Rummel!“, wenn der Sender das Studio zum Jahrmarkt umbaut. Zweieinhalb Stunden dauern diese Spektakel, und das ist nicht ihr einziger Nachteil. Denn anders als bei „Alles nichts oder?!“, das ja davon lebte, Promis in Situationen zu sehen, in denen man sie nicht kennt, macht es eben nicht so viel Spaß, Reiner Calmund, dem Sat.1-Ermittler Ingo Lenßen, Ex-Bohlen-Freundin Estefania Küster, Model Jana Ina oder dem Ex-Boxer Axel Schulz beim Punktekampf zuzuschauen, weil diese Leute ständig in solchen Sendungen auftauchen.

Sat.1 hat bloß so wenig Alternativen. Deswegen moderiert Balder nebenbei auch noch die ständig wiederholte Oldie-Show „Die Hit-Giganten“, saß bei „Star Search“ in der Jury und führt durch das am Freitag startende Musical-Casting „Ich Tarzan, du Jane“. „Ich hab' schon überlegt, ob ich mich verkleide, damit es nicht so auffällt“, sagt er. Aber sein Autor und Kumpel Jacky Dreksler erklärt ihm immer: Sei froh, dass du überhaupt noch im Fernsehen bist.

Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen sind gerade nicht vom Bildschirm wegzudenken. „Wir sind irgendwo zwischen Stefan Raab und Carmen Nebel“, meint Hella von Sinnen bitterernst. Und Balder sagt: „Ich bin Nebel, du bist Raab.“ Dann lacht sie wieder ihr lautes Lachen. Das ist vielleicht albern. Aber aus irgendeinem Grund steckt es an.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Creaps, Cinetext/GAL, Cinetext/Galuschka, Cinetext/RM, Cinetext/VE

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