Von Elise Cannuel
08. Juli 2008 Was sagt das Geflügel?, pflegte der Général de Gaulle zu fragen. Gemeint war die satirische Wochenzeitung Le Canard Enchaîné, die an die Kette gelegte Ente, die seit Jahrzehnten eine der erfolgreichsten und beliebtesten Zeitungen in Frankreich ist. Nicht zuletzt beobachten die Berater des jetzigen Präsidenten Nicolas Sarkozy jede Ausgabe der Canard Enchaîné - denn Sarkozys eigenartige Art zu regieren ist für die Ente ein gefundenes Fressen.
Beißende politische Satire und hintergründiger Humor sind ihr Warenzeichen. Das imaginäre Tagebuch der Carla B. wird seit der Hochzeit von Carla Bruni und dem Präsidenten jede Woche auf Seite eins gedruckt - es wurde bis zum Ende der Amtszeit des Präsidenten verkündet. Seit Nicolas Sarkozy an der Macht ist, geht es der Ente finanziell besser denn je, wobei sie von der Krise des Pressewesens verschont blieb. 2006 hatte die Canard Enchaîné eine durchschnittliche Auflage von 406.488 Exemplaren.
Weder Werbung noch großer Internet-Auftritt
Die 1915 in Paris gegründete Canard Enchaîné, eine der ältesten Zeitungen Frankreichs, gilt in der Pressewelt als Kuriosum, weil sie weder der Werbung, die sie grundsätzlich ablehnt, noch ihrem minimalen Internet-Auftritt ihren Erfolg verdankt. Während alle anderen Zeitungen Frankreichs sich verzweifelt um mehr Anzeigen bemühen, Sparpläne entwerfen und Stellen streichen, bewährt sich das wirtschaftliche Modell der Canard Enchaîné: völlige Unabhängigkeit, keinerlei Werbung, keine riskante Investition. Die Wochenzeitung ergänzte sich bloß mit einem Lexikon, dem Dico Canard, und einer jährlichen Sonderausgabe zu bestimmten Themen, 2007 etwa zur Pressefreiheit in Frankreich. Mit ihren acht Seiten, in Schwarz und Rot gedruckt, hat die Zeitung relativ niedrige Herstellungskosten. Dafür beziehen aber die etwa sechzig Redakteure bessere Gehälter als ihre Kollegen der anderen Zeitungen.
Während viele Zeitungen und Zeitschriften sich begeistert oder notgedrungen auf das Internet-Zeitalter umstellten, wagte die Ente nur einen Fuß in den Cyber-Tümpel, wie es auf der Website heißt. Ein umfangreicheres Online-Angebot wurde zwar in Erwägung gezogen, man fand aber ohne Werbung keine überzeugende Finanzierungsmöglichkeit. Die Website lecanardenchaine.fr, die sich auf ein Impressum beschränkt, wurde nur deshalb besetzt, damit andere den Namen nicht missbrauchen. Die Zeitung hat gute Gründe, sich auf das Papier zu verlassen. Sie verfügt mit einer für französische Verhältnisse hohen Abonnementquote von fünfzehn Prozent über eine sehr stabile Leserschaft.
Unveräußerliche Aktien
Der Verlag Éditions Le Maréchal-Canard Enchaîné, dessen tausend Aktien unveräußerlich sind, gehört den Nachfahren des Gründers Maurice Maréchal und der Redaktion. Das Gründungsstatut schließt jede Übernahme aus. Während die großen Verleger der französischen Presse zu Sarkozys engsten Freunden gehören, erfreut sich die Canard politischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Sie besitzt dazu ihre eigenen mit Entenmotiven und antiquierten Karikaturen bemalten Wände.
Die Treue der Leser zur Canard Enchaîné lässt sich unter anderem mit ihrer Beständigkeit erklären. Ihr Emblem ist nach wie vor eine kleine Ente mit Hut und Fliege. Seit den zwanziger Jahren erfuhr das Layout kaum Veränderungen. Bilder gibt es keine, sondern Karikaturen bekannter Zeichner wie Cabu, die der satirischen Herangehensweise der Zeitung frommen. Auch in ihrem Ton ist die Canard mit der Vorliebe für Wortspiele wie gewöhnungsbedürftige Schüttelreime sich treu geblieben. Feste Serien und Rubriken werden der Aktualität angepasst.
Auf die Schnauze
Vor dem Tagebuch der Carla B. war das Tagebuch der Xavière T. zu lesen, der in Skandale verwickelten Frau des ehemaligen Pariser Bürgermeisters Jean Tibéri. Mit der Rubrik Plouf - platsch - bietet die Canard Enchaîné jetzt eine globalisierungskritische Spalte, mit À travers la presse déchaînée - durch die losgekettete Presse - werden Druckfehler der anderen gemeldet, mit Pan sur le bec! - auf die Schnauze - die eigenen Errata. Les insolents de la semaine, die Frechen der Woche, ertappen die anderen Zeitungen, die die Regierung oder jetzt den Präsidenten Sarkozy befürworten, und Prises de bec, Auseinandersetzungen, porträtieren Prominente kritisch.
Die Canard Enchaîné setzt aber nicht nur auf Satire, sondern auch auf die Qualität ihrer Texte und die Exklusivität ihrer Informationen. Sie weigert sich, mit Agenturmeldungen zu arbeiten: Es wird in jedem Punkt selber ermittelt. Die Zeitung ist für ihre Enthüllungen von kleinen und großen Skandalen auf der rechten wie der linken Seite des politischen Spektrums bekannt. Beispielsweise deckte sie die Verantwortung Maurice Papons für die Verschleppung der französischen Juden während der deutschen Besatzung auf sowie Jacques Chiracs Affäre, als er Bürgermeister von Paris war.
Die befreite Schabe
Als kürzlich die Ausgabe vom 18. Juni eine Vereinbarung zwischen dem Produzenten der Sängerin Bruni und dem öffentlichen Radiosender France Inter erwähnte, wurde die Information von verschiedenen Medien online aufgegriffen: Der Geschäftsführer von France Inter, der kein begeisterter Anhänger Sarkozys sei und sich zu oft kritisch geäußert habe, werde sich durch eine verschleierte Werbekampagne für Brunis letzte CD auf France Inter die Verlängerung seines Vertrags durch den von dem Präsidenten nominierten Conseil Supérieur de l'Audiovisuel sichern, behauptete die Zeitung. Dass keine andere der großen Pariser Zeitungen solche Informationen druckt, mag von ihrer immer größeren Zurückhaltung den politischen und wirtschaftlichen Mächten gegenüber zeugen.
Nicht von der Krise der Presse, sondern von der politischen Macht wurde die Canard Enchaîné von Zeit zu Zeit bedroht, von der Zensur in ihren ersten Jahren und einem Abhörskandal, bei dem als Klempner verkleidete Agenten des französischen Geheimdienstes 1973 versuchten, die Redaktion zu verwanzen. An gerichtlichen Auseinandersetzung herrscht bei der Canard Enchaîné kein Mangel. Doch die Ente schnattert weiter. Sie bekam sogar Nachwuchs, etwa die senegalische Zeitung Le Cafard libéré (Die befreite Schabe). Die Canard Enchaîné scheint eine glänzende Zukunft zu haben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes