Thema Kaukasus bei Maybrit Illner

Mit dem Rückzug ist es vorbei

Von Michael Hanfeld

Die Moderatorin und der kalte Krieger aus Moskau: Maybrit Illner und Igor Maximytschew

Die Moderatorin und der kalte Krieger aus Moskau: Maybrit Illner und Igor Maximytschew

29. August 2008 Das erlebt man nicht alle Tage, oder besser: Man hat es seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt. Dass es in einer Talkshow um etwas geht. Dass die Spiegelfechterei und Phrasendrescherei aufhört. Dass aufscheint, was ist - gerne auch unfreiwillig - und nicht, was Politiker und andere uns weismachen wollen. Dass es ernst wird. Dass es längst ernst ist, das demonstrierte einer in dieser Runde mit einem gezielten theatralischen Effekt zum Ende der Sendung hin. Der entscheidende Satz lautete: „Mit dem Rückzug ist es vorbei.“

Bei Maybrit Illner ging es also um Georgien und Russland und um den bedrohten Frieden im Kaukasus und in Europa. Der georgische Präsident Michail Saakaschwili war zugeschaltet, ein kalter Krieger aus Moskau war da, der ehemalige Diplomat Igor Maximytschew, der auf friedlichen Ausgleich setzende ehemalige Verteidigungsminister Volker Rühe, die kämpferische Grüne Marie-Luise Beck, der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Klaus Mangold und schließlich der Journalist Peter Scholl-Latour, der immer noch im Kalten Krieg lebt und es liebt, in zwei drei Sätzen, die flugs vom Thema wegführen, die ganze Welt und die ersten und die letzten Fragen der Menschheit zu beantworten.

Gefährlicher als im Kalten Krieg

Peter Scholl-Latour beantwortet die ersten und die letzten Fragen der Menschheit in zwei, drei Sätzen

Peter Scholl-Latour beantwortet die ersten und die letzten Fragen der Menschheit in zwei, drei Sätzen

Auf ihn hätte man an diesem Abend gut und gerne verzichten können, hätte er nicht den einen sinnvollen Satz gesagt, dass die jetzige Situation vielleicht noch gefährlicher sei als jene im Kalten Krieg. Denn damals, so ergänzte Volker Rühe, hätten sich zwar die Panzer am Checkpoint Charlie gegenüber gestanden, doch habe es wenigstens noch Regeln gegeben. Was das für Regeln waren, das spielte auf die Schnelle keine Rolle, würde man nur einen Moment über die wahnsinnige Konsequenz der gegenseitigen atomaren Bedrohung nachdenken, mit der vor allem die sowjetische Militärführung seinerzeit kühl kalkulierte, verginge einem am Ende ja doch nur Hören und Sehen.

Zu hören und zu sehen aber war bei Maybrit Illner zunächst der georgische Präsident Saakaschwili, der sich selbstverständlich gut vorbereitet hatte, um seine Sicht der Dinge darzulegen. Er tat das ebenso eloquent wie durchaus überzeugend, insofern Maybrit Illner ihn ins Spiel kommen ließ. Zu Beginn meinte sie tatsächlich, sie könne ihn im kurzen Frage-Antwort-Wechsel vernehmen. Doch sollte man wohl damit rechnen, dass, wenn man den Präsidenten eines frisch von einem anderen Staat halb besetzten Landes in der Leitung hat, der dem Westen zeigen will, was bei ihm los ist und nicht so schnell aufhört, etwas zu sagen. Also zeigte Saakaschwili, wo genau Georgier aus Süd-Ossetien vertrieben wurde und wo es die größten Zerstörungen gab, angerichtet von ossetischen Milizen und der russischen Armee.

Die Fragen der Moderatorin machten derweil - genau wie die kurzen Einspielfilme der Redaktion - einen ratlosen Eindruck. Tenor: Man könne ja eigentlich gar nicht wissen, was in den letzten Tagen in Georgien vorging. Der eine sagt dies, der andere sagt das, so dass man am Ende vielleicht doch ein bisschen Verständnis für die Russen haben könnte, die sich ja auch selbst als Opfer darstellen. Auf diesem Trip waren leider dann auch die Frager, welche die Redaktion von Maybrit Illner zum anschließenden Internet-Chat mit Igor Maximytschew durchstellte. Nur ja nicht die Frage stellen, warum die russischen „Friedenstruppen“ sich mitten in Georgien eingegraben und den Hafen von Poti zerstört haben. Oder wer für die hunderttausend Flüchtlinge verantwortlich ist und die Infrastruktur in weiten Teilen Georgiens zerstört hat. Das könnte ja unangenehm werden.

Eine in ihrem Selbstwertgefühl verletzte Großmacht

Allzu unangenehm wurde Maybrit Illner nicht mit ihren Fragen. Man hatte den Eindruck, dass es ihr nicht ganz leicht fiel, sich direkt nach der Sommerpause von den eingeübten Ritualen harmloser Geschwätzigkeit loszusagen, die unsere Talkshows sonst auszeichnen. Auch die leichten Anflüge von Flachsereien waren selten so fehl am Platz wie an diesem Abend. Da halten wir es doch lieber mit Marie-Luise Beck, die sowohl die politischen Fehler des Westens, darunter selbstredend die der Vereinigten Staaten (Raketenabwehr vor Russlands Haustür) aufzählte, als auch die rücksichtlose Machtpolitik der russischen Regierung benannte und schließlich - das machte dann endlich auch Rühe in ihrem Schlepptau - auf die Freiheitsrechte der Länder in Osteuropa hinwies, die es sich gefälligst selbst aussuchen können sollen, von wem sie wie regiert werden und in welches Bündnis sie eintreten wollen. Kein Wunder, dass Igor Maximytschew der Grünen-Politikerin gegenüber mit seinem bedrohlich eingesetzten Bass ausfällig wurde. Er personifizierte an diesem Abend, was nicht nur Letten, Esten, Litauer, Ukrainer, Polen und Tschechen frösteln macht - eine zutiefst in ihrem Selbstwertgefühl verletzte einstige Weltmacht, die sich wieder stark fühlt und nach ihrer alten Größe greift.

Niemand müsse sich vor Russland fürchten, sagte Maximytschew. Nicht die Ukrainer, es sei denn, sie griffen Russland an. Nicht die Esten, es sei denn, sie griffen Russland an. Dabei solle man bedenken, dass es in den Nachbarländern achtzig Millionen „Auslandsrussen“ gebe. Mit denen, so darf man hinzufügen, Putin und Medwedjew ganz genau kalkulieren. Wer weiß, wenn man noch heimholen muss ins russische Reich. Schade nur, dass ein solches Kalkül außerhalb der Vorstellungswelt eines Wirtschaftsvertreters wie Klaus Mangold vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft liegt. Der redete die ganze Zeit nur von den tausenden deutschen Unternehmen, die von Russland abhängig seien und umgekehrt.

Es folgte „Hundeschule und Sexpapst“

Volker Rühe unterscheidet: Im kalten Krieg habe es zumindest noch Regeln gegeben

Volker Rühe unterscheidet: Im kalten Krieg habe es zumindest noch Regeln gegeben

Ein spannender politischer Abend war das also bei Maybrit Illner im ZDF, der es nicht gelingen wollte halbwegs sinnstiftend auf die nachfolgende Sendung des Kollegen Markus Lanz hinzuweisen, der sich mit den üblichen läppischen Themen beschäftigen sollte; die Ankündigung seiner Show lautete auf die Themen: „Hundeschule und Sexpapst“.

Könnte es sein, dass auch nach dieser Talkshow noch nicht alle mitbekommen haben, worum es geht? Weil es so überfallartig daherkommt und inmitten eines sonst auf Entspannung getrimmten Programms aufscheint. Zitieren wir noch einmal Igor Maximytschew, der zum Vormarsch in Georgien sagte: „Mit dem Rückzug ist es vorbei.“ Und: Russland stehe „mit dem Rücken zur Wand.“

Wies auf die Freiheitsrechte der osteuropäischen Länder hin: Marie-Luise Beck

Wies auf die Freiheitsrechte der osteuropäischen Länder hin: Marie-Luise Beck

Wir werden sehen, in welche Länder die russische Führung ihre Truppen als nächstes zum Rückzug befiehlt. Und was dem Westen, vor allem der EU, dazu einfällt.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Svea Pietschmann

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